Rechtsprechung zu Art. 324 StPO
I. Leitentscheide (BGE)
BGE 144 IV 362 E. 1.3
- Thema: Anklagepflicht der Staatsanwaltschaft bei hinreichendem Verdacht (Abs. 1)
- Kernaussage: Die Staatsanwaltschaft ist von Gesetzes wegen verpflichtet (Legalitätsprinzip, Art. 7 StPO), Anklage beim Sachgericht zu erheben, wenn die Ermittlungen einen hinreichenden Tatverdacht ergeben und die Sanktion die Strafbefehlskompetenz (Art. 352 StPO) übersteigt oder ein Strafbefehl aus anderen Gründen ausgeschlossen ist.
- Einschlägig für: Abs. 1
BGE 141 IV 20 E. 1.2
- Thema: Grundsatz «in dubio pro duriore» bei der Anklageentscheidung
- Kernaussage: Bei zweifelhafter Beweislage hat die Staatsanwaltschaft Anklage zu erheben, anstatt das Verfahren einzustellen. Die endgültige Beweiswürdigung obliegt ausschliesslich dem zuständigen Sachgericht.
- Einschlägig für: Abs. 1
BGE 140 IV 136 E. 1.1
- Thema: Absolute Unanfechtbarkeit der Anklageerhebung (Abs. 2)
- Kernaussage: Die Erhebung der Anklage kann weder von der beschuldigten Person noch von der Privatklägerschaft mit Beschwerde nach Art. 393 StPO angefochten werden. Rügen betreffend Mängel der Anklage sind erst vor dem erstinstanzlichen Gericht vorzubringen.
- Einschlägig für: Abs. 2
BGE 143 IV 214 E. 2.1
- Thema: Abgrenzung zum Strafbefehlsverfahren
- Kernaussage: Steht eine Freiheitsstrafe von mehr als 6 Monaten oder eine unbedingte Strafe im Raum, scheidet der Strafbefehl aus und es ist zwingend Anklage beim Gericht zu erheben.
- Einschlägig für: Abs. 1
BGE 139 IV 25 E. 5.3
- Thema: Übergang der Verfahrensherrschaft (Litispendenz)
- Kernaussage: Mit dem Eingang der Anklageschrift bei Gericht geht die Verfahrensleitung von der Staatsanwaltschaft vollumfänglich auf das erstinstanzliche Gericht über.
- Einschlägig für: Gesamte Norm
II. Weitere Bundesgerichtsentscheide
BGer 6B_776/2021 vom 08.11.2021 E. 1.1
- Thema: Ausschluss von Zwischenbeschwerden gegen Vorverfahrensmängel
- Kernaussage: Nach Anklageerhebung können Vorverfahrensmängel nicht mehr selbständig bei der Beschwerdeinstanz gerügt werden; sie sind im Rahmen der Vorfragenprüfung (Art. 329 StPO) beim Sachgericht vorzubringen.
BGer 1B_585/2021 vom 16.02.2022 E. 2.2
- Thema: Durchsetzung der Anklageerhebung im Beschwerdeweg
- Kernaussage: Stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren zu Unrecht ein, kann die Privatklägerschaft über die Gutheissung der Einstellungsbeschwerde die Anklageerhebung erwirken.
BGer 7B_127/2023 vom 14.03.2024 E. 1.1
- Thema: Aktenüberweisung an das Gericht
- Kernaussage: Die Staatsanwaltschaft hat mit der Anklage sämtliche Verfahrensakten, Beweismittel und beschlagnahmten Gegenstände dem Gericht zu übergeben.
BGer 6B_100/2022 vom 10.02.2022 E. 1.2
- Thema: Gerichtliche Prüfung der Anklageschrift
- Kernaussage: Das Gericht prüft nach Anklageeingang von Amtes wegen, ob die Anklage ordnungsgemäss abgefasst ist (Art. 329 Abs. 1 lit. a StPO).
III. Kantonale Entscheide und Praxisfragen
SZ Kantonsgericht BEK 2024 96 vom 12.06.2024
- Kanton: Schwyz
- Thema: Nichteintreten auf Beschwerden gegen Anklageerhebungen
- Kernaussage: Beschwerden gegen den staatsanwaltschaftlichen Anklageentscheid sind gestützt auf Art. 324 Abs. 2 StPO als offensichtlich unzulässig abzuweisen.
SZ Kantonsgericht BEK 2024 190 vom 22.01.2025
- Kanton: Schwyz
- Thema: Anklageerhebung nach vorausgegangenem Strafbefehl
- Kernaussage: Hält die Staatsanwaltschaft nach einer Einsprache am Strafbefehl fest, gilt dieser als Anklageschrift (Art. 356 Abs. 1 StPO).
SZ Kantonsgericht STK 2026 23 vom 17.06.2026
- Kanton: Schwyz
- Thema: Zuständiges Sachgericht bei mehreren Delikten
- Kernaussage: Die Anklage ist beim für das schwerste Delikt zuständigen erstinstanzlichen Gericht (z.B. Strafgericht oder Einzelrichter) einzureichen.
SZ Kantonsgericht STK 2026 18 vom 04.05.2026
- Kanton: Schwyz
- Thema: Zustellung der Anklageschrift an die Parteien
- Kernaussage: Das Gericht stellt die Anklageschrift den Parteien zur Vorbereitung der Hauptverhandlung zu (Art. 330 StPO).
BS Appellationsgericht BES.2019.262 vom 26.02.2020
- Kanton: Basel-Stadt
- Thema: Erledigung von hängigen Vorverfahrensbeschwerden
- Kernaussage: Mit der Anklageerhebung werden hängige Beschwerden gegen Vorverfahrensmassnahmen grundsätzlich gegenstandslos, soweit sie vor dem Sachgericht gerügt werden können.
BS Appellationsgericht BES.2022.169 vom 31.05.2023
- Kanton: Basel-Stadt
- Thema: Trennung von Verfahren vor Anklageerhebung
- Kernaussage: Die Staatsanwaltschaft kann Teilanklagen erheben, wenn für einen Teilkomplex Spruchreife besteht (Art. 30 StPO).
BL Kantonsgericht 470 16 9 vom 24.05.2016
- Kanton: Basel-Landschaft
- Thema: Unzulässigkeit von Sistierungsbeschwerden nach Anklage
- Kernaussage: Nach Anklageerhebung entscheidet das Sachgericht über Anträge auf Verfahrenssistierung.
GL Obergericht OG.2021.00012 vom 12.04.2021
- Kanton: Glarus
- Thema: Anklageerhebung vor Abschluss der Schlusseinvernahme
- Kernaussage: Wurde keine Abschlussmitteilung nach Art. 318 StPO durchgeführt, weist das Gericht die Anklage zur Nachholung zurück (Art. 329 Abs. 2 StPO).
SG Kantonsgericht AK.2011.36/2 vom 16.03.2011
- Kanton: St. Gallen
- Thema: Keine Kostenfolge für die Anklageerhebung
- Kernaussage: Die Erhebung der Anklage löst für die beschuldigte Person im Moment der Erhebung keine Kostenfolgen aus; die Kostenliquidation erfolgt im Sachurteil.
AG Obergericht SBK.2011.278 vom 10.11.2011
- Kanton: Aargau
- Thema: Rückzug der Anklage durch die Staatsanwaltschaft
- Kernaussage: Bis zum Beginn der Hauptverhandlung kann die Staatsanwaltschaft die Anklage zurückziehen (Art. 329 Abs. 4 StPO).
Letzte Aktualisierung: 2026-08-30