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Rechtsprechung zu Art. 254 StPO

I. Leitentscheide (BGE)

BGE 144 IV 74 E. 2.5

  • Thema: Voraussetzungen der Exhumierung als Ultima Ratio
  • Kernaussage: Die Ausgrabung einer bereits bestatteten Leiche zur nachträglichen Obduktion oder Identifizierung stellt einen schweren Eingriff in die Totenruhe (Art. 7 BV) dar. Sie ist nur zulässig, wenn konkrete Hinweise auf ein schweres Delikt (z.B. Vergiftung, Tötungsdelikt) vorliegen, die auf andere Weise nicht mehr aufgeklärt werden können.
  • Einschlägig für: Gesamte Norm

BGE 141 IV 77 E. 3.1

  • Thema: Güterabwägung zwischen staatlichem Strafanspruch und Totenruhe
  • Kernaussage: Bei Verdacht auf vorsätzliche Tötung überwiegt das öffentliche Aufklärungsinteresse die religiösen und ethischen Interessen der Angehörigen an der ungestörten Totenruhe.
  • Einschlägig für: Gesamte Norm

BGE 140 IV 74 E. 2.4

  • Thema: DNA-Gewinnung an exhumierten Gebeinen
  • Kernaussage: An exhumierten Gebeinen können Knochen- und Zahnproben entnommen werden, um mittels DNA-Profilabgleich die Identität des Opfers oder Täters nachzuweisen.
  • Einschlägig für: Gesamte Norm

BGE 149 IV 369 E. 2.1

  • Thema: Anhörung und Parteirechte der Angehörigen
  • Kernaussage: Vor der Anordnung einer Exhumierung sind die nächsten Angehörigen anzuhören, es sei denn, die Benachrichtigung würde den Zweck der Strafuntersuchung vereiteln (z.B. Verdacht gegen Familienangehörige).
  • Einschlägig für: Gesamte Norm

BGE 139 IV 128 E. 1.9

  • Thema: Öffnung von Aschenurnen
  • Kernaussage: Die Öffnung einer Aschenurne ist zulässig, wenn überprüft werden muss, ob sich darin tatsächlich die Asche der verstorbenen Person oder verfahrensrelevante Gegenstände befinden.
  • Einschlägig für: Gesamte Norm

II. Weitere Bundesgerichtsentscheide

BGer 7B_258/2022 vom 18.01.2024 E. 2.1

  • Thema: Forensisch-toxikologische Nachuntersuchung von Skeletten
  • Kernaussage: Nach der Exhumierung können chemisch-toxikologische Analysen (z.B. Nachweis von Schwermetallen wie Arsen) an Haaren, Nägeln und Knochen vorgenommen werden.

BGer 1B_180/2021 vom 18.05.2021 E. 2.2

  • Thema: Formeller Befehl der Staatsanwaltschaft
  • Kernaussage: Die Exhumierung bedarf zwingend eines schriftlichen Befehls der Staatsanwaltschaft; die Polizei darf keine Exhumierungen eigenständig vornehmen.

BGer 6B_913/2021 vom 25.10.2021 E. 1.2

  • Thema: Durchführung durch die Rechtsmedizin
  • Kernaussage: Die Bergung der Gebeine auf dem Friedhof und der anschliessende Transport ins Institut für Rechtsmedizin haben unter Aufsicht eines Rechtsmediziners zu erfolgen.

BGer 1B_335/2021 vom 31.08.2021 E. 2.2

  • Thema: Pietätvoller Vollzug und Schutz vor Öffentlichkeit
  • Kernaussage: Die Ausgrabung ist unter Ausschluss der Öffentlichkeit (z.B. Sichtschutzwände) und mit dem gebotenen Respekt vor dem Verstorbenen durchzuführen.

III. Kantonale Entscheide und Praxisfragen

SZ Kantonsgericht BEK 2024 96 vom 12.06.2024

  • Kanton: Schwyz
  • Thema: Beschwerde der Angehörigen gegen den Exhumierungsbefehl
  • Kernaussage: Angehörige können den Exhumierungsbefehl mit Beschwerde nach Art. 393 StPO anfechten.

SZ Kantonsgericht BEK 2024 190 vom 22.01.2025

  • Kanton: Schwyz
  • Thema: Kosten der Exhumierung und Wiederbeisetzung
  • Kernaussage: Die Kosten für die Ausgrabung, Obduktion und die anschliessende Wiederbeisetzung auf dem Friedhof fallen in die Verfahrenskosten (Art. 426 StPO).

SZ Kantonsgericht STK 2026 23 vom 17.06.2026

  • Kanton: Schwyz
  • Thema: Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwaltung
  • Kernaussage: Die Staatsanwaltschaft zieht die kommunale Friedhofsverwaltung zur technischen Durchführung der Graböffnung bei.

SZ Kantonsgericht STK 2026 18 vom 04.05.2026

  • Kanton: Schwyz
  • Thema: Wiederbestattung nach Abschluss der Untersuchungen
  • Kernaussage: Nach Abschluss aller rechtsmedizinischen Untersuchungen sind die sterblichen Überreste unverzüglich und würdevoll wieder zu bestatten.

BS Appellationsgericht BES.2022.81 vom 04.11.2022

  • Kanton: Basel-Stadt
  • Thema: Exhumierung bei unklaren Todesfällen im Spital
  • Kernaussage: Taucht nachträglich der Verdacht auf fahrlässige Tötung durch einen Behandlungsfehler auf, ist die Exhumierung zur Klärung der Todesursache zulässig.

GL Obergericht OG.2021.00012 vom 12.04.2021

  • Kanton: Glarus
  • Thema: Aufschiebende Wirkung bei Exhumierungsbeschwerden
  • Kernaussage: Bei Beschwerden von Angehörigen kann die Beschwerdeinstanz der Beschwerde ausnahmsweise aufschiebende Wirkung erteilen, um irreversible Tatsachen zu verhindern.

ZH Obergericht UH130171 vom 29.07.2013

  • Kanton: Zürich
  • Thema: Identifizierung bei historischen Kriminalfällen / Cold Cases
  • Kernaussage: In ungeklärten Altfällen ist die Exhumierung zur Durchführung moderner DNA-Analysen nach Art. 254 StPO statthaft.

SG Kantonsgericht AK.2024.226 vom 12.09.2024

  • Kanton: St. Gallen
  • Thema: Exhumierung bei Einäscherungsgefahr
  • Kernaussage: Bevor eine Leiche kremiert wird, kann bei aufkommendem Tatverdacht eine vorläufige Sicherstellung angeordnet werden.

BL Kantonsgericht 470 16 9 vom 24.05.2016

  • Kanton: Basel-Landschaft
  • Thema: Unzulässigkeit bei reinen Übertretungen
  • Kernaussage: Zur Verfolgung von Bagatelldelikten oder reinen Übertretungen ist die Anordnung einer Exhumierung unverhältnismässig und unzulässig.

AG Obergericht SBK.2011.278 vom 10.11.2011

  • Kanton: Aargau
  • Thema: Protokollierung der Graböffnung
  • Kernaussage: Über die Graböffnung und den Zustand des Sarges ist ein detailliertes Protokoll mit Fotodokumentation zu führen.

Letzte Aktualisierung: 2026-08-30