Rechtsprechung zu Art. 132 StPO — Amtliche Verteidigung
I. Leitentscheide des Bundesgerichts
BGE 139 IV 113 — Vorschlagsrecht und Unzulässigkeit der Koppelung an Finanzerklärung
- Thema: Trennung von Beiordnung und Kostenrückzahlungspflicht bei notwendiger Verteidigung (Art. 132 Abs. 1 lit. a StPO i.V.m. Art. 133 Abs. 2 StPO)
- Fundstelle: BGE 139 IV 113 E. 1.2, E. 4.1–4.3 und E. 5.1
- Sachverhalt: In einer Strafuntersuchung wegen mehrfachen Betrugs ordnete die Staatsanwaltschaft notwendige Verteidigung an. Der Beschuldigte schlug einen Rechtsanwalt als amtlichen Verteidiger vor. Die Verfahrensleitung verweigerte die Beiordnung des Wunschverteidigers mit der Begründung, der Beschuldigte habe seine finanziellen Verhältnisse nicht offengelegt.
- Kernaussage: Liegt ein Fall notwendiger Verteidigung gemäss Art. 130 StPO vor und bezeichnet die beschuldigte Person keinen Wahlverteidiger, ordnet die Verfahrensleitung nach Art. 132 Abs. 1 lit. a StPO zwingend eine amtliche Verteidigung an. Das Vorschlagsrecht des Beschuldigten nach Art. 133 Abs. 2 StPO darf keinesfalls davon abhängig gemacht werden, dass die beschuldigte Person vorab ihre finanziellen Verhältnisse deklariert. Der Staat bevorschusst die Kosten der notwendigen Verteidigung vorläufig ohne Bedürftigkeitsprüfung; über eine Rückzahlungspflicht (Art. 135 Abs. 4 StPO) wird erst im Endentscheid befunden.
BGE 143 I 164 — Verfassungs- und konventionsrechtliche Tragweite der gebotenen Verteidigung
- Thema: Kriterien der sachlich gebotenen amtlichen Verteidigung (Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO) im Lichte von Art. 29 Abs. 3 BV und Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK
- Fundstelle: BGE 143 I 164 E. 2.2–2.5 und E. 3.5
- Sachverhalt: Dem Beschuldigten wurde eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln durch riskantes Überholen vor einer unübersichtlichen Kurve über eine doppelte Sicherheitslinie vorgeworfen. Es drohte eine bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen nebst Busse. Der Beschuldigte war mittellos und beantragte amtliche Verteidigung, was die Vorinstanzen abwiesen.
- Kernaussage: Weder aus Art. 29 Abs. 3 BV noch aus Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK fliesst ein automatischer Anspruch auf amtliche Verteidigung allein aufgrund der Schwere des Tatvorwurfs. Massgebend für die Beiordnung nach Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO sind die Quaranta-Kriterien: Neben der Bedürftigkeit muss die Verteidigung zur Wahrung der Parteiinteressen sachlich geboten sein. Dies beurteilt sich nach der Schwere der drohenden Sanktion (unter Beachtung der Bagatellgrenze von Abs. 3) sowie den tatsächlichen und rechtlichen Schwierigkeiten des Falls (Abs. 2).
BGE 138 IV 35 — Anfechtbarkeit der Verweigerung der amtlichen Verteidigung
- Thema: Nicht wiedergutzumachender Nachteil bei Verweigerung der amtlichen Verteidigung und Beschwerdelegitimation (Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO, Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG)
- Fundstelle: BGE 138 IV 35 E. 4.1 und E. 6.3–6.5
- Sachverhalt: Die Staatsanwaltschaft wies das Gesuch eines mittellosen Beschuldigten um Beiordnung eines amtlichen Verteidigers im Vorverfahren ab. Die kantonale Beschwerdeinstanz trat auf die Beschwerde mangels rechtlich geschützten Interesses nicht ein.
