Art. 219 ZPO — Anwendung des ordentlichen Verfahrens
Gesetzeswortlaut
Art. 219 ZPO — Anwendung des ordentlichen Verfahrens
Die Bestimmungen dieses Titels gelten für das ordentliche Verfahren sowie sinngemäss für sämtliche anderen Verfahren, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt.
Kommentierung
I. Bedeutung und systematische Stellung
Art. 219 ZPO ist die zentrale Verweisungsnorm des Zivilprozessrechts. Das ordentliche Verfahren (Art. 219–242 ZPO) bildet das Grundmodell; die Sonderverfahren enthalten bloss Ausnahmebestimmungen. Fehlen in den Sonderverfahren eigene Regelungen, greift Art. 219 ZPO und verweist auf die Normen des ordentlichen Verfahrens. Die Norm sichert die Einheitlichkeit der Zivilprozessordnung und vermeidet Wiederholungen im Gesetzestext (BGE 146 III 237, E. 3.2).
II. Grundregel: Sinngemässe Anwendung
1. Ordentliches Verfahren als Grundmodell
Art. 219 ZPO etabliert ein Stufenverhältnis: Das ordentliche Verfahren ist der Regelfall, alle Sonderverfahren bilden Ausnahmen. Für jede Prozessnorm ist zu fragen: Gibt es im Sonderverfahren eine eigene Regelung? Wenn nein, greift die sinngemässe Anwendung des ordentlichen Verfahrens.
2. Tragweite der sinngemässen Anwendung
«Sinngemäss» bedeutet nicht «identisch». Die Analogieanwendung muss mit der Natur des jeweiligen Sonderverfahrens vereinbar sein (BGE 141 I 97, E. 3.1). Zwei Voraussetzungen:
- Gesetzliche Lücke: Das Sonderverfahren enthält keine eigene Regelung
- Kompatibilität: Die Norm des ordentlichen Verfahrens ist mit der Natur des Sonderverfahrens vereinbar
III. Grenzen der sinngemässen Anwendung
1. Ausdrückliche gesetzliche Abweichungen
Das Gesetz trifft für die Sonderverfahren ausdrückliche Abweichungen:
- Vereinfachtes Verfahren (Art. 243–247 ZPO): Keine mündliche Verhandlung auf Verlangen (Art. 244 Abs. 2 ZPO), erleichterte Klageform, Schlichtungsversuch zwingend
- Summarisches Verfahren (Art. 274–276 ZPO): Beschränkter Sachverhaltsermittlungsgrundsatz, erweiterte Novenzulassung, verkürzte Fristen
- Familienrechtliches Verfahren (Art. 271 ff. ZPO): Offizialmaxime (Art. 273 ZPO), Ehevermittlung, besondere Kindesschutzvorschriften
Wo das Gesetz eine abweichende Regelung trifft, geht diese als lex specialis dem ordentlichen Verfahren vor.
2. Immanente Grenzen der Kompatibilität
Selbst ohne ausdrückliche Abweichung sind Normen des ordentlichen Verfahrens nicht sinngemäss anwendbar, wenn sie mit der Natur des Sonderverfahrens unvereinbar sind:
- Einfache Beweiswürdigung im summarischen Verfahren (Art. 274 ZPO) ist mit der umfassenden Beweiserhebung des ordentlichen Verfahrens nicht voll kompatibel (BGE 146 III 237, E. 3.2)
- Offizialmaxime im Familienrecht lässt die Dispositionsmaxime des ordentlichen Verfahrens nicht zu (BGE 141 III 376, E. 4.1)
IV. Novenrecht im summarischen Verfahren
1. Aktenschluss und Noven
BGE 146 III 237 klärt: Im summarischen Verfahren tritt der Aktenschluss nach dem zweiten Schriftenwechsel nach Massgabe des ordentlichen Verfahrens ein. Unbeschränkt Noven sind danach zulässig. Art. 219 ZPO führt das Novenrecht des ordentlichen Verfahrens sinngemäss ein, wo das summarische Verfahren keine eigene Regelung trifft.
2. Beschränkung der Noven im vereinfachten Verfahren
Im vereinfachten Verfahren (Art. 243 ff. ZPO) gilt die Novenbeschränkung sinngemäss, aber mit der Massgabe, dass der Schlichtungsversuch (Art. 197 ff. ZPO) als erster Schritt zwingend ist und die Novenregelung des ordentlichen Verfahrens erst nach dem Schlichtungsverfahren eintritt.
V. Säumnis und Fristen
BGE 138 III 483: Bei versäumter Stellungnahme zum Rechtsöffnungsbegehren wird keine Nachfrist im Sinne von Art. 223 ZPO angesetzt. Die Säumnisfolge des ordentlichen Verfahrens gilt sinngemäss, wird aber durch die Besonderheiten des summarischen Verfahrens modifiziert: Die kurzen Fristen im Rechtsöffnungsverfahren lassen keinen Raum für die Nachfristregelung des ordentlichen Verfahrens.
VI. Verfahrensgarantien
1. EMRK-Konforme Auslegung
Art. 6 EMRK ist auf das Verfahren der definitiven Rechtsöffnung anwendbar, obwohl es sich um ein summarisches Verfahren handelt (BGE 141 I 97, E. 3.1). Die Verfahrensgarantien des ordentlichen Verfahrens gelten sinngemäss, soweit mit der Natur des Rechtsöffnungsverfahrens vereinbar.
2. Rechtliches Gehör
Das rechtliche Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 6 EMRK) gilt in allen Verfahrensarten ohne Ausnahme — auch ohne Art. 219 ZPO wäre es verfassungsrechtlich garantiert (BGE 141 I 97, E. 4.2).
VII. Kasuistik
| Fallgruppe | Relevante Rspr. | Ergebnis |
|---|---|---|
| Aktenschluss/Noven | BGE 146 III 237 | Ordentliches Verfahren sinngemäss, aber mit Einschränkungen |
| Säumnis im Rechtsöffnungsverfahren | BGE 138 III 483 | Keine Nachfrist nach Art. 223 ZPO sinngemäss |
| Abänderung vorsorglicher Massnahmen | BGE 141 III 376 | Ordentliche Regelung sinngemäss, aber Offizialmaxime |
| EMRK im Rechtsöffnungsverfahren | BGE 141 I 97 | Art. 6 EMRK gilt sinngemäss |
VIII. Verhältnis zu anderen Normen
- Art. 219–242 ZPO: Ordentliches Verfahren (Grundmodell)
- Art. 243–247 ZPO: Vereinfachtes Verfahren (Sonderregel)
- Art. 274–276 ZPO: Summarisches Verfahren (Sonderregel)
- Art. 271–273 ZPO: Familienrechtliches Verfahren (Sonderregel)
- Art. 29 Abs. 2 BV: Rechtliches Gehör (verfassungsrechtliche Gewähr)
- Art. 6 EMRK: Faires Verfahren (völkerrechtliche Gewähr)
Literatur
- OnlineKommentar ZPO, Laurent Grobéty, Art. 219
- Sutter-Somm, Kommentar ZPO, 3. Aufl. 2020
- Oberhammer, in: Berner Kommentar, ZPO Art. 219