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Art. 429 StPO — Entschädigung und Genugtuung

Strafprozessrecht

Gesetzeswortlaut

10. Titel: Verfahrenskosten, Entschädigung und Genugtuung3. Kapitel: Entschädigung und Genugtuung1. Abschnitt: Beschuldigte Person

1 Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf:

a.275
eine nach dem Anwaltstarif festgelegte Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Verfahrensrechte, wobei beim Anwaltstarif nicht unterschieden wird zwischen der zugesprochenen Entschädigung und den Honoraren für die private Verteidigung;
b.
Entschädigung der wirtschaftlichen Einbussen, die ihr aus ihrer notwendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind;
c.
Genugtuung für besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug.

2 Die Strafbehörde prüft den Anspruch von Amtes wegen. Sie kann die beschuldigte Person auffordern, ihre Ansprüche zu beziffern und zu belegen.

3 Hat die beschuldigte Person eine Wahlverteidigung mit ihrer Verteidigung betraut, so steht der Anspruch auf Entschädigung nach Absatz 1 Buchstabe a ausschliesslich der Verteidigung zu unter Vorbehalt der Abrechnung mit ihrer Klientschaft. Gegen den Entschädigungsentscheid kann die Verteidigung das Rechtsmittel ergreifen, das gegen den Endentscheid zulässig ist.276

275 Fassung gemäss Ziff. I des BG vom 17. Juni 2022, in Kraft seit 1. Jan. 2024 (AS 2023 468; BBl 2019 6697).

276 Eingefügt durch Ziff. I des BG vom 17. Juni 2022, in Kraft seit 1. Jan. 2024 (AS 2023 468; BBl 2019 6697).

SR 312.0 · Stand am 1. April 2025 · Fedlex

Überblick und Bedeutung

Art. 429 StPO regelt die vermögensrechtlichen und immateriellen Ausgleichsansprüche der beschuldigten Person gegenüber dem Staat, wenn ein Strafverfahren nicht mit einer Verurteilung endet. Die Bestimmung statuiert eine verschuldensunabhängige Kausalhaftung des Gemeinwesens: Endet das Verfahren mit einem vollständigen oder teilweisen Freispruch oder einer Einstellung, hat der Staat die dadurch adäquat kausal verursachten Einbussen und Aufwendungen wiedergutzumachen (BGE 142 IV 237 E. 1.3.1). Ein behördliches Fehlverhalten oder Verschulden von Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gerichten ist nicht erforderlich.

Die Norm bezweckt die praktische Durchsetzung der Unschuldsvermutung (Art. 10 Abs. 1 StPO, Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 2 EMRK). Wer zu Unrecht in den Mahlstrom einer Strafuntersuchung geraten ist und die Belastung durch Zwangsmassnahmen, Reputationsverlust und Anwaltskosten tragen musste, soll im Falle seiner Entlastung finanziell schadlos gehalten werden. Mit der StPO-Revision 2024 (in Kraft seit 1. Januar 2024) hat der Gesetzgeber den Schutz der Wahlverteidigung substanziell gestärkt: Das Honorar bemisst sich verbindlich nach den ordentlichen Ansätzen für private Mandate (Abs. 1 lit. a Halbsatz 2), steht direkt der Verteidigung zu (Abs. 3 Satz 1) und räumt dieser ein selbständiges Beschwerderecht ein (Abs. 3 Satz 2).

Prüfschema: Die Tatbestandsmerkmale auf einen Blick

Die nachfolgende Tabelle definiert die Prüfungsreihenfolge der gesetzlichen Voraussetzungen und bildet das Inhaltsverzeichnis der Kommentierung:

Schicht / MerkmalGesetzliche GrundlagePrüfungsgegenstand und KernfrageBeweislast und Beweismass
A. Grundvoraussetzung (Verfahrensausgang)Abs. 1 IngressVollständiger oder teilweiser Freispruch, Einstellung oder Nichtanhandnahme (auch bei Schuldunfähigkeit)Aktenkundiger Endentscheid (Amtsbeweis)
B. Verteidigungskosten und AufwendungenAbs. 1 lit. aDoppelte Angemessenheitsprüfung: Beizug eines Anwalts geboten und betriebener Zeitaufwand gerechtfertigt; Honorar nach Tarif des GerichtsstandsBeschuldigte Person bzw. Wahlverteidiger; Glaubhaftmachung des Aufwands
C. Wirtschaftliche EinbussenAbs. 1 lit. bSchaden nach zivilrechtlicher Differenzhypothese (Erwerbsausfall, Stellenverlust, Spesen); adäquater Kausalzusammenhang mit dem VerfahrenBeschuldigte Person (Art. 42 Abs. 1 OR; strenge Handhabung von Art. 42 Abs. 2 OR)
D. Genugtuung bei ImmaterialunbillAbs. 1 lit. cBesonders schwere Persönlichkeitsverletzung: Freiheitsentzug (Grenze ab 3 Std., Regelfall ab 18.5 Std.), Vorverurteilung durch Medien, Missachtung des BeschleunigungsgebotsBeschuldigte Person (Darlegung der konkreten seelischen Belastung); Bemessung nach richterlichem Ermessen (Art. 4 ZGB, Tagessatz Fr. 200.-)
E. Verfahren und PrüfungsmaximeAbs. 2Prüfung von Amtes wegen im Endentscheid; Aufforderung zur Bezifferung; Ausschluss nachträglicher Verfahren nach Art. 363 ff. StPOStrafbehörde (Offizialmaxime) / Mitwirkungsobliegenheit der Partei
F. Rechtsstellung der WahlverteidigungAbs. 3Eigener Direktanspruch der Verteidigung; duale Rechtsmittellegitimation von Beschuldigtem und VerteidigerWahlverteidigung bzw. beschuldigte Person
G. Kürzungsgründe und AkzessorietätArt. 430 StPO, Art. 419 StPOKostenauflage nach Art. 426 Abs. 2 StPO wegen zivilrechtlicher Vorwerfbarkeit; Billigkeitshaftung bei SchuldunfähigkeitStrafbehörde trägt Beweislast für schuldhafte Verfahrensverursachung

Kommentierung

A. Grundvoraussetzung: Verfahrensausgang

Der Entschädigungsanspruch nach Art. 429 StPO entsteht nur dann, wenn das Strafverfahren ohne Verurteilung endet. Das Gesetz nennt den vollständigen oder teilweisen Freispruch sowie die Einstellung des Verfahrens (Art. 319 ff., Art. 329 Abs. 4 StPO).

