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Art. 27 ZGB — Rechtsfähigkeit und Freiheit

Gesetzeswortlaut

Art. 27 ZGB — Rechtsfähigkeit und Freiheit

1 Auf die Rechts- und Handlungsfähigkeit kann niemand ganz oder zum Teil verzichten.

2 Niemand kann sich seiner Freiheit entäussern oder sich in ihrem Gebrauch in einem das Recht oder die Sittlichkeit verletzenden Grade beschränken.

Kommentierung

I. Bedeutung und systematische Stellung

Art. 27 ZGB ist eine der fundamentalsten Normen des Zivilgesetzbuchs. Abs. 1 schützt die Rechts- und Handlungsfähigkeit als statusrechtliche Grundlage der Rechtsordnung. Abs. 2 verbietet übermässige Freiheitsbeschränkungen und fungiert als materieller Ordre public — die zivilrechtliche Ausprägung der Grundrechtsdogmatik im Privatrecht (BGE 138 III 322, E. 4.2).

Die Norm hat Doppelfunktion: Sie ist Statusgarantie (Abs. 1) und Vertragskontrollnorm (Abs. 2). In beiden Funktionen ist sie zwingendes Recht — von ihr kann nicht dispositiv abgewichen werden.

II. Abs. 1 — Unverzichtbarkeit der Rechts- und Handlungsfähigkeit

1. Begriff

Rechtsfähigkeit (Fähigkeit, Träger von Rechten und Pflichten zu sein) und Handlungsfähigkeit (Fähigkeit, durch eigene Handlungen Rechte und Pflichten zu begründen, zu ändern oder aufzuheben) sind unverzichtbar (BGE 134 III 511, E. 2.1). Jede vertragliche Abrede, die darauf gerichtet ist, die Rechts- oder Handlungsfähigkeit ganz oder teilweise aufzugeben, ist nichtig (Art. 20 ZGB).

2. Anwendungsbereich

Abs. 1 erfasst:

  • Sklavereiverträge und Verträge über persönliche Unfreiheit
  • Verzicht auf Prozessführungsbefugnis (prozessuale Handlungsfähigkeit)
  • Verzicht auf Ehefähigkeit (Fähigkeit zur Eheschliessung)
  • Verzicht auf Testierfähigkeit (Fähigkeit, ein Testament zu errichten)
  • Vorabverzicht auf gesetzliche Unterhaltsansprüche (unter Vorbehalt der Insolvenzbeständigkeit)

3. Teilnichtigkeit

Ein Vertrag, der eine unverzichtbare Fähigkeit zum Gegenstand hat, ist insgesamt nichtig, nicht nur in der unverzichtbaren Klausel (BGE 90 II 9, E. 4). Die Teilnichtigkeit nach Art. 20 Abs. 2 OR ist nur anwendbar, wenn der Vertrag ohne die nichtige Klausel noch einen sinnvollen Rest darstellt.

III. Abs. 2 — Freiheitsschutz

1. Entäusserungsverbot

Abs. 2 Satz 1 verbietet die entgültige Entäusserung der Freiheit: Niemand kann sich auf Dauer einer anderen Person unterwerfen. Dies betrifft:

  • Sklaverei- und Leibeigenschaftsverträge (insgesamt nichtig)
  • Arbeitsverträge mit unverhältnismässig langer Bindung (teilnichtig, soweit übermässig)
  • Unwiderrufliche Vollmachten, die die Handlungsfreiheit faktisch ausschalten

2. Beschränkungsverbot

Abs. 2 Satz 2 regelt die zulässige Beschränkung von Freiheit: Beschränkungen sind nur zulässig, soweit sie nicht Recht oder Sittlichkeit verletzen. Der Massstab ist objektiv: Es kommt nicht darauf an, ob der Betroffene die Beschränkung als übermässig empfindet, sondern ob sie für einen vernünftigen Menschen offensichtlich unannehmbar ist (BGE 138 III 322, E. 4.3).

