Rechtsprechung zu Art. 180 StGB
I. Leitentscheide des Bundesgerichts (BGE)
BGE 99 IV 212 E. 1a, 1b — Objektive Eignung, Gesamtwürdigung und Konkurrenzen
- Sachverhalt: Mehrere Personen wurden im Zusammenhang mit einer Hausbesetzung und einem anschliessenden Polizeieinsatz wegen Drohung und Landfriedensbruchs verurteilt. Das Bundesgericht präzisierte die Voraussetzungen des Tatbestandsmerkmals der schweren Drohung.
- Kernaussage: Bei der Feststellung, ob eine Drohung objektiv geeignet ist, Furcht hervorzurufen, ist nicht isoliert auf die angewendeten Mittel abzustellen, sondern auf die gesamten Umstände des konkreten Falls (E. 1a). Die Drohung kann ausdrücklich, durch Gesten, konkludentes Verhalten oder durch gezieltes «Wissenlassen» erfolgen. Wo Art. 180 und Art. 181 StGB (Nötigung) gleichzeitig anwendbar sind, liegt Gesetzeskonkurrenz vor (E. 1b).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Begriff der schweren Drohung, objektiver Eignungsmassstab, Gesamtwürdigung, Konkurrenz zu Art. 181 StGB.
BGE 141 IV 1 E. 3.2, 3.3, 3.4 — Geschädigteneigenschaft: Ausschluss juristischer Personen
- Sachverhalt: Eine Wohnbaugenossenschaft konstituierte sich als Privatklägerin in einem Strafverfahren wegen Drohung, Nötigung und Mietrechtsdelikten gegen einen renitenten Mieter.
- Kernaussage: Die von Art. 180 StGB geschützten Rechtsgüter sind die persönliche Ruhe, die innere Freiheit und das Sicherheitsgefühl vor unberechtigter Furcht. Eine juristische Person besitzt keine solchen seelischen Empfindungen und ist nicht Trägerin dieser geschützten Rechtsgüter; sie kann daher bei Art. 180 StGB nicht geschädigte Person im Sinne von Art. 115 StPO sein (E. 3.2). Dagegen kann eine juristische Person bei Nötigung (Art. 181 StGB) und Missbräuchen im Mietrecht (Art. 325bis StGB) geschädigt sein, da diese Normen die Handlungs- und Willensbetätigungsfreiheit schützen, zu welcher auch Körperschaften befähigt sind (E. 3.3, 3.4).
- Einschlägig für: Art. 180 StGB, Art. 115 StPO — Schutzzweck, Rechtsgut, Ausschluss juristischer Personen als Opfer.
BGE 143 IV 104 E. 5.2.3 — Offizialdelikt im Nahbereich (Abs. 2) und Verfahrenssistierung nach Art. 55a StGB
- Sachverhalt: In einem Strafverfahren wegen Gewaltdelikten im ehelichen Nahbereich stellte sich die Frage nach den Wirkungen der Verfahrenseinstellung gestützt auf Art. 55a StGB und dem Grundsatz «ne bis in idem».
- Kernaussage: Mit der Einführung der Offizialverfolgung von Gewalthandlungen im sozialen Nahbereich (u.a. Art. 180 Abs. 2 StGB) setzte der Gesetzgeber ein Signal, dass häusliche Gewalt keine Privatsache darstellt. Zugleich sollte das Opfer von der moralischen Last befreit werden, für die Strafverfolgung verantwortlich zu sein. Als verfahrensrechtliches Korrektiv sieht Art. 55a StGB die Sistierung und Einstellung des Verfahrens vor, wenn das Opfer dies verlangt oder zustimmt; das unbenutzte Verstreichenlassen der Widerrufsfrist kommt dem Rückzug eines Strafantrags gleich (E. 5.2.3).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 2 StGB, Art. 55a StGB — Zweck der Offizialisierung bei Partnerschaftsgewalt, Sistierung und Einstellung.