- Kernaussage: Der verfahrensleitende Entscheid über die Verweigerung einer amtlichen Verteidigung bewirkt für die beschuldigte Person einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG, da der Beschuldigte ohne anwaltlichen Beistand gravierenden Verfahrensrisiken (insbesondere bei polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen) ausgesetzt ist. Gegen die Verweigerung steht der beschuldigten Person die kantonale Beschwerde nach Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO offen.
BGer 6B_7/2024 vom 13. Februar 2026 — Subsidiarität der amtlichen Verteidigung gegenüber der Wahlverteidigung
- Thema: Ausschluss der amtlichen Verteidigung nach Art. 132 Abs. 1 lit. a StPO bei bestehender Wahlverteidigung; Judikaturdivergenz zur Doktrin
- Fundstelle: BGer 6B_7/2024 vom 13.02.2026 E. 1.3
- Sachverhalt: Dem Beschuldigten wurde gewerbsmässiger Betrug vorgeworfen (Fall notwendiger Verteidigung nach Art. 130 lit. b StPO). Er liess sich durch einen gewählten Rechtsanwalt verteidigen. Im Berufungsverfahren beantragte die Wahlverteidigung ihre Einsetzung als amtliche Verteidigung, ohne die finanzielle Bedürftigkeit des Beschuldigten schlüssig darzutun.
- Kernaussage: Die amtliche Verteidigung ist gegenüber der privaten Wahlverteidigung strikt subsidiär. Bedient sich die beschuldigte Person eines Wahlverteidigers, ist der Schutzzweck von Art. 130 StPO vollauf gewahrt; eine Beiordnung gestützt auf Art. 132 Abs. 1 lit. a StPO fällt ausser Betracht. Die Umwandlung eines privaten Mandats in eine amtliche Verteidigung richtet sich ausschliesslich nach Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO und setzt zwingend den lückenlosen Nachweis der finanziellen Bedürftigkeit voraus. Das Bundesgericht erteilt damit der in der Lehre vertretenen Gegenansicht eine Absage.
BGer 7B_633/2023 vom 12. August 2024 — Bestätigung der Subsidiaritätspraxis bei notwendiger Verteidigung
- Thema: Keine staatliche Kostenübernahme im Fall von Art. 130 StPO ohne strikten Bedürftigkeitsbeweis bei vorhandenem Wahlverteidiger
- Fundstelle: BGer 7B_633/2023 vom 12.08.2024 E. 3.2–3.4
- Sachverhalt: Erstinstanzliche Verurteilung wegen mehrfacher Veruntreuung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 26 Monaten (notwendige Verteidigung). Für das Berufungsverfahren ersuchte der bisherige Wahlverteidiger um amtliche Beiordnung. Die eingereichten Unterlagen enthielten keine aktuellen Bankauszüge und verschwiegen Vermögensübertragungen.
- Kernaussage: Das Bundesgericht schützt die Abweisung des Gesuchs: Ein Anspruch auf Einsetzung eines amtlichen Verteidigers bei bereits bestellter Wahlverteidigung besteht nur, wenn die beschuldigte Person nachweist, dass ihre Mittel erschöpft sind und sie die Wahlverteidigung nicht mehr honorieren kann. Kommt der Beschuldigte seiner Mitwirkungspflicht nicht nach, bleibt das private Mandatsverhältnis bestehen; der Staat hat nicht als Ausfallbürge für private Honorarforderungen einzustehen.
BGer 1B_205/2019 vom 14. Juni 2019 — Aussage gegen Aussage und Ex-nunc-Wirkung
- Thema: Tatsächliche Schwierigkeiten bei kontroverser Beweislage (Abs. 2) und Grundsatz des Ausschlusses rückwirkender Beiordnung
- Fundstelle: BGer 1B_205/2019 vom 14.06.2019 E. 3.2 und E. 4.2
- Sachverhalt: Strafverfahren wegen einfacher Körperverletzung und Sachbeschädigung (drohende Geldstrafe von über 120 Tagessätzen). Der Beschuldigte und der Belastungszeuge machten diametral widersprüchliche Angaben zum Kerngeschehen; objektive Sachbeweise (Videoaufnahmen, unbeteiligte Dritte) fehlten. Der Beschuldigte war mittellos.