1. Dogmatischer Anwendungsbereich

Die Bestimmung findet nach gefestigter Praxis über ihren Wortlaut hinaus auf alle verfahrensabschliessenden Endentscheide Anwendung, die einem Freispruch materiell gleichkommen:

  • Nichtanhandnahmeverfügung (Art. 310 StPO): Eine Entschädigung nach Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO kommt auch bei einer Nichtanhandnahme in Betracht, weil Art. 310 Abs. 2 StPO die Bestimmungen über die Einstellung für sinngemäss anwendbar erklärt und kein qualifiziertes Schweigen des Gesetzgebers vorliegt (BGE 139 IV 241 E. 1).
  • Schuldunfähigkeit (Art. 19 Abs. 1 StGB): Wird eine beschuldigte Person freigesprochen oder das Verfahren eingestellt, weil sie im Zeitpunkt der Tat schuldunfähig war, greift Art. 429 StPO uneingeschränkt (BGE 145 IV 94 E. 1.3). Schuldunfähigkeit schliesst jedes strafrechtliche Verschulden aus. Der Anspruch kann jedoch analog gekürzt oder verweigert werden, wenn der schuldunfähigen Person die Verfahrenskosten aus Billigkeitsgründen nach Art. 419 StPO ganz oder teilweise überbunden wurden (BGE 145 IV 94 E. 2.3).
  • Teilweiser Freispruch / Teileinstellung: Bei gemischtem Verfahrensausgang (Verurteilung in einzelnen Punkten, Freispruch in anderen) besteht der Anspruch nach dem Wortlaut von Art. 429 Abs. 1 StPO auch bei bloss teilweisem Freispruch. Im Fall von BGE 142 IV 163 (Verurteilung wegen Urkundenfälschung, Freispruch von den übrigen Vorwürfen) trug der Beschuldigte einen Zwanzigstel der Verfahrenskosten; das Bundesgericht hatte zuvor angeordnet, Entschädigung und Genugtuung seien gegebenenfalls im Verhältnis zu den auferlegten Kosten festzusetzen (Sachverhalt B).

2. Kasuistik: Freispruch infolge Schuldunfähigkeit

Die Verweigerung von Entschädigung bei psychischer Erkrankung
Dem Beschuldigten X. wurden vor dem Tribunal de police de l’arrondissement de l’Est vaudois (Polizeigericht) qualifizierte einfache Körperverletzung, Tätlichkeiten, Sachbeschädigung, Freiheitsberaubung und sexuelle Nötigung vorgeworfen. Das Gericht stellte die Verwirklichung der objektiven Tatbestände fest, sprach X. jedoch wegen vollständiger Schuldunfähigkeit (Art. 19 Abs. 1 StGB) frei und ordnete eine ambulante Massnahme nach Art. 63 StGB an; eine Entschädigung verweigerte es. Auf Berufung hin hob das Kantonsgericht Waadt die Massnahme mangels Rückfallgefahr auf, auferlegte X. jedoch einen Teil der Verfahrenskosten (erstinstanzlich auf Fr. 6'000.– reduziert) und bestätigte die vollständige Verweigerung jeglicher Entschädigung nach Art. 429 StPO mit der Begründung, es liege kein «echter Freispruch», sondern eine blosse Feststellung der Schuldunfähigkeit vor.
Erster Schritt: Freispruch ist Freispruch. Das Bundesgericht verwarf die waadtländische Praxis: Wer schuldunfähig handelt, ist unfähig zur Schuld und nicht strafbar; das Urteil lautet zwingend auf Freispruch. Art. 429 StPO ist daher vollumfänglich anwendbar (BGE 145 IV 94 E. 1.3).
Zweiter Schritt: Synchrone Kürzung nach Billigkeit. Weil das Kantonsgericht X. gestützt auf Art. 419 StPO aus Billigkeitsgründen einen Teil der Kosten auferlegt hatte, durfte die Entschädigung nach Art. 429 StPO analog gekürzt, aber nicht gänzlich verweigert werden (E. 2.4).

3. Abgrenzung: Anwendungs- vs. Verwerfungsfälle zum Verfahrensausgang

Sachverhalt / VerfahrensausgangRechtsfolge nach Art. 429 StPOEntscheid / Fundstelle
NichtanhandnahmeverfügungAnspruch kommt in Betracht: Art. 310 Abs. 2 StPO verweist auf die Regeln der EinstellungBGE 139 IV 241 E. 1
Freispruch wegen Schuldunfähigkeit (Art. 19 Abs. 1 StGB) ohne MassnahmeAnspruch bejaht: Freispruch begründet Anspruch; Kürzung nur bei Kostenauflage nach Art. 419 StPOBGE 145 IV 94 E. 1.3
Nichtanhandnahme- oder Einstellungsverfügung ohne Entschädigungsausspruch, unangefochtenNachträglich nicht mehr geltend zu machen: Die Rechtskraft der Verfügung erfasst auch die EntschädigungsfrageBGE 144 IV 207 E. 1.8.2
Vollständiger Freispruch, aber Kostenauflage nach Art. 426 Abs. 2 StPOAnspruch entfällt in der Regel: Kostenauflage schliesst Entschädigung grundsätzlich spiegelbildlich ausBGE 137 IV 352 E. 2.4.2

Leitsatz. Der Anspruch auf Entschädigung nach Art. 429 StPO knüpft an das formelle Prozessergebnis an. Jeder Verfahrensabschluss ohne Verurteilung — einschliesslich der Nichtanhandnahme und des Freispruchs wegen Schuldunfähigkeit — eröffnet den Anspruch grundsätzlich von Amtes wegen.


B. Abs. 1 lit. a: Aufwendungen für die angemessene Ausübung der Verfahrensrechte

Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO deckt die Kosten, die der beschuldigten Person zur wirksamen Wahrung ihrer Parteirechte entstanden sind. Im Zentrum stehen die Auslagen für die Wahlverteidigung.

1. Dogmatische Grundlinie: Die doppelte Angemessenheitsprüfung

Der Anspruch auf Ersatz der Verteidigungskosten unterliegt einer doppelten Angemessenheitsprüfung (BGE 138 IV 197 E. 2.3.4):

  1. Angemessenheit des Beizugs an sich: War die Beauftragung eines Rechtsanwalts angesichts der tatsächlichen oder rechtlichen Schwierigkeiten, der Schwere des Deliktsvorwurfs, der Dauer des Verfahrens oder der persönlichen Verhältnisse der Partei sachlich geboten?
  2. Angemessenheit des betriebenen Aufwands: War der zeitliche Aufwand des Verteidigers zur sachgerechten Verteidigung notwendig, oder wurden überflüssige Handlungen vorgenommen?