BGE 137 IV 258 E. 2 — Abgrenzung: Drohungsbegriff bei der Friedensbürgschaft (Art. 66 StGB)
- Sachverhalt: Anfechtung einer gerichtlichen Anordnung einer Friedensbürgschaft nach vorangegangenen verbalen Streitigkeiten und Drohungen.
- Kernaussage: Das Tatbestandsmerkmal der Drohung in Art. 66 StGB (Friedensbürgschaft) setzt keine strafbare schwere Drohung im Sinne von Art. 180 StGB voraus. Die Drohung muss weder ausdrücklich noch direkt gegenüber der bedrohten Person geäussert werden; ausreichend ist jede Drohung mit einem Verbrechen oder Vergehen, welche die ernste, naheliegende Besorgnis der Verwirklichung begründet (E. 2).
- Einschlägig für: Art. 66 StGB, Art. 180 StGB — Begriffliche Abgrenzung zur Friedensbürgschaft.
II. Weitere Bundesgerichtsentscheide
BGer 6B_621/2024 vom 27. November 2024 E. 2.1–2.4 — Konkubinat auf unbestimmte Zeit gemäss Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB
- Sachverhalt: Ein stark alkoholisierter Beschuldigter packte seine Partnerin bei einem Streit in der Küche an den Haaren und hielt ihr ein Küchenmesser mit 15 cm langer Klinge an den Hals. Dabei bemerkte er, als gelernter Metzger könne er mit einem solchen Messer einen Rinderhals durchschneiden. Vor Bundesgericht rügte er, mangels Strafantrags fehle eine Prozessvoraussetzung: Die Beziehung sei unstet gewesen, er habe wegen Streitigkeiten oft tagelang woanders gewohnt, besass keinen eigenen Schlüssel und sei polizeilich nicht an der Adresse gemeldet gewesen; das Zusammenleben sei nur probeweise erfolgt.
- Kernaussage: Ein Konkubinat gemäss Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB setzt eine auf längere Zeit angelegte umfassende Lebensgemeinschaft mit Ausschliesslichkeitscharakter sowie geistig-seelischer, körperlicher und wirtschaftlicher Komponente voraus, wobei nicht allen Komponenten dasselbe Gewicht zukommt. Das Führen eines gemeinsamen Haushalts «auf unbestimmte Zeit» liegt vor, wenn eine dauerhafte Bindung und nicht bloss ein vorübergehendes Zusammenleben beabsichtigt ist. Trotz wiederholter Streitigkeiten, temporärer Rauswürfe und fehlenden Schlüssels bejahte das Bundesgericht die Lebenspartnerschaft, da die Partnerin ihn stets wieder aufnahm, die Beziehung über mehrere Jahre dauerte und er im Haushalt mitwirkte (E. 2.1–2.4).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB — Begriff des Konkubinats, gemeinsamer Haushalt auf unbestimmte Zeit, Offizialverfolgung.
BGer 6B_1193/2021 vom 7. März 2023 E. 3.4.1 — Konkurrenz: Todesdrohung mit Brotmesser vs. qualifizierte einfache Körperverletzung
- Sachverhalt: Der Beschuldigte packte seine Ehefrau an den Haaren, warf sie auf das Sofa und hielt ihr ein Brotmesser an den Hals. Im weiteren Verlauf fügte er ihr mit dem Messer an beiden Unterarmen blutende Schnittwunden zu (Schuldspruch wegen Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB). Er rügte, das Vorhalten des Messers sei als blosse mitbestrafte Vortat (Konsumtion) von der qualifizierten Körperverletzung abgegolten.
- Kernaussage: Zwar bestand ein enger zeitlicher Konnex zwischen der Drohung und der Körperverletzung. Das angedrohte Übel (Tod durch Messer am Hals) entsprach jedoch nicht der letztlich ausgeführten Tat (Schnittwunden an den Armen), sondern ging wesentlich darüber hinaus. Die Todesdrohung stellt keine blosse Begleiterscheinung der Körperverletzung dar, sondern beruht auf einem selbstständigen Willensentschluss. Art. 180 StGB und Art. 123 Ziff. 2 StGB stehen in echter Realkonkurrenz (E. 3.4.1).