- Kernaussage: Steht in einem Verfahren Aussage gegen Aussage und hängt der Ausgang massgeblich von der Würdigung persönlicher Einvernahmen, Glaubhaftigkeitskriterien und Konfrontationsbefragungen ab, liegen tatsächliche Schwierigkeiten i.S.v. Art. 132 Abs. 2 StPO vor, die die Beiordnung eines amtlichen Verteidigers gebieten. Hinsichtlich des Wirkungszeitpunkts bestätigt das Bundesgericht, dass die Beiordnung grundsätzlich erst ab Gesuchstellung (ex nunc) wirkt und keine rückwirkende Entschädigung für bereits vor Gesucheingang angefallenen Mandatsaufwand begründet.
II. Weitere Entscheide des Bundesgerichts und kantonale Rechtsprechung
BGer 7B_935/2023 vom 28. August 2024 — Keine automatische Beiordnung über der 120-Tagessätze-Grenze
- Thema: Fehlen tatsächlicher und rechtlicher Schwierigkeiten trotz Überschreitens der Bagatellgrenze (Art. 132 Abs. 2 und 3 StPO)
- Fundstelle: BGer 7B_935/2023 vom 28.08.2024 E. 3.1–3.4
- Sachverhalt: Strafuntersuchung wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand (Qualifikation) und Missachtung eines Wechsellichtsignals. Die Staatsanwaltschaft stellte eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen in Aussicht. Das Gesuch um amtliche Verteidigung wurde abgelehnt.
- Kernaussage: Das Überschreiten der Schwellenwerte von Art. 132 Abs. 3 StPO (120 Tagessätze Geldstrafe bzw. 4 Monate Freiheitsstrafe) schliesst zwar das Vorliegen eines Bagatellfalls aus, begründet jedoch keinen automatischen Anspruch auf amtliche Verteidigung. Gemäss Art. 132 Abs. 2 StPO muss der Fall zusätzlich tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten bieten, denen die beschuldigte Person allein nicht gewachsen ist. Bei standardisierter forensischer Beweislage (Blutalkoholanalyse) und eingestandenem Sachverhalt fehlt es daran.
BGer 1B_332/2015 vom 24. November 2015 — Waffengleichheit bei anwaltlich vertretener Privatklägerschaft
- Thema: Gebotene Verteidigung bei häuslicher Gewalt, Sprachbarriere und anwaltlich verbeiständeter Gegenpartei
- Fundstelle: BGer 1B_332/2015 vom 24.11.2015 E. 2.2–2.5
- Sachverhalt: Dem mittellosen Beschuldigten wurden wiederholte einfache Körperverletzungen und Drohungen im häuslichen Bereich zum Nachteil seiner Ehefrau zur Last gelegt. Die Ehefrau liess sich als Privatklägerin unentgeltlich verbeiständen. Der Beschuldigte beherrschte die deutsche Sprache nicht und verfügte über keinerlei Rechtskenntnisse.
- Kernaussage: Stehen sich in einem emotional aufgeladenen Verfahren wegen Delikten gegen die körperliche Integrität widersprüchliche Aussagen gegenüber und geniesst die Privatklägerschaft anwaltlichen Beistand, gebietet der verfassungs- und konventionsrechtliche Grundsatz der Waffengleichheit (Art. 3 Abs. 2 lit. c StPO) die Beiordnung eines amtlichen Verteidigers für die mittellose beschuldigte Person.