Bei Verbrechen und Vergehen ist der Beizug einer Verteidigung prinzipiell als angemessen zu betrachten; nur in Ausnahmefällen kann schon der Beizug an sich als nicht angemessen gelten, so etwa (als Beispiel aus der Literatur, vom Bundesgericht nicht entschieden) bei Einstellung bereits nach der ersten Einvernahme (BGE 138 IV 197 E. 2.3.5). Auch bei Übertretungen darf nicht generell davon ausgegangen werden, dass die beschuldigte Person ihre Verteidigungskosten selbst zu tragen hat; zu berücksichtigen sind Schwere des Vorwurfs, tatsächliche und rechtliche Komplexität, Verfahrensdauer und Auswirkungen auf die persönlichen und beruflichen Verhältnisse. Wird die beschuldigte Person ohne vorherige Anhörung per Strafbefehl gebüsst, ist der Anwaltsbeizug angemessen (BGE 142 IV 45 E. 2.2).

2. Kasuistik: Anwaltsbeizug bei Vergehen und Übertretungen

Der Hundespaziergang mit Plastikauszugsleine (Vergehen)
Gegen X. wurde am 23. März 2011 Strafanzeige wegen Sachbeschädigung erstattet. Ihm wurde vorgeworfen, an der A.-Strasse in Binningen mit einer Plastikhundeleine an der Hecktüre eines geparkten Fahrzeugs der Y. GmbH vorbeigestreift zu sein und einen Lackschaden von Fr. 1'142.30 verursacht zu haben. Nach einer polizeilichen Befragung als Auskunftsperson eröffnete die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft eine Strafuntersuchung wegen Vergehens (Art. 144 Abs. 1 StGB). X. mandatierte daraufhin einen Anwalt. Dieser nahm an zwei weiteren Einvernahmen teil. Am 11. August 2011 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, verweigerte jedoch jegliche Entschädigung. Das Kantonsgericht Basel-Landschaft wies die Beschwerde von X. auf Zusprechung von Fr. 2'880.45 ab: Der Fall sei simpel gewesen, der Schaden gering, ein Anwalt nicht nötig.
Das Bundesgericht pfeift das Kantonsgericht zurück: Sachbeschädigung ist ein Vergehen. Auch wenn der Vorwurf am unteren Rand der Schwelle lag, führten die Strafbehörden das Verfahren mit Hartnäckigkeit über Monate und drei Befragungen fort. Es verstösst gegen Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO, einer beschuldigten Person unter diesen Umständen das Recht abzusprechen, sich verteidigen zu lassen (BGE 138 IV 197 E. 2.3.7).

Der Rebstöcke-Streit von Lutry: Strafbefehl ohne Anhörung (Übertretung)
Die Präsidentin des Zivilgerichts des Bezirks Est vaudois erliess am 12. November 2013 superprovisorische Massnahmen und untersagte der Gesellschaft von X. unter Strafandrohung nach Art. 292 StGB, Rebstöcke auf einer Parzelle in Lutry auszureissen. Zwei Tage später liess Geschäftsführer X. durch Angestellte Rebstöcke entfernen. Die Staatsanwaltschaft verurteilte ihn am 14. Januar 2014 ohne vorherige Befragung per Strafbefehl wegen Ungehorsams zu einer Busse von Fr. 800.-. X. erhob durch seinen Anwalt Einsprache und legte Unterlagen vor, wonach er von der superprovisorischen Verfügung im Zeitpunkt der Rodung keine Kenntnis hatte. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, verweigerte aber jede Parteientschädigung; die Chambre des recours pénale des Kantonsgerichts Waadt bestätigte dies.
Das Bundesgericht schützt den Beizug: Wer vom Staat ohne vorherige Anhörung per Strafbefehl verurteilt wird, steht vor vollendeten Tatsachen und muss seine Verteidigung organisieren. In einer solchen Lage ist der Beizug eines Anwalts auch bei einer blossen Übertretung vernünftig und sachgerecht (BGE 142 IV 45 E. 2.2).

3. Massgebender Tarif und Reichweite der Kostendeckung

Die Entschädigung richtet sich nach dem Tarif des Gerichtsstands (Art. 424 StPO; BGE 142 IV 163 E. 3.1.2).

  • Keine Bindung an private Honorarvereinbarungen: Die Strafbehörden sind an vertragliche Vereinbarungen zwischen Klientschaft und Anwalt (z.B. Stundenansätze von Fr. 450.-) nicht gebunden. Vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona gilt der im Reglement (RFPPF) festgesetzte Ansatz von Fr. 200.- bis Fr. 300.-; das Bundesgericht schützte im konkreten Fall Fr. 230.- (Arbeit) bzw. Fr. 200.- (Reise) trotz Genfer Tarif von Fr. 450.- (BGE 142 IV 163 E. 3.1.1 und 3.1.3).
  • Rechtsmittelkosten sind separat zu verlegen: Der Aufwand für Rechtsmittelverfahren (Art. 393 ff., Art. 398 ff. StPO) richtet sich nach Art. 436 StPO und darf nicht mit der erstinstanzlichen Entschädigung nach Art. 429 StPO vermengt werden (BGE 142 IV 163 E. 3.2.2).
  • Gleichbehandlung mit privater Verteidigung seit 2024: Seit dem 1. Januar 2024 hält Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO fest, dass beim Anwaltstarif nicht unterschieden wird zwischen der zugesprochenen Entschädigung und den Honoraren für die private Verteidigung (BGE 151 IV 84 E. 2.2). Für die amtliche Verteidigung bleibt Art. 135 StPO massgebend (unten F.3).
  • Rechtsschutzversicherung entlastet den Staat nicht: Verfügt die beschuldigte Person über eine Rechtsschutzversicherung, die das Anwaltshonorar bevorschusst oder bezahlt hat, darf der Staat die Entschädigung nach Art. 429 StPO nicht allein deswegen verweigern (BGE 142 IV 42 E. 2.4). Mit der Versicherung deckt die beschuldigte Person nur ihr eigenes Kostenrisiko ab; ihr darf nicht das Risiko von Kosten aufgebürdet werden, die an sich dem Staat obliegen. Eine Obliegenheit, vorsorglich eine Rechtsschutzversicherung abzuschliessen, besteht nicht.

4. Privatermittlungen und Parteigutachten

Kosten für private Ermittlungen, Detektive oder private Fachgutachten (z.B. Glaubhaftigkeits- oder Verkehrsgutachten) fallen nur dann unter die «Aufwendungen» von Abs. 1 lit. a, wenn:

  1. die Einholung zur adäquaten Verteidigung objektiv geboten war (z.B. erhebliche Ermittlungslücken der Strafbehörden), und
  2. die Ergebnisse den Ausgang des Verfahrens kausal beeinflusst haben (LU KG 2M 18 33 E. 4.2.3.3, wo die Kosten zweier Privatgutachten verneint wurden, weil das behördliche Gutachten zum gleichen Ergebnis führte; vgl. auch den zugesprochenen Gutachteraufwand von Fr. 4'375.- in BGE 142 IV 237 Sachverhalt B).