- Einschlägig für: Art. 180 StGB, Art. 123 StGB — Konkurrenzdogmatik, Abgrenzung mitbestrafte Vortat vs. echte Konkurrenz.
BGer 6B_1017/2019 vom 20. November 2019 E. 5.3, 5.4 — Freispruch von Art. 180 StGB: Schiebemesser im Fahrzeug vorzeigen gegen Türsteher
- Sachverhalt: Nach verwehrtem Zutritt zu einer Bar stieg der Beschuldigte in sein parkiertes Auto. Der kampfsporterprobte Türsteher eilte ihm nach und sprach ihn durch das geöffnete Fahrerfenster an. Daraufhin startete der Beschuldigte den Motor und zeigte ein im Ärmel verborgenes Schiebemesser vor. Verbale Todesdrohungen konnten nicht nachgewiesen werden. Der Türsteher blieb unbeeindruckt am Fenster stehen. Die Staatsanwaltschaft verlangte eine Verurteilung wegen Art. 180 StGB.
- Kernaussage: Das Bundesgericht schützte den Freispruch. Das blosse Vorzeigen eines Messers aus dem Fahrzeuginneren heraus, während der Betroffene sich in Begleitung weiterer Türsteher befand, in der Überzahl war und angesichts der Barriere des Fahrzeugs keinen unmittelbaren Angriff befürchten musste, erreicht unter Würdigung der Gesamtsituation nach objektivem Massstab nicht den Schweregrad einer strafbaren Drohung (E. 5.3–5.4).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Verwerfungsfall, objektive Eignung verneint, Gesamtwürdigung der Situation.
BGer 6B_1219/2018 vom 27. September 2019 E. 2.3 — Drohung mit Baseballschläger nach Verkehrsstreit
- Sachverhalt: Ein Autolenker verfolgte eine Fahrzeuglenkerin über eine Distanz von zwei Kilometern mit extrem geringem Abstand, zwang sie auf einer Strasse zum Anhalten, stieg mit einem Baseballschläger aus, schlug wütend an ihre Scheibe und versuchte, die Fahrertüre aufzureissen.
- Kernaussage: Ein solches aggressives Auftreten mit einer Schlagwaffe an einem blockierten Fahrzeug ist nach objektivem Massstab zweifelsfrei geeignet, eine durchschnittlich belastbare Person in erhebliche Angst und Schrecken zu versetzen. Dass die Geschädigte anschliessend wegfahren und die Polizei rufen konnte, beseitigt den eingetretenen Taterfolg nicht (E. 2.3).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Konkludente schwere Drohung, Bedrohung im Strassenverkehr mit Waffen.
BGer 6B_1282/2016 vom 14. September 2017 E. 2.2, 2.3 — Versuchte Drohung: Ausbleiben von Angst oder Schrecken beim Opfer
- Sachverhalt: Der Beschuldigte stiess gegenüber seiner Ehefrau massive Mord- und Suiziddrohungen aus («er mache eher mit sich Schluss, als sie nochmals anzufassen; er könne ihr das Herz herausreissen oder sie totschlagen»). Die Ehefrau sagte aus, sie habe gewusst, dass er aus Hilflosigkeit handle, habe die Drohungen nicht ernst genommen und sei nicht verängstigt worden.
- Kernaussage: Art. 180 Abs. 1 StGB verlangt als Erfolgsdelikt, dass das Opfer tatsächlich in Schrecken oder Angst versetzt wird. Bleibt diese seelische Erschütterung aus, weil das Opfer die Äusserung nicht ernst nimmt, liegt bei gegebenem Vorsatz eine versuchte Drohung (Art. 180 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) vor. Die Androhung kann sich auch auf Übel gegen die eigene Person des Drohenden beziehen (E. 2.2–2.5).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB, Art. 22 StGB — Versuchte Drohung, subjektive Furcht als Taterfolg.
BGer 6B_1121/2013 vom 6. Mai 2014 E. 6.3, 10.3 — Mehrfache Drohungen im Ehekonflikt und Verlust des Sicherheitsgefühls
- Sachverhalt: Im Rahmen langwieriger ehelicher Auseinandersetzungen äusserte der Ehemann wiederholt «ich mache dich fertig» (begleitet von Handgreiflichkeiten), hielt ihr eine Heugabel an den Hals, fuhr mit aufheulendem Motor auf sie zu und erklärte, er hätte sie «schon das letzte Mal zu Tode schlagen sollen». Die Frau gab an, sie habe beim Vorfall im Stall zunächst weitergearbeitet, dann aber ein «ungutes Gefühl» verspürt.
- Kernaussage: Die Äusserung «ich mache dich fertig» kann im Kontext von Tätlichkeiten und eskalierter Gewalt eine schwere Drohung darstellen; der Täter muss das Übel nicht detailliert beschreiben. Für den Taterfolg ist keine lähmende Panik oder Verzweiflung nötig; der Verlust des normalen Sicherheitsgefühls («ungutes Gefühl») genügt zur Tatbestandsvollendung (E. 6.3, 10.3).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Taterfolg, Verlust des Sicherheitsgefühls, Gesamtwürdigung bei verbalen Drohungen.
BGer 6B_192/2012 vom 10. September 2012 E. 1.2–1.4 — Suiziddrohung («Durchladen») als versuchte Drohung nach Art. 180 Abs. 2 lit. a StGB
- Sachverhalt: Ein getrennt lebender Ehemann erklärte seiner Ehefrau während des Scheidungsverfahrens, er gehe jetzt nach Hause, lade durch und komme nicht wieder. Die Ehefrau erstattete erst fast zwei Jahre später Strafanzeige aus anderem Anlass und war durch die Ankündigung nicht in Angst versetzt worden.
- Kernaussage: Die Ankündigung, sich das Leben zu nehmen, stellt eine schwere Drohung dar, wenn sie geeignet ist, nahe Angehörige (hier die Mutter gemeinsamer Kinder) durch die zu befürchtenden seelischen Belastungen in schwere Angst zu versetzen. Weil der tatsächliche Schrecken ausblieb, der Täter die Einschüchterungswirkung aber billigend in Kauf nahm, ist der Schuldspruch wegen versuchter Drohung von Amtes wegen (Art. 180 Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) bundesrechtskonform (E. 1.2–1.4).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 2 lit. a StGB, Art. 22 StGB — Suiziddrohung als strafbare Drohung, versuchte Drohung im Eheverhältnis.
BGer 6B_351/2007 vom 9. November 2007 E. 5.3–5.5 — Drohung gegen Behördenmitglied: «Ohrring aus dem Grind reissen»
- Sachverhalt: Ein Beschuldigter rief frühmorgens um 06.45 Uhr einen ehemaligen Gemeinderat und Sozialamtsvorsteher an, beschimpfte ihn massiv und drohte ihm, ihm «den Ohrring aus dem Grind zu reissen» und ihn «fertig zu machen», flankiert von diffamierenden Flugblättern im Internet.
- Kernaussage: Die Androhung eines physischen Eingriffs in die körperliche Integrität stellt regelmässig einen schweren Eingriff in das Sicherheitsgefühl dar. Erschwerend fielen der Anruf zur Unzeit in die Privatsphäre und das Vorverhalten ins Gewicht. Ob der Täter die Drohung ernsthaft umsetzen wollte, ist irrelevant; massgeblich ist allein, dass er wollte oder in Kauf nahm, dass das Opfer die Drohung ernst nimmt (E. 5.3–5.5).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Drohung gegen Amtsträger, subjektiver Tatbestand, Irrelevanz des Umsetzungswillens.
BGer 6P.86/2005 vom 1. Oktober 2005 E. 8.2, 8.3 — «Gezielter Terror» im Strassenverkehr
- Sachverhalt: Mehrkilometerlanges dichtestes Auffahren auf der Autobahn, Abdrängen, Ausbremsen auf einer Landstrasse und wutentbranntes Herantreten an die Fahrertür mit dem Ausruf «ich schlag dir deine Fresse ein».
- Kernaussage: Auch wenn der verbale Ausruf isoliert betrachtet als blosse Unmutsäusserung gewertet werden könnte, begründet die Gesamtheit des Verhaltens («gezielter Terror») zweifelsfrei eine schwere Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB (E. 8.2–8.3).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Aggressionsdelikte im Strassenverkehr, Gesamtwürdigung.
BGer 6S.53/2001 vom 21. Februar 2001 E. 2b, 2c — Abgrenzung: Psychisch fertig machen ist keine schwere Drohung
- Sachverhalt: Ein Anrufer forderte von der Mutter seiner Bekannten Fr. 20'000.– und drohte, sie werde sehen, was passiere, wenn sie nicht zahle; er werde sie «fertig machen». Die Mutter ging davon aus, er wolle sie durch Verleumdungen und Beschimpfungen im Dorf psychisch fertig machen.
- Kernaussage: Eine Ankündigung, die nach ihrem objektiven Sinngehalt auf eine rein psychische Beeinträchtigung durch üble Nachrede oder Beschimpfungen abzielt, ist von vornherein nicht geeignet, eine Person nach Art. 180 StGB in Angst oder Schrecken zu versetzen. Der Tatbestand der Drohung war nicht erfüllt (E. 2b, 2c).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Verwerfungsfall, negative Abgrenzung zu Ehrverletzungen und psychischem Druck.
III. Kantonale Rechtsprechung
Zivil- und Strafgericht Bern BK 2021 255 vom 18. Mai 2021 E. 4.1–4.4 — WhatsApp-Drohung des Ex-Mannes: Aufhebung der Nichtanhandnahme
- Kanton: Bern (Obergericht, Beschwerdekammer in Strafsachen)
- Sachverhalt: Ein geschiedener Ehemann sandte seiner Ex-Frau eine WhatsApp-Nachricht betreffend ihren neuen Partner: «Was ihm passiert isch iz nüm mi schuld!! I wird ihm d schwärzischti zyt i sim läba zeige. Är wird ds nid chönne ushaute u überläbe. I ha di scho viu vorgwahrnt. U dir, warte nume. Äs wird höllisch für di si». Die Staatsanwaltschaft verfügte eine Nichtanhandnahme mit der Begründung, der Text sei vage und nehme auf Schicksal bzw. Spiritualität Bezug.
- Kernaussage: Das Obergericht hob die Nichtanhandnahme auf. Der Text verweist nicht auf höhere Mächte, sondern kündigt mit der Formulierung («I wird ihm d schwärzischti zyt zeigen […] nid chönne überläbe») ein vom Willen des Täters abhängiges schweres Übel an. Die Nachricht war objektiv geeignet, Angst auszulösen; der Adressat wählte den Notruf und gab fortdauernde Furcht zu Protokoll (E. 4.3–4.4).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB, Art. 310 StPO — Digitale Drohung über Messenger, Abgrenzung zur Nichtanhandnahme.
Zivil- und Strafgericht Bern BK 2020 485 vom 23. Oktober 2020 E. 4.2–4.4 — Polizeiliche Ermahnung: Keine schwere Drohung
- Kanton: Bern (Obergericht, Beschwerdekammer in Strafsachen)
- Sachverhalt: Ein Bürger erstattete Strafanzeige gegen einen Kantonspolizisten wegen Drohung und Beschimpfung. Der Beamte habe ihm bei einer Anzeigeaufnahme gesagt, er solle «das Schnäbeli nicht einziehen», habe «jetzt noch zwei Minuten Zeit, sonst werde er richtig ungemütlich und das sei dann wirklich nicht mehr lustig».
- Kernaussage: Die Ankündigung eines Polizisten, «richtig ungemütlich» zu werden, stellt nach objektivem Massstab keine schwere Drohung im Sinne von Art. 180 StGB dar, sondern eine straflose Unmutsbekundung. Die Nichtanhandnahme wurde zu Recht verfügt (E. 4.2–4.4).
- Einschlägig für: Art. 180 Abs. 1 StGB — Verwerfungsfall, Bagatellgrenze bei behördlicher Kommunikation.
Obergericht Thurgau RBOG 2025 Nr. 25 vom 10. Juli 2024 E. 6.3.3 — Konkurrenzverhältnis zwischen Drohung und nachfolgender Körperverletzung
- Kanton: Thurgau (Obergericht, 1. Abteilung, SBR.2024.20)
- Sachverhalt: Grundsatzurteil zur konkurrenzrechtlichen Einordnung, wenn eine drohende Person die Drohung anschliessend in die Tat umsetzt.
- Kernaussage: Bei einem engen zeitlichen Zusammenhang bildet die vorausgehende Drohung mit der verübten Körperverletzung eine natürliche Handlungseinheit und tritt als mitbestrafte Vortat zurück, sofern das angedrohte Übel nicht über die verübte Körperverletzung hinausgeht. Reicht die Drohung weiter (z.B. Todesdrohung vor blosser einfacher Körperverletzung), besteht echte Realkonkurrenz (E. 6.3.3).
- Einschlägig für: Art. 180, Art. 122, Art. 123 StGB — Konkurrenzdogmatik in der kantonalen Praxis.
Obergericht Zürich SB160469 vom 29. Juni 2017 E. 4.1–4.4 — «Ich zeig es dir schon» im Scheidungskonflikt: Freispruch
- Kanton: Zürich (Obergericht, I. Strafkammer)
- Sachverhalt: Ein geschiedener Ehemann traf seine Ex-Frau in einem VBZ-Bus, ballte die Faust und rief: «Warte nur, ich werde es dir schon zeigen!». Er kam direkt von einer Anwaltskonsultation betreffend Alimenten- und Besuchsrechtsstreitigkeiten. Die erste Instanz verurteilte ihn wegen Art. 180 Abs. 1 i.V.m. Abs. 2 lit. a StGB.
- Kernaussage: Das Obergericht sprach den Beschuldigten frei. Im Scheidungskrieg sind wüste Worte und Einschüchterungsversuche häufig Ausdruck verletzten Stolzes, ohne dass der Wille zur Gewalttat besteht. Vage Worte wie «ich zeige es dir» können vor diesem Hintergrund auch das Ausschöpfen aller rechtlichen Mittel bedeuten. Mangels hinreichender Bestimmtheit des angedrohten Übels ist der Tatbestand nicht erfüllt (E. 4.1–4.4).
- Einschlägig für: Art. 180 StGB — Verwerfungsfall, Zurückhaltung bei verbalen Streitigkeiten in Scheidungsverfahren.
Obergericht Zürich SB160346 vom 24. November 2016 E. 3.3 — Echte Konkurrenz zwischen Drohung und Tätlichkeiten bei Würgen
- Kanton: Zürich (Obergericht, II. Strafkammer; geschützt in BGer 6B_393/2017 E. 2.3)
- Sachverhalt: Ein Beschuldigter würgte seine Partnerin im Streit und bedrohte sie. Die Vorinstanz verurteilte ihn wegen Tätlichkeiten und Drohung.
- Kernaussage: Der Unrechtsgehalt einer massiven Drohung erschöpft sich nicht in den begleitenden Tätlichkeiten (Art. 126 StGB), sondern wiegt regelmässig weit schwerer. Art. 180 StGB wird nicht von Art. 126 StGB konsumiert; es liegt echte Konkurrenz vor (E. 3.3).
- Einschlägig für: Art. 180 StGB, Art. 126 StGB — Konkurrenzen bei häuslicher Gewalt.
Letzte Aktualisierung: 21. September 2026