Die drei Prüfungsstufen:

  1. Rechtsverletzung: Verstösst die Beschränkung gegen zwingendes Recht? → Nichtigkeit nach Art. 20 ZGB
  2. Sittenverletzung: Verstösst die Beschränkung gegen die good morals? → Nichtigkeit nach Art. 20 ZGB i.V.m. Art. 27 Abs. 2 ZGB
  3. Angemessenheit: Ist die Beschränkung für einen vernünftigen Menschen annehmbar? → Wenn nein, Nichtigkeit

IV. Materieller Ordre public

BGE 138 III 322 klärt: Art. 27 Abs. 2 ZGB fungiert als materieller Ordre public. Verträge, die zu einer offensichtlichen und schwerwiegenden Persönlichkeitsverletzung führen, verstossen gegen den Ordre public und sind nichtig. Dies gilt insbesondere für:

  • Verträge, die die menschliche Würde verletzen
  • Vereinbarungen, die eine Person in wirtschaftliche Abhängigkeit zwingen
  • Übermässige Wettbewerbsverbote (vgl. Art. 346 OR, BGE 131 I 223)

V. Inhaltskontrolle von Verträgen

Art. 27 Abs. 2 ZGB ist der zentrale Massstab für die Inhaltskontrolle von Verträgen im Schweizer Privatrecht:

1. Übermässige Bindungen

  • Überlange Karenzzeiten in Arbeitsverträgen
  • Unverhältnismässige Vertragsstrafen (BGE 138 III 322)
  • Übermässige Nichtbewerbensklauseln

2. Wettbewerbsverbote

Die Sittenwidrigkeit von Wettbewerbsverboten beurteilt sich nach Art. 27 Abs. 2 ZGB i.V.m. Art. 346 OR (BGE 131 I 223). Kriterien:

  • Dauer: Über 3 Jahre sind in der Regel unzulässig
  • Räumlicher Umfang: Weltweite Verbote sind grundsätzlich sittenwidrig
  • Sachlicher Umfang: Muss auf das unbedingt Notwendige beschränkt sein
  • Entschädigung: Fehlende Entschädigung verstärkt die Sittenwidrigkeit

3. Prozessfinanzierungsvereinbarungen

BGE 131 I 223: Prozessfinanzierungsvereinbarungen unterliegen der Inhaltskontrolle nach Art. 27 Abs. 2 ZGB. Eine Erfolgsbeteiligung von über 30% kann gegen die Sittlichkeit verstossen, wenn sie den Kläger faktisch um den Erfolg des Prozesses bringt.

VI. Verhältnis zu Grundrechten

Art. 27 ZGB und die Grundrechte stehen in einem Verstärkungsverhältnis (Art. 8 BV Rechtsgleichheit, Art. 10 BV Recht auf Freiheit):

  • Art. 27 Abs. 1 ZGB ist die zivilrechtliche Ausprägung des Rechts auf Rechtsfähigkeit (Art. 8 BV)
  • Art. 27 Abs. 2 ZGB ist die zivilrechtliche Ausprägung des Freiheitsrechts (Art. 10 BV)
  • Die Grundrechte wirken mittelbar über Art. 27 ZGB in das Privatrecht (Drittwirkung)

VII. Kasuistik

FallgruppeRelevante Rspr.Ergebnis
Ordre publicBGE 138 III 322Sittenwidrigkeit bei offensichtlicher Persönlichkeitsverletzung
WettbewerbsverbotBGE 131 I 223Inhaltskontrolle nach Art. 27 Abs. 2 i.V.m. Art. 346 OR
ProzessfinanzierungBGE 131 I 223Übermässige Erfolgsbeteiligung = sittenwidrig
StatusgarantieBGE 90 II 9Nichtigkeit von Verträgen über Unfreiheit

VIII. Verhältnis zu anderen Normen

Literatur

  • OnlineKommentar ZGB, Art. 27
  • Tuor/Schnyder, Das Schweizerische Zivilgesetzbuch, 4. Aufl.
  • Schweizer, JPTK/Büchler, ZGB I, 6. Aufl. 2023, Art. 27 N. 1–35
  • Honsell/Vogt/Wiegand, ZGB I, 5. Aufl. 2020, Art. 27 N. 1–20
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