5. Kasuistiktabelle: Angemessenheit des Verteidigungsaufwands

Konstellation / VorwurfVerfahrensverlaufBeurteilung Beizug / AufwandFundstelle
Vorwurf Sachbeschädigung (Schaden Fr. 1'142.30)Drei Einvernahmen über fünf Monate hinwegBeizug und Aufwand geschützt: Vergehen rechtfertigt Beizug bei mehrfacher EinvernahmeBGE 138 IV 197
Übertretung Art. 292 StGB (Busse Fr. 800.-)Strafbefehl ohne vorgängige Anhörung erlassen; Freispruch nach EinspracheBeizug geschützt: Verteidigung geboten bei Verurteilung ohne vorheriges rechtliches GehörBGE 142 IV 45
Vorwurf eines VergehensVerfahren bereits nach der ersten Einvernahme eingestelltBeizug nur ausnahmsweise unangemessen: Beispiel aus der Literatur, vom Bundesgericht nicht entschiedenBGE 138 IV 197 E. 2.3.5
Vertretung durch Genfer Anwalt vor BundesstrafgerichtTeilfreispruch (Verurteilung wegen Urkundenfälschung); Honorarnote zu Fr. 450.-/Std. nach Genfer TarifTarif des Gerichtsstands: RFPPF Fr. 200.- bis 300.-/Std.; Fr. 230.-/200.- geschütztBGE 142 IV 163 E. 3.1
Beschuldigter mit privater RechtsschutzdeckungEinstellung wegen fahrlässiger Tötung; Versicherung deckte das HonorarVerweigerung allein wegen Versicherungsdeckung bundesrechtswidrigBGE 142 IV 42 E. 2
Privates Glaubhaftigkeitsgutachten (Vorwurf sexuellen Missbrauchs)FreispruchGutachten mit Fr. 4'375.- entschädigt (Sachverhalt B)BGE 142 IV 237
Privatgutachten kurz nach Verfahrenseröffnung (Verkehrsunfall)Behördliches Gutachten führte zum gleichen ErgebnisNicht zu entschädigen: Freispruch nicht kausal auf die Privatermittlung zurückzuführenLU KG 2M 18 33 E. 4.2.3.3

Leitsatz. Der Beizug einer Wahlverteidigung ist bei Verbrechen und Vergehen regelmässig, bei Übertretungen namentlich im Strafbefehlsverfahren ohne vorgängige Anhörung als angemessene Rechtsausübung nach Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO vollumfänglich zu entschädigen. Das Bestehen einer Rechtsschutzversicherung darf nicht anspruchsmindernd angerechnet werden.


C. Abs. 1 lit. b: Wirtschaftliche Einbussen aus notwendiger Beteiligung

Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO verpflichtet das Gemeinwesen zum Ersatz aller finanziellen Vermögenseinbussen, die der beschuldigten Person infolge ihrer notwendigen Beteiligung am Strafverfahren entstanden sind.

1. Dogmatische Grundlinie: Kausalhaftung und Differenzhypothese

Der Schaden berechnet sich nach der zivilrechtlichen Differenzhypothese (Art. 42 OR): Er entspricht der Differenz zwischen dem gegenwärtigen Vermögensstand und jenem Stand, den das Vermögen ohne das Strafverfahren aufweisen würde (BGE 142 IV 237 E. 1.3.1).

  • Keine Zuordnung zu einzelnen Zwangsmassnahmen erforderlich: Es muss nicht nachgewiesen werden, dass eine spezifische Zwangsmassnahme (z.B. eine bestimmte Hausdurchsuchung) den Schaden bewirkte. Es genügt der adäquate Kausalzusammenhang mit dem Strafverfahren als solchem (BGE 142 IV 237 E. 1.3.3).
  • Erwerbsausfall und Stellenverlust: Der durch das Strafverfahren erlittene Erwerbsausfall (Verdienstausfall für polizeiliche und gerichtliche Einvernahmen, Reise- und Transportkosten) sowie der Schaden aus einem verfahrensbedingten Verlust der Arbeitsstelle sind grundsätzlich ersatzfähig (BGE 142 IV 237 E. 1.3.2 und 1.3.4).

2. Kausalitätsgrenze: Fehlverhalten von Drittbehörden

Der Kausalzusammenhang zwischen dem Strafverfahren und dem Schaden wird unterbrochen, wenn das schädigende Verhalten eines Dritten oder einer anderen Behörde derart ausserhalb des normalen Geschehens liegt, dass damit nicht zu rechnen war (BGE 142 IV 237 E. 1.5.2). Die Strafbehörden tragen keine Kausalverantwortung für rechtswidriges Handeln anderer staatlicher Stellen.

Der Fall des freigesprochenen Klassenlehrers X. im Kanton Zug
Die Mutter einer Schülerin erstattete am 26. Juni 2009 Anzeige gegen den Klassenlehrer X. wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung. X. wurde vom 11. bis 18. August 2009 in Untersuchungshaft versetzt. Die Schulleitung stellte ihn am 12. August 2009 zunächst frei und kündigte das öffentlich-rechtliche Anstellungsverhältnis am 14. Dezember 2009. Nach vierjährigem Verfahren sprach das Strafgericht Zug X. am 3. Oktober 2013 vollumfänglich von sämtlichen Vorwürfen frei und sprach ihm Haftentschädigung, Verteidigungskosten und Genugtuung zu. X. forderte darüber hinaus gestützt auf Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO Schadenersatz von mindestens Fr. 235'889.10 für den erlittenen Lohnverlust aus der Entlassung.
Der Kausalitätsbruch: Das Verwaltungsgericht des Kantons Zug hatte in einem personalrechtlichen Urteil vom 25. Oktober 2011 festgestellt, dass die Entlassung sachlich nicht gerechtfertigt und eine unzulässige Verdachtskündigung war.
Entscheidung des Bundesgerichts: Zwar haftet der Staat nach Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO prinzipiell auch für den Stellenverlust. Doch die Strafbehörden haften nicht für das rechtswidrige Fehlverhalten der Schulbehörde. Es fehlte am adäquaten Kausalzusammenhang: Die Strafuntersuchung allein war nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht geeignet, die Entlassung zu bewirken, und mit dem rechtswidrigen Verhalten der Schulbehörde mussten die Strafbehörden nicht rechnen (BGE 142 IV 237 E. 1.5.3).

3. Beweis- und Substanziierungspflichten

Für die Bezifferung wirtschaftlicher Einbussen gilt die zivilrechtliche Beweislastregel von Art. 42 Abs. 1 OR. Die beschuldigte Person muss:

  • den effektiven Verdienstausfall exakt beziffern (Lohnausweise, Arbeitsverträge, Buchhaltungsauszüge bei Selbständigen);
  • konkrete Nachweise erbringen, warum Abwesenheiten verfahrensbedingt zwingend waren;
  • die Schadensminderungspflicht beachten. Die Beweiserleichterung der richterlichen Schätzung nach Art. 42 Abs. 2 OR ist restriktiv anzuwenden und gilt nur, wenn sich der Schaden nicht ziffernmässig nachweisen lässt (BGE 142 IV 237 E. 1.3.1). Die Strafbehörde ist nicht verpflichtet, alle für den Anspruch bedeutsamen Tatsachen von Amtes wegen abzuklären; sie hat die beschuldigte Person aber mindestens anzuhören und gegebenenfalls zur Bezifferung und Belegung aufzufordern (ebd.).

