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Rechtsprechung zu Art. 28 ZGB

I. Leitentscheide (BGE)

BGE 143 III 297, E. 5 — Medienkampagne

  • Thema: Medienkampagne als widerrechtliche Persönlichkeitsverletzung
  • Kernaussage: Die Beteiligung an einer Medienkampagne kann eine übermässige Einmischung in die Individualität des Betroffenen darstellen. Der Verletzte kann Gewinnherausgabe und Genugtuung verlangen.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1 (Mitwirkung), Abs. 2 (überwiegendes Interesse)

BGE 136 III 410, E. 2–6 — Observation

  • Thema: Überwiegendes privates Interesse als Rechtfertigung
  • Kernaussage: Die privatdetektivische Observation verletzt die Privatsphäre, ist aber nicht widerrechtlich, wenn das Interesse an der Verhinderung eines Versicherungsbetrugs überwiegt. Interessenabwägung im Einzelfall.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 2 (überwiegendes privates Interesse)

BGE 127 III 481, E. 2c — Recht am eigenen Bild

  • Thema: Veröffentlichung von Fotografien / Interessenabwägung
  • Kernaussage: Die gegen den Willen veröffentlichte Fotografie stellt eine Verletzung des Rechts am eigenen Bild dar. Die Interessenabwägung entscheidet über die Widerrechtlichkeit.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 2 (überwiegendes öffentliches Interesse)

BGE 126 III 305, E. 4 — Presssrechtlicher Persönlichkeitsschutz

  • Thema: Widerrechtlichkeit bei Presseberichterstattung
  • Kernaussage: Grundsatzentscheid zum Ausschluss der Widerrechtlichkeit und zur Persönlichkeitsverletzung durch die Presse bei Veröffentlichung von wahren bzw. unwahren Tatsachen, Meinungsäusserungen und Werturteilen.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1 (Mitwirkung), Abs. 2 (Widerrechtlichkeit, Pressefreiheit)

BGE 125 III 70, E. 3 — Mobbing

  • Thema: Persönlichkeitsverletzung im Arbeitsverhältnis
  • Kernaussage: Die Aufforderung, sich einer Vertrauensarztuntersuchung zu unterziehen, verletzt die Persönlichkeit ohne besondere Umstände nicht schwer. Grenzen des Persönlichkeitsschutzes im Arbeitsverhältnis.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1 (Persönlichkeitsverletzung im Arbeitsverhältnis)

II. Weitere Bundesgerichtsentscheide

BGE 141 IV 437, E. 3 — Stalking

  • Thema: Wiederholte Belästigung als Persönlichkeitsverletzung
  • Kernaussage: Bei wiederholter Belästigung (Stalking) ist jeder Einzelakt geeignet, die Persönlichkeitssphäre massiv zu verletzen.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1

BGE 126 III 209, E. 3 — Presse und Rechtfertigung

  • Thema: Interessenabwägung bei Presseberichterstattung
  • Kernaussage: Tatsachenwidrige persönlichkeitsverletzende Äusserungen lassen sich mit dem Informationsauftrag der Presse kaum je rechtfertigen.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 2 (Rechtfertigungsgründe)

BGE 138 II 346, E. 5 — Google Street View

  • Thema: Datenschutzrechtlicher Persönlichkeitsschutz
  • Kernaussage: Art. 28 ZGB wird durch das DSG konkretisiert. Bei der Publikation von Personendaten in Google Street View ist die Widerrechtlichkeitsprüfung nach Art. 13 Abs. 1 DSG i.V.m. Art. 28 Abs. 2 ZGB vorzunehmen.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 2 (gesetzliche Rechtfertigung, Datenschutz)

BGE 143 I 377, E. 6 — Observation ohne gesetzliche Grundlage

  • Thema: IV-Observation verstösst gegen Persönlichkeitsschutz
  • Kernaussage: Eine von der IV-Stelle angeordnete Observation entbehrt einer genügenden gesetzlichen Grundlage und verstösst gegen Art. 8 EMRK bzw. Art. 13 BV.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 2 (Rechtfertigung durch Gesetz)

BGE 134 I 229, E. 3.1–3.3 — Privat- vs. öffentlich-rechtlicher Schutz

  • Thema: Abgrenzung ZGB- vs. BV-Persönlichkeitsschutz
  • Kernaussage: Der zivilrechtliche Persönlichkeitsschutz (Art. 28 ff. ZGB) und der öffentlich-rechtliche Schutz (Art. 29/30 BV) decken sich nicht vollständig.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1 (Abgrenzung)

BGE 122 IV 311 — Ehrverletzung und Unschuldsvermutung

  • Thema: Verhältnis zum strafrechtlichen Ehrenschutz
  • Kernaussage: Zivilrechtlicher und strafrechtlicher Ehrenschutz decken sich nicht. Auch nicht strafbare Äusserungen können nach Art. 28 ZGB widerrechtlich sein.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1 und 2

BGE 95 II 481 — Juristische Personen (Gründungsentscheid)

  • Thema: Persönlichkeitsschutz juristischer Personen
  • Kernaussage: Der allgemeine Schutz der Persönlichkeit (Art. 27 und 28 ZGB) kommt grundsätzlich auch den juristischen Personen zu.
  • Einschlägig für: Art. 28 Abs. 1 (juristische Personen)

III. Doctrin-Timeline

JahrBGERechtsgrundsatz
1998BGE 125 III 70Mobbing als Persönlichkeitsverletzung
2008BGE 134 I 229Abgrenzung privat- vs. öffentlich-rechtlicher Persönlichkeitsschutz
2010BGE 136 III 410Observation: überwiegendes privates Interesse
2015BGE 141 IV 437Stalking als Persönlichkeitsverletzung
2017BGE 143 III 297Medienkampagne als widerrechtliche Persönlichkeitsverletzung
2017BGE 143 I 377Observation ohne gesetzliche Grundlage verstösst gegen Art. 28 ZGB

Letzte Aktualisierung: 31.05.2026