Rechtsprechung zu Art. 398 StPO
I. Leitentscheide (BGE)
BGE 144 IV 383 E. 1.1
- Thema: Umfassende Kognition in Tat- und Rechtsfragen (Abs. 2)
- Kernaussage: Das Berufungsgericht überprüft das erstinstanzliche Urteil in allen angefochtenen Punkten mit voller Kognition (freie Prüfung von Sachverhalt, Rechtsanwendung und Angemessenheit); es ist nicht an die Begründung der Vorinstanz gebunden.
- Einschlägig für: Abs. 2 und 3
BGE 141 IV 244 E. 1.2
- Thema: Die drei Berufungsgründe (Abs. 3)
- Kernaussage: Mit der Berufung können gerügt werden: Rechtsverletzungen (lit. a), unvollständige/unrichtige Sachverhaltsfeststellung (lit. b) sowie Unangemessenheit (lit. c, z.B. bei der Strafzumessung).
- Einschlägig für: Abs. 3
BGE 147 IV 127 E. 2.1
- Thema: Kognitionsbeschränkung bei reinen Übertretungsurteilen (Abs. 4)
- Kernaussage: Bilden ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen Urteils, ist die Sachverhaltsüberprüfung auf Willkür (offensichtliche Unrichtigkeit) beschränkt und neue Tatsachen/Beweismittel (Noven) sind ausgeschlossen.
- Einschlägig für: Abs. 4
BGE 148 IV 456 E. 1.2
- Thema: Anfechtungsobjekte der Berufung (Abs. 1)
- Kernaussage: Berufungsfähig sind alle End- und Teilurteile erstinstanzlicher Gerichte sowie selbständige nachträgliche Entscheide (z.B. Widerrufs- oder Massnahmenentscheide nach Art. 363 ff. StPO).
- Einschlägig für: Abs. 1
BGE 150 IV 417 E. 2.2
- Thema: Zulässigkeit von Noven bei Vergehen und Verbrechen
- Kernaussage: Bei Vergehen und Verbrechen können im Berufungsverfahren uneingeschränkt neue Tatsachen und Beweismittel vorgebracht werden (echtes und unechtes Novenrecht).
- Einschlägig für: Abs. 2 und 3
II. Weitere Bundesgerichtsentscheide
BGer 6B_606/2018 vom 12.07.2019 E. 2.2
- Thema: Überprüfung des Zivilpunkts nach Zivilprozessrecht (Abs. 5)
- Kernaussage: Beschränkt sich die Berufung auf zivilrechtliche Ansprüche, richtet sich die Kognition (z.B. Rügeprinzip, Dispositionsmaxime) nach den Vorschriften der ZPO.
BGer 6B_776/2021 vom 08.11.2021 E. 1.2
- Thema: Überprüfung der Angemessenheit bei der Strafzumessung (Abs. 3 lit. c)
- Kernaussage: Das Berufungsgericht darf sein eigenes Ermessen bei der Strafzumessung an die Stelle des vorinstanzlichen Ermessens setzen.
BGer 7B_127/2023 vom 14.03.2024 E. 2.1
- Thema: Berufung gegen selbständige Einziehungsentscheide (Abs. 1)
- Kernaussage: Selbständige Einziehungsentscheide nach Art. 376 ff. StPO können mit voller Kognition beim Berufungsgericht angefochten werden.
BGer 6B_100/2022 vom 10.02.2022 E. 1.1
- Thema: Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung (Abs. 3 lit. b)
- Kernaussage: Hat die Vorinstanz relevante Beweisanträge willkürlich abgewiesen, liegt eine unvollständige Sachverhaltsfeststellung vor, die im Berufungsverfahren zu beheben ist.
III. Entscheide des Bundesstrafgerichts und kantonaler Gerichte
TPF 2023 87
- Thema: Kognition der Berufungskammer des Bundesstrafgerichts
- Kernaussage: Die Berufungskammer prüft die Entscheide der Strafkammer des TPF mit voller Sachverhalts- und Rechtskognition nach Art. 398 Abs. 2 StPO.
TPF CA.2019.12 vom 29.07.2019
- Thema: Abgrenzung Berufung vs. Beschwerde
- Kernaussage: Erstinstanzliche Zwischenentscheide und Verfahrensleitungsverfügungen unterliegen der Beschwerde (Art. 393 StPO), Endurteile der Berufung.
TPF CN.2025.26 vom 19.11.2025
- Thema: Zulässigkeit neuer Beweismittel im Berufungsverfahren
- Kernaussage: Neue Urkunden und Zeugenanträge können bis zum Abschluss des Parteivortrags in der Berufungsverhandlung eingebracht werden.
SZ Kantonsgericht BEK 2024 96 vom 12.06.2024
- Kanton: Schwyz
- Thema: Kognition bei Übertretungen im Strassenverkehr
- Kernaussage: Bei einfachen Verkehrsregelverletzungen (Art. 90 Abs. 1 SVG) ist das Berufungsgericht an die erstinstanzlichen Sachverhaltsfeststellungen gebunden, sofern keine Willkür vorliegt.
SZ Kantonsgericht BEK 2024 190 vom 22.01.2025
- Kanton: Schwyz
- Thema: Beschwerdelegitimation und Anfechtungsumfang
- Kernaussage: Die Berufung kann auf einzelne Schuldsprüche, die Sanktion oder die Kostenfolgen beschränkt werden.
SZ Kantonsgericht STK 2026 23 vom 17.06.2026
- Kanton: Schwyz
- Thema: Rechtsfehlerhafte Sachverhaltswürdigung
- Kernaussage: Eine unhaltbare Beweiswürdigung verletzt Bundesrecht und führt zur Gutheissung der Berufung.
SZ Kantonsgericht STK 2026 18 vom 04.05.2026
- Kanton: Schwyz
- Thema: Überprüfung von Landesverweisungen
- Kernaussage: Die Anordnung einer Landesverweisung wird vom Berufungsgericht in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht frei überprüft.
BS Appellationsgericht BES.2022.81 vom 04.11.2022
- Kanton: Basel-Stadt
- Thema: Rüge der Rechtsverzögerung im Berufungsverfahren
- Kernaussage: Die Verletzung des Beschleunigungsgebots durch die erste Instanz kann mit der Berufung nach Abs. 3 lit. a gerügt werden.
GL Obergericht OG.2021.00012 vom 12.04.2021
- Kanton: Glarus
- Thema: Berufung gegen nachträgliche Gesamtstrafen
- Kernaussage: Entscheide über nachträgliche Gesamtstrafenbildungen (Art. 46 Abs. 1 StGB) sind als nachträgliche Entscheide nach Abs. 1 mit Berufung anfechtbar.
SG Kantonsgericht AK.2024.226 vom 12.09.2024
- Kanton: St. Gallen
- Thema: Kognition bei gemischten Urteilen (Vergehen und Übertretung)
- Kernaussage: Bildet auch ein Vergehen Gegenstand des Urteils, gilt für das gesamte Verfahren die volle Kognition nach Abs. 2 und nicht die Einschränkung von Abs. 4.
Letzte Aktualisierung: 2026-08-30