BGer 1B_170/2013 vom 30. Mai 2013 — Widerlegung der Bagatellvermutung bei KESB- und Sorgerechtsgefährdung
- Thema: Berücksichtigung schwerwiegender immaterieller Begleitfolgen bei Strafdrohungen unter 120 Tagessätzen (Art. 132 Abs. 3 StPO)
- Fundstelle: BGer 1B_170/2013 vom 30.05.2013 E. 2.2–2.4
- Sachverhalt: Gegenseitige Vorwürfe von Tätlichkeiten und einfacher Körperverletzung zwischen getrennt lebenden Ehegatten. Die in Aussicht gestellte Sanktion belief sich auf eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen. Das Eheschutz- und KESB-Verfahren um das Obhuts- und Besuchsrecht für die gemeinsamen Kinder war hängig.
- Kernaussage: Die Vermutung des Bagatellfalls gemäss Art. 132 Abs. 3 StPO wird widerlegt, wenn die strafrechtliche Verurteilung unmittelbare, existenzielle Auswirkungen auf die Rechtsstellung des Beschuldigten im Zivil- oder Kindesschutzrecht nach sich zieht. Droht bei einem Schuldspruch der Entzug der elterlichen Sorge oder eine Sistierung des Besuchsrechts, wiegen die immateriellen Interessen so schwer, dass eine amtliche Verteidigung bewilligt werden muss.
BGer 1B_263/2013 vom 20. November 2013 — Widerlegung der Bagatellvermutung bei drohender Ausweisung
- Thema: Ausländerrechtliche Nebenfolgen als Grund für die Gebotenheit der Verteidigung bei geringer Strafdrohung
- Fundstelle: BGer 1B_263/2013 vom 20.11.2013 E. 3.1–3.4
- Sachverhalt: Strafuntersuchung gegen einen ausländischen Staatsangehörigen wegen Gehilfenschaft zu Veruntreuung mit geringer Deliktssumme (in Aussicht gestellte Geldstrafe von 60 Tagessätzen). Das zuständige Migrationsamt hatte dem Beschuldigten zuvor formell den Widerruf der Aufenthaltsbewilligung im Wiederholungsfall angedroht.
- Kernaussage: Führt eine Verurteilung mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Widerruf des fremdenpolizeilichen Aufenthaltstitels oder zum Vollzug einer Landesverweisung, steht für die beschuldigte Person ein schwerer Eingriff in ihre verfassungs- und konventionsrechtlich geschützte Rechtsstellung (Art. 8 EMRK) bevor. Unter diesen Umständen greift die Bagatellklausel von Art. 132 Abs. 3 StPO nicht; die amtliche Verteidigung ist anzuordnen.
BGer 1B_224/2013 vom 27. August 2013 — Keine Widerlegung bei abstrakter Furcht vor Arbeitsplatzverlust
- Thema: Unbeachtlichkeit rein hypothetischer beruflicher Nachteile für die Durchbrechung der Bagatellgrenze
- Fundstelle: BGer 1B_224/2013 vom 27.08.2013 E. 2.1–2.4
- Sachverhalt: Übertretungsverfahren wegen einer einfachen Verkehrsregelverletzung (Busse von CHF 500.-). Der Beschuldigte, ein kaufmännischer Angestellter, beantragte amtliche Verteidigung und machte geltend, jede strafrechtliche Registrierung gefährde seine berufliche Anstellung und künftige Bewerbungen.
- Kernaussage: Die blosse theoretische Befürchtung wirtschaftlicher Nachteile oder eines Strafregistereintrags genügt nicht, um die gesetzliche Vermutung des Bagatellfalls gemäss Art. 132 Abs. 3 StPO umzustossen. Erforderlich sind konkrete Anhaltspunkte für den drohenden Verlust einer behördlichen Berufsausübungsbewilligung oder den unmittelbaren Verlust der Existenzgrundlage.