Leitsatz. Wirtschaftliche Einbussen infolge des Strafverfahrens sind nach den Grundsätzen des Zivilrechts (Differenzhypothese) vollumfänglich zu ersetzen. Kündigt ein Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis jedoch in rechtswidriger Weise auf Verdacht hin, wird der adäquate Kausalzusammenhang zur Strafverfolgung unterbrochen.


D. Abs. 1 lit. c: Genugtuung bei schwerer Persönlichkeitsverletzung

Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO gewährt eine Entschädigung für immaterielle Unbill (Genugtuung). Sie setzt eine besonders schwere Verletzung der persönlichen Verhältnisse voraus, die den Massstäben von Art. 28a Abs. 3 ZGB und Art. 49 OR entspricht (BGE 146 IV 231 E. 2.3.1). Die gewöhnlichen seelischen Belastungen und Unannehmlichkeiten, die mit jeder Strafuntersuchung einhergehen, genügen hierfür nicht.

1. Freiheitsentzug: Die zeitlichen Schwellenwerte

Der wichtigste gesetzliche Fall ist der ungerechtfertigte Freiheitsentzug (Untersuchungs-, Sicherheits- und Polizeihaft). Die Rechtsprechung unterscheidet präzise nach der Dauer:

  1. Unter 3 Stunden: Eine polizeiliche Anhaltung, die kurzfristig die Bewegungsfreiheit beeinträchtigt, begründet in der Regel keinen Entschädigungsanspruch (BGE 143 IV 339 E. 3.2; BGE 146 IV 231 E. 2.4).
  2. Über 3 Stunden: Erstreckt sich eine Anhaltung mit anschliessender vorläufiger Festnahme über eine Gesamtdauer von mehr als drei Stunden, stellt dies einen Eingriff in die persönliche Freiheit dar, der Entschädigungsansprüche zur Folge haben kann. Die Dauer einer formellen Befragung wird bei der Berechnung nicht berücksichtigt; ausschlaggebend ist allein die Zeit, während der sich die Person den Behörden zur Verfügung halten muss (BGE 143 IV 339 E. 3.2; BGE 146 IV 231 E. 2.3.2).
  3. Über 18½ Stunden: Im Fall BGE 146 IV 231 dauerte die vorläufige Festnahme rund 22 Stunden; nach Abzug der Befragung von rund 3½ Stunden verblieben über 18½ Stunden. Ein solcher Freiheitsentzug ist nicht mehr entschädigungslos hinzunehmen und begründet einen Genugtuungsanspruch (BGE 146 IV 231 E. 2.4). Eine feste Schwelle bei 18½ Stunden lässt sich daraus nicht ableiten; massgebend bleibt die 3-Stunden-Grenze.

2. Bemessungsrichtwert: Fr. 200.- pro Tag

Als Grundsatz gilt bei ungerechtfertigter Haft ein Richtwert von Fr. 200.- pro Tag, sofern keine besonderen Umstände vorliegen (BGE 143 IV 339 E. 3.1; BGE 146 IV 231 E. 2.3.2). Dieser Betrag ist in einem zweiten Schritt nach den Besonderheiten des Einzelfalls (Dauer, Auswirkungen des Verfahrens, Schwere der vorgeworfenen Taten) zu korrigieren. Bei mehrmonatiger Haft ist der Tagesansatz in der Regel zu reduzieren, weil die Festnahme an sich ebenso schwer wiegt wie die Dauer (BGE 143 IV 339 E. 3.1).

3. Kasuistik: Grenzziehung bei Festnahme und Haft

Der 7-Stunden-Grenzkontrollfall an der Grenze Ferney-Voltaire
X., ein in der Türkei wohnhafter Chauffeur, reiste am 30. Mai 2015 um 10.00 Uhr über den Zoll Ferney-Voltaire in die Schweiz ein. Das Grenzwachkorps hielt seinen türkischen Führerausweis fälschlicherweise für eine Totalfälschung. Um 10.37 Uhr schlug ein Drogentest positiv auf Kokain an; die Spürhundekontrolle und eine Leibesvisitation blieben negativ. Um 13.55 Uhr wurde X. der Gendarmerie übergeben und formell festgenommen. Von 15.28 bis 17.04 Uhr wurde er einvernommen; um 17.25 Uhr wurde er entlassen. Die spätere Echtheitsprüfung der Kriminaltechnik ergab, dass der Führerausweis absolut echt war; die Staatsanwaltschaft Genf verfügte die Nichtanhandnahme, verweigerte aber jede Genugtuung.
Entscheidung des Bundesgerichts: X. befand sich von 10.00 bis 17.25 Uhr (7 Stunden und 25 Minuten) in behördlicher Gewalt. Die Dauer der Einvernahme ist nach der Rechtsprechung nicht mitzuzählen, hatte hier aber keinen Einfluss, weil die drei Stunden ohnehin überschritten waren; massgebend ist die Dauer, während der er sich den Behörden zur Verfügung halten musste. Das Bundesgericht sprach eine Genugtuung von Fr. 200.- zu, was dem Zeitraum über drei Stunden hinaus (einem Entschädigungstag) entsprach; weitere Umstände (Leibesvisitation, Drogentest, Handschellen, Beschlagnahme des Ausweises) begründeten keine schwere Persönlichkeitsverletzung (BGE 143 IV 339 E. 3.4).

Der homophobe Parküberfall von Basel (18½ Stunden Haft und Medienecho)
In der Nacht auf den 28. Juni 2015 verübten mehrere junge Männer im Basler Schützenmattpark einen homophob motivierten Überfall auf einen Passanten. A. hielt sich einige Meter von seinen Kollegen entfernt auf, die den Überfall verübten. Er wurde am 28. Juni um 18.50 Uhr festgenommen und am Folgetag um 17.00 Uhr entlassen (rund 22 Stunden Freiheitsentzug, abzüglich Befragung verblieben über 18½ Stunden). Erstinstanzlich wegen Gehilfenschaft zu einfacher Körperverletzung, versuchter Nötigung und Beschimpfung verurteilt, sprach ihn das Appellationsgericht Basel-Stadt im Berufungsverfahren frei, wies sein Genugtuungsbegehren über Fr. 500.- jedoch ab: Ein kurzer Freiheitsentzug begründe nur dann einen Anspruch, wenn er ohne jeglichen Grund erfolgt sei, die Medien hätten seinen Namen nicht genannt, und die Verletzung des Beschleunigungsgebots sei leicht bis mittel.
Das Bundesgericht hebt auf: Ein Freiheitsentzug von über 18½ Stunden ist nicht mehr entschädigungslos hinzunehmen; dass die Festnahme rechtmässig war, ändert daran nichts (BGE 146 IV 231 E. 2.4). Ergänzend hielt es aus prozessökonomischen Gründen fest: Eine erhebliche Darstellung in den Medien kann auch ohne Namensnennung eine Persönlichkeitsverletzung darstellen; die Vorinstanz muss prüfen, ob und inwiefern negative Publizität vorlag, wobei die beschuldigte Person mitwirken muss (E. 2.6.1). Die festgestellte Verletzung des Beschleunigungsgebots hat die Vorinstanz auf ihre Relevanz für die Bemessung der Genugtuung zu prüfen (E. 2.6.2).

4. Kasuistiktabelle: Schwellenwerte für Genugtuung

Freiheitsentzug / BelastungDauer / UmständeGenugtuungsanspruchLeitentscheid
Polizeiliche Anhaltung / AusweiskontrolleUnter 3 Stunden DauerGrundsätzlich verneint: kurzfristige Beeinträchtigung, entschädigungslosBGE 143 IV 339 E. 3.2
Grenzkontrolle und Gewahrsam7 Std. 25 Min. Gewahrsam (Einvernahme rund 1.5 Std., nicht mitzuzählen)Bejaht: Fr. 200.- (ein Tagessatz) zugesprochenBGE 143 IV 339 E. 3.4
Vorläufige Festnahme nach DeliktsvorhaltÜber 18½ Stunden Freiheitsentzug (ohne Befragung)Bejaht: nicht mehr entschädigungslos hinzunehmenBGE 146 IV 231 E. 2.4
Erhebliche MedienberichterstattungOhne NamensnennungGrundsätzlich möglich: Vorinstanz hat negative Publizität zu prüfenBGE 146 IV 231 E. 2.6.1
Verletzung des Beschleunigungsgebots bei FreispruchLeichte bis mittlere VerletzungVon der Vorinstanz zu prüfen: Relevanz für die Bemessung der GenugtuungBGE 146 IV 231 E. 2.6.2

Leitsatz. Ein behördlicher Freiheitsentzug von mehr als drei Stunden (ohne Befragungszeit) stellt einen Eingriff dar, der Entschädigungsansprüche auslösen kann; ein Freiheitsentzug von über 18½ Stunden ist nicht mehr entschädigungslos hinzunehmen (Richtwert Fr. 200.- pro Tag). Auch erhebliche Medienberichterstattung, selbst ohne Namensnennung, und Verfahrensverzögerungen können bei der Genugtuung zu berücksichtigen sein.


E. Abs. 2: Verfahren — Offizialprüfung und die Verwirkungsfalle im Endentscheid

Art. 429 Abs. 2 StPO statuiert eine doppelte Verfahrensregel: Die Strafbehörde prüft den Anspruch von Amtes wegen (Satz 1), kann die beschuldigte Person aber zur Bezifferung und Belegung auffordern (Satz 2).

1. Dogmatische Grundlinie: Entscheid im Endentscheid

Über die Entschädigung und Genugtuung ist zwingend im Endentscheid (Urteil, Einstellungsverfügung, Nichtanhandnahme) zu befinden (Art. 81 Abs. 4 lit. b, Art. 421 Abs. 1 StPO; BGE 144 IV 207 E. 1.3.2).

  • Keine Zuständigkeit im Haftprüfungsverfahren: Haftentschädigungs- und Genugtuungsbegehren können nicht im Haftprüfungsverfahren nach Art. 222 ff. StPO beurteilt werden; sie gehören ausschliesslich in das ordentliche Haftentschädigungsverfahren bei Verfahrensabschluss (BGE 150 IV 38 E. 1.2).
  • Anhörungs- und Aufforderungspflicht der Behörde: Die Strafbehörde hat die beschuldigte Person zur Entschädigungsfrage mindestens anzuhören und gegebenenfalls aufzufordern, ihre Ansprüche zu beziffern und zu belegen (BGE 144 IV 207 E. 1.3.1). Vor einer geplanten Einstellung ist der beschuldigten Person deshalb Gelegenheit zu geben, Entschädigungs- und Genugtuungsansprüche anzumelden (LU KG 2N 13 123 E. 4.3).

2. Die Verwirkungsfalle: Ausschluss nachträglicher Gesuche (Art. 363 ff. StPO)

Unterlässt es die Strafbehörde im Endentscheid pflichtwidrig, über die Entschädigung zu befinden, droht der Partei der endgültige Rechtsverlust:

Die Solothurner Honorarnote nach fünf Monaten
Gegen den Jugendlichen X. wurde in Basel ein Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung (Umwerfen von Motorrädern) und Drogenbesitzes geführt. Am 17. Januar 2017 erliess die Jugendanwaltschaft des Kantons Solothurn eine Nichtanhandnahmeverfügung; die Verfahrenskosten wurden auf die Staatskasse genommen. Über eine Entschädigung für X. enthielt die Verfügung kein einziges Wort. X. focht die Verfügung nicht an; sie erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Erst am 29. Juni 2017 — über fünf Monate später — reichte sein Verteidiger eine Honorarnote über Fr. 1'814.30 ein und verlangte einen nachträglichen selbständigen Entscheid nach Art. 363 ff. StPO. Die Jugendanwaltschaft trat nicht darauf ein; das Obergericht Solothurn und das Bundesgericht bestätigten dies.
Die Rügeobliegenheit: Die formelle Rechtskraft der Einstellungsverfügung erfasst auch die Entschädigungsfrage. Hat die Behörde die Prüfung pflichtwidrig unterlassen, muss sich die Partei auf dem Rechtsmittelweg (Beschwerde nach Art. 393 StPO) gegen den Endentscheid wehren. Ein nachträgliches selbständiges Verfahren nach Art. 363 ff. StPO ist für solche Fälle grundsätzlich nicht vorgesehen; die Rechtskraft der Verfügung erfasst auch die Entschädigungsfrage, weil der Kostenentscheid die Entschädigungsfrage präjudiziert (BGE 144 IV 207 E. 1.7 und 1.9).

Leitsatz. Enthält ein Einstellungsentscheid oder ein freisprechendes Urteil keinen Ausspruch über die Entschädigung nach Art. 429 StPO, muss die Partei unverzüglich das Rechtsmittel gegen den Endentscheid ergreifen. Ein nachträgliches Gesuch nach Art. 363 ff. StPO ist grundsätzlich nicht vorgesehen; die Rechtskraft der Verfügung erfasst auch die Entschädigungsfrage.


F. Abs. 3: Wahlverteidigung seit der Revision 2024

Der per 1. Januar 2024 neu eingefügte Abs. 3 weist den Anspruch auf Entschädigung der Verteidigungskosten nach Abs. 1 lit. a bei einer Wahlverteidigung ausschliesslich und direkt der Verteidigung zu (unter Vorbehalt der Klientschaftsabrechnung).

1. Zweck: Beseitigung des Inkassorisikos und Verrechnungsverbote

Unter altem Recht floss die Entschädigung an die beschuldigte Person. Dies führte häufig dazu, dass der Staat Entschädigungen mit offenen Bussen oder Gerichtskosten verrechnete oder die freigesprochene Person das Geld verbrauchte, während das Honorar des Anwalts offenblieb. Durch die Neuregelung wird das Honorar der privaten Verteidigung insolvenzfest abgesichert (AB 2021 S 1372; vgl. BGE 151 IV 84 E. 2.2).

2. Judikaturdivergenz beigelegt: Die Doppel-Legitimation nach BGE 151 IV 84

Nach Inkrafttreten von Abs. 3 entstand in der kantonalen Praxis Unsicherheit über die Rechtsmittellegitimation: Wenn der Anspruch ausschliesslich der Verteidigung zusteht, durfte die beschuldigte Person den Entschädigungsentscheid dann noch persönlich anfechten?

Der Stadtrichteramt-Fall Zürich: Busse Fr. 400.-, Honorar Fr. 298.-
Das Stadtrichteramt Zürich büsste A. wegen einer Übertretung der Covid-19-Verordnung mit Fr. 400.-. Nach Einsprache durch Wahlverteidiger Rechtsanwalt Fatih Aslantas kündigte das Stadtrichteramt die Einstellung an. Der Anwalt beantragte Fr. 298.- Parteientschädigung. Am 5. Februar 2024 stellte das Stadtrichteramt das Verfahren ein, verweigerte jedoch eine Parteientschädigung. A. erhob — vertreten durch seinen Verteidiger — Beschwerde an das Obergericht Zürich. Das Obergericht trat auf die Beschwerde nicht ein: Nach Art. 429 Abs. 3 StPO sei allein der Anwalt in eigenem Namen anfechtungsberechtigt; die beschuldigte Person habe keine Legitimation mehr.
Das Grundsatzurteil des Bundesgerichts: Das Bundesgericht hob den Nichteintretensentscheid auf. Der beschuldigten Person kann die Beschwerdelegitimation nicht abgesprochen werden. Weil der Staat nicht an private Honorarvereinbarungen gebunden ist, schuldet die Partei dem Anwalt unter Umständen die Differenz zum amtlichen Tarif; sie hat daher ein massives rechtliches Interesse an einer möglichst hohen staatlichen Entschädigung. Sowohl die beschuldigte Person als auch die Wahlverteidigung sind selbständig zur Anfechtung legitimiert (BGE 151 IV 84 E. 2.3).

3. Abgrenzung zur amtlichen Verteidigung

Die Neuregelung von Art. 429 Abs. 1 lit. a und Abs. 3 StPO gilt ausschliesslich für die Wahlverteidigung. Wird eine beschuldigte Person freigesprochen, die amtlich verteidigt war, richtet sich das Honorar der Verteidigung nach wie vor ausschliesslich nach Art. 135 StPO als lex specialis (reduzierter amtlicher Ansatz). Ein Anspruch auf Nachzahlung des vollen privaten Anwaltstarifs besteht nicht (SG KG ST.2024.60-SK3 E. II/4).

Leitsatz. Der Direktanspruch der Wahlverteidigung nach Art. 429 Abs. 3 StPO begründet eine duale Rechtsmittellegitimation: Sowohl die beschuldigte Person als auch die Verteidigung in eigenem Namen können die Verweigerung oder Kürzung der Entschädigung anfechten. Auf die amtliche Verteidigung findet Art. 429 StPO keine Anwendung.


G. Kürzungsgründe, Kostenakzessorietät und Privatklägerschaft

Der Entschädigungsanspruch nach Art. 429 StPO besteht nicht schrankenlos, sondern ist eng mit den Kostenbestimmungen verknüpft.

1. Synchrone Kürzung nach Art. 430 Abs. 1 lit. a StPO

Werden der beschuldigten Person trotz Freispruchs oder Einstellung gestützt auf Art. 426 Abs. 2 StPO Verfahrenskosten auferlegt (weil sie die Einleitung des Verfahrens durch ein zivilrechtlich vorwerfbares Verhalten rechtswidrig und schuldhaft bewirkt oder erschwert hat), wird die Entschädigung nach Art. 430 Abs. 1 lit. a StPO im selben Umfang gekürzt oder verweigert (BGE 137 IV 352 E. 2.4.2).

  • Beachtung der Unschuldsvermutung: Die Begründung der Kostenauflage und Entschädigungskürzung darf keinen strafrechtlichen Schuldvorwurf enthalten, sondern muss sich strikt auf zivilrechtliche Normen stützen.
  • Kostenüberbindung nach Billigkeit (Art. 419 StPO): Bei schuldunfähigen Beschuldigten erfolgt die Kürzung nach den Grundsätzen der Billigkeit (BGE 145 IV 94 E. 2.3.2).

2. Haftung der Privatklägerschaft und subsidiäre Ausfallhaftung des Staates

Wurde das Verfahren ausschliesslich auf Antrag der Privatklägerschaft geführt und wird die beschuldigte Person freigesprochen, kann die Privatklägerschaft nach Art. 432 Abs. 2 StPO zur Entschädigung verpflichtet werden.

  • Die Ausfallhaftung des Staates: Ist die unterliegende Privatklägerschaft zahlungsunfähig oder überschuldet, darf der Staat seine Kausalhaftung nach Art. 429 StPO nicht verweigern. Die staatliche Entschädigungspflicht bleibt im Sinne einer subsidiären Ausfallhaftung bestehen (TG OG RBOG 2025 Nr. 42). Das Inkassorisiko eines mittellosen Privatklägers trifft das Gemeinwesen, nicht die unschuldig verfolgte Person.

Kantonale Praxisfragen

1. Ausfallhaftung des Staates bei insolventer Privatklägerschaft (TG vs. andere Kantone)

Wird die beschuldigte Person freigesprochen und die Privatklägerschaft nach Art. 432 Abs. 2 StPO zur Entschädigung verpflichtet, stellt sich in der kantonalen Praxis die Frage, wer das Verlustscheinrisiko trägt. Während einige Strafverfolgungsbehörden die staatliche Entschädigung nach Art. 429 StPO bei Auferlegung an die Privatklägerschaft als erloschen ansehen, hat das Obergericht des Kantons Thurgau klargestellt, dass die staatliche Ersatzpflicht nach Art. 429 StPO als Ausfallhaftung bestehen bleibt (TG OG RBOG 2025 Nr. 42). Dem Freigesprochenen darf das Betreibungsrisiko gegen einen mittellosen Privatkläger nicht aufgebürdet werden.

2. Entschädigung der amtlichen Verteidigung bei Freispruch (SG KG ST.2024.60-SK3)

Nach der per 1. Januar 2024 in Kraft getretenen Neuformulierung von Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO («wobei beim Anwaltstarif nicht unterschieden wird zwischen der zugesprochenen Entschädigung und den Honoraren für die private Verteidigung») machten amtliche Verteidiger geltend, bei Freispruch stehe ihnen nunmehr das volle Privathonorar zu. Die Anklagekammer des Kantonsgerichts St. Gallen wies dies ab: Art. 135 StPO bildet eine in sich geschlossene Sonderregelung (lex specialis) für amtliche Mandate; Art. 429 StPO erfasst systematisch nur die Wahlverteidigung (SG KG ST.2024.60-SK3 E. II/4).

3. Gehörsanspruch vor Einstellungsverfügung (LU KG 2N 13 123)

Nach dem Luzerner Kantonsgericht steht es entgegen dem Wortlaut («kann») nicht im freien Ermessen der Strafbehörde, die beschuldigte Person auf die Möglichkeit zur Geltendmachung ihrer Ansprüche hinzuweisen. Sie ist vielmehr zur Entschädigungsfrage mindestens anzuhören und gegebenenfalls zur Bezifferung aufzufordern; empfohlen wird, ihr bei geplanter Einstellung zusammen mit der Erklärung nach Art. 318 Abs. 1 StPO Gelegenheit zur Anmeldung von Ansprüchen nach Art. 429 StPO zu geben. Fehlt diese Gelegenheit, liegt eine Gehörsverletzung vor. Im entschiedenen Fall wurde sie im Beschwerdeverfahren geheilt, weil das Kantonsgericht volle Kognition hat; die Verletzung war bei den Kosten- und Entschädigungsfolgen zu berücksichtigen (LU KG 2N 13 123 E. 4.3).


Praxishinweise

Für die beschuldigte Person und ihre Verteidigung:

  1. Bei Ausbleiben eines Entschädigungsausspruchs im Endentscheid sofort Beschwerde führen. Unterlässt die Behörde den Entscheid über Art. 429 StPO, erwächst die Einstellungsverfügung in Rechtskraft; ein nachträgliches Gesuch nach Art. 363 ff. StPO wird abgewiesen und der Anspruch kann nachträglich nicht mehr geltend gemacht werden (BGE 144 IV 207 E. 1.7 und 1.8.2).
  2. Sowohl der Mandant als auch der Wahlverteidiger können den Entschädigungsentscheid anfechten (Doppel-Legitimation). Die Rüge der fehlenden Legitimation der Partei ist verfehlt (BGE 151 IV 84 E. 2.3).
  3. Wirtschaftliche Einbussen (Lohnausfall, Stellenverlust) lückenlos mit Belegen substanziieren. Eine Berufung auf gerichtliches Ermessen nach Art. 42 Abs. 2 OR schützt nicht vor Abweisung, wenn Urkunden zumutbarerweise hätten beschafft werden können (BGE 142 IV 237 E. 1.3.1).
  4. Rechtsschutzversicherungen offenlegen: Das Vorhandensein einer Police mindert den staatlichen Entschädigungsanspruch nicht (BGE 142 IV 42 E. 2.4).
  5. Bei Festnahmen die 3-Stunden-Schwelle penibel berechnen. Die Befragungszeit zählt nicht mit; bei über 18½ Stunden Freiheitsentzug bejahte das Bundesgericht den Genugtuungsanspruch (Richtwert Fr. 200.- pro Tag) (BGE 143 IV 339 E. 3.2; BGE 146 IV 231 E. 2.4).

Für die Strafverfolgungsbehörden (Staatsanwaltschaft):

  1. Vor Erlass einer Einstellungsverfügung im Verfahren nach Art. 318 Abs. 1 StPO der beschuldigten Person Gelegenheit geben, Entschädigungs- und Genugtuungsbegehren nach Art. 429 StPO anzumelden, zu beziffern und zu belegen (LU KG 2N 13 123 E. 4.3).
  2. Den Entschädigungsanspruch bei Wahlverteidigung gemäss Abs. 3 direkt der Verteidigung zusprechen und im Dispositiv aufführen; der Direktanspruch soll gerade gewährleisten, dass die Entschädigung nicht mit Forderungen gegenüber der beschuldigten Person verrechnet wird (BGE 151 IV 84 E. 2.2).
  3. Bei Übertretungen prüfen, ob der Beschuldigte vor Strafbefehlserlass angehört wurde. Fehlt die Anhörung, ist der spätere Anwaltsbeizug regelmässig als angemessen zu entschädigen (BGE 142 IV 45 E. 2.2).

Für die Gerichte (Verfahrensleitung):

  1. Den Entschädigungsentscheid zwingend im Dispositiv des Endentscheids fällen (Art. 81 Abs. 4 lit. b StPO) und nicht auf separate Nachverfahren verweisen (BGE 144 IV 207 E. 1.3.2).
  2. Über Entschädigungs- und Genugtuungsansprüche aus Zwangsmassnahmen nicht im Haftprüfungsverfahren entscheiden, sondern auf das Endentscheidverfahren verweisen (BGE 150 IV 38 E. 1.2).
  3. Bei der Tarifbemessung den Tarif des Gerichtsstands anwenden; Vereinbarungen über höhere Stundensätze binden das Gericht nicht (BGE 142 IV 163 E. 3.1.2).

Für die Privatklägerschaft:

  1. Bei Antragsdelikten das Kosten- und Entschädigungsrisiko nach Art. 432 StPO einkalkulieren.
  2. Im Falle eigener Zahlungsunfähigkeit greift die subsidiäre Ausfallhaftung des Staates zugunsten des Beschuldigten (TG OG RBOG 2025 Nr. 42).

Rechtsprechung

→ Rechtsprechungsübersicht zu Art. 429 StPO

Literatur

  • Stefan Wehrenberg / Irene Frank, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, Jugendstrafprozessordnung, 3. Aufl., Basel 2023, N. 1 ff. zu Art. 429 StPO.
  • Yvona Griesser, in: Donatsch/Lieber/Summers/Wohlers (Hrsg.), Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 3. Aufl., Zürich 2020, N. 1 ff. zu Art. 429 StPO.
  • Niklaus Schmid / Daniel Jositsch, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 4. Aufl., Zürich 2023, N. 1 ff. zu Art. 429 StPO.
  • Cédric Mizel / Valentin Rétornaz, in: Commentaire romand, Code de procédure pénale suisse, 2. Aufl., Basel 2019, N. 1 ff. zu Art. 429 CPP.
  • Niklaus Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 4. Aufl., Bern 2020, Rz. 2330 ff.
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