BGer 1B_72/2017 vom 3. April 2017 — Mangelnde Rechts- und Sprachkenntnisse begründen keine Beiordnung
- Thema: Keine tatsächlichen Schwierigkeiten allein durch Laienstatus und Fremdsprachigkeit
- Fundstelle: BGer 1B_72/2017 vom 03.04.2017 E. 2.2 und E. 3.2
- Sachverhalt: Strafverfahren wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Führerausweis und Entziehens von Kontrollschildern; beantragte Strafe 150 Tagessätze Geldstrafe. Der mittellose ausländische Beschuldigte berief sich auf seine völlige Unkenntnis des schweizerischen Rechts und unzureichende Deutschkenntnisse.
- Kernaussage: Sprachschwierigkeiten werden durch die gesetzliche Verpflichtung zur Beiziehung eines Dolmetschers (Art. 68 StPO) kompensiert. Gewöhnliche Laien- und Rechtsunkenntnis begründet für sich allein keine tatbeständlichen Schwierigkeiten im Sinne von Art. 132 Abs. 2 StPO, wenn der Sachverhalt überschaubar ist und die rechtliche Würdigung keine vertieften dogmatischen Fragen aufwirft.
SG KG AK.2016.396 vom 21. Dezember 2016 — Strenge Anforderungen an den Bedürftigkeitsnachweis
- Thema: Mitwirkungspflichten und Berechnung des prozessualen Zwangsbedarfs (Art. 132 Abs. 1 lit. b StPO)
- Fundstelle: SG KG AK.2016.396 vom 21.12.2016 S. 3–5
- Sachverhalt: Der Beschuldigte verlangte amtliche Verteidigung in einem Voruntersuchungsverfahren wegen Betrugs. Er reichte unvollständige Lohnausweise ein und verweigerte Auskünfte zu Grundbesitz im Ausland sowie den Konten seiner Ehefrau.
- Kernaussage: Die beschuldigte Person trägt die Beweislast für ihre finanzielle Bedürftigkeit. Sie hat ihre Einkommens-, Vermögens- und Schuldenverhältnisse umfassend und lückenlos zu belegen. Kommt sie ihrer Mitwirkungspflicht nicht nach oder verweigert sie Auskünfte zu mutmasslich vorhandenen Vermögenswerten, ist das Gesuch um amtliche Verteidigung ohne materielle Weiterungen abzuweisen.
BL KG 460 25 176 vom 6. Januar 2026 — Ausschluss rückwirkender Honorierung vor Beiordnungsgesuch
- Thema: Ausschluss der Entschädigung von Wahlverteidigungsaufwand vor Einreichung des Beiordnungsgesuchs
- Fundstelle: BL KG 460 25 176 vom 06.01.2026 E. 3.1–3.4
- Sachverhalt: Ein Rechtsanwalt verteidigte den Beschuldigten zunächst privat im Rahmen einer Wahlverteidigung. Erst nach Durchführung mehrerer Einvernahmen stellte er ein Gesuch um amtliche Verteidigung, dem entsprochen wurde. Bei Verfahrensabschluss verlangte er die Entschädigung sämtlicher Aufwendungen seit Mandatsbeginn aus der Gerichtskasse.
- Kernaussage: Die amtliche Verteidigung wirkt grundsatzmässig ex nunc ab Einreichung des Gesuchs. Aufwendungen, die vor der Einreichung des Beiordnungsgesuchs im Rahmen des privaten Mandatsverhältnisses angefallen sind, dürfen dem Staat nicht über die Entschädigungsliste auferlegt werden. Eine Ausnahme gilt einzig bei unverschuldeten Notfallsituationen mit unmittelbarer Dringlichkeit.
TG OG SW.2021.107 (RBOG 2021 Nr. 22) — Beschwerdeweg gegen gerichtliche Beiordnungsverweigerung
- Thema: Sofortige Anfechtbarkeit der Verweigerung der amtlichen Verteidigung durch die Verfahrensleitung im Hauptverfahren (Art. 393 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 65 Abs. 1 StPO)
- Fundstelle: TG OG SW.2021.107 (RBOG 2021 Nr. 22) E. 2–4
- Sachverhalt: Die Verfahrensleitung des erstinstanzlichen Gerichts wies ein Gesuch um Beiordnung einer amtlichen Verteidigung für die Hauptverhandlung ab. Der Beschuldigte erhob sofort Beschwerde an das Obergericht.
- Kernaussage: Verfügungen der erstinstanzlichen gerichtlichen Verfahrensleitung über die Nicht-Beiordnung oder Entziehung der amtlichen Verteidigung unterliegen gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 65 Abs. 1 StPO der selbständigen Beschwerde an die kantonale Beschwerdeinstanz, da der Ausschluss anwaltlichen Beistands vor Gericht einen irreversiblen Nachteil für die Verteidigungsrechte begründet.
Top-Entscheide im Überblick
| Entscheid | Instanz / Datum | Leitthema | Relevante Normen |
|---|---|---|---|
| BGE 139 IV 113 | BGer (2013) | Vorschlagsrecht; keine Pflicht zur Offenlegung der Finanzen bei Art. 130 StPO | Art. 132 Abs. 1 lit. a, Art. 133 Abs. 2 StPO |
| BGE 143 I 164 | BGer (2017) | Quaranta-Kriterien der gebotenen Verteidigung; kein Anspruch aus Art. 29 Abs. 3 BV | Art. 132 Abs. 1 lit. b, Art. 29 Abs. 3 BV |
| BGE 138 IV 35 | BGer (2012) | Beschwerdelegitimation und nicht wiedergutzumachender Nachteil bei Verweigerung | Art. 132 StPO, Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO |
| BGer 6B_7/2024 | BGer (13.02.2026) | Subsidiarität der amtlichen Verteidigung gegenüber bestehender Wahlverteidigung | Art. 132 Abs. 1 lit. a und b, Art. 129 StPO |
| BGer 7B_633/2023 | BGer (12.08.2024) | Ablehnung der Umwandlung von Wahl- in amtliche Verteidigung ohne Bedürftigkeitsnachweis | Art. 132 Abs. 1 lit. b, Art. 130 StPO |
| BGer 1B_205/2019 | BGer (14.06.2019) | Aussage gegen Aussage als tatsächliche Schwierigkeit; Ex-nunc-Wirkung der Beiordnung | Art. 132 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 StPO |
| BGer 7B_935/2023 | BGer (28.08.2024) | Keine automatische Beiordnung über 120 Tagessätzen bei einfachem Sachverhalt | Art. 132 Abs. 2 und 3 StPO |
| BGer 1B_332/2015 | BGer (24.11.2015) | Waffengleichheit bei anwaltlich vertretener Privatklägerschaft bei häuslicher Gewalt | Art. 132 Abs. 2 StPO, Art. 3 Abs. 2 lit. c StPO |
| BGer 1B_170/2013 | BGer (30.05.2013) | Widerlegung der Bagatellvermutung bei drohendem Sorgerechtsentzug / KESB-Massnahmen | Art. 132 Abs. 2 und 3 StPO |
| BGer 1B_263/2013 | BGer (20.11.2013) | Widerlegung der Bagatellvermutung bei drohendem Widerruf der Aufenthaltsbewilligung | Art. 132 Abs. 2 und 3 StPO |
| BL KG 460 25 176 | KG BL (06.01.2026) | Ausschluss der Rückwirkung bei Umwandlung von Wahl- in amtliche Verteidigung | Art. 132 StPO, Art. 135 StPO |
| TG OG SW.2021.107 | OG TG (2021) | Beschwerdeweg bei Verweigerung der Beiordnung durch gerichtliche Verfahrensleitung | Art. 132 StPO, Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO |