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Art. 180 StGB — Drohung

Materielles Strafrecht › Freiheit und Ehre

In Themen behandeltZivil- und strafrechtlicher Persönlichkeitsschutz

Gesetzeswortlaut

Zweites Buch: Besondere BestimmungenVierter Titel: Verbrechen und Vergehen gegen die FreiheitDrohung

1 Wer jemanden durch schwere Drohung in Schrecken oder Angst versetzt, wird, auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

2 Der Täter wird von Amtes wegen verfolgt, wenn er:

a.
der Ehegatte des Opfers ist und die Drohung während der Ehe oder bis zu einem Jahr nach der Scheidung begangen wurde; oder
abis.251
die eingetragene Partnerin oder der eingetragene Partner des Opfers ist und die Drohung während der eingetragenen Partnerschaft oder bis zu einem Jahr nach deren Auflösung begangen wurde; oder
b.
der hetero- oder homosexuelle Lebenspartner des Opfers ist, sofern sie auf unbestimmte Zeit einen gemeinsamen Haushalt führen und die Drohung während dieser Zeit oder bis zu einem Jahr nach der Trennung begangen wurde.252

251 Eingefügt durch Anhang Ziff. 18 des Partnerschaftsgesetzes vom 18. Juni 2004, in Kraft seit 1. Jan. 2007 (AS 2005 5685; BBl 2003 1288).

252 Eingefügt durch Ziff. I des BG vom 3. Okt. 2003 (Strafverfolgung in der Ehe und in der Partnerschaft), in Kraft seit 1. April 2004 (AS 2004 1403; BBl 2003 1909 1937).

SR 311.0 · Stand am 1. Oktober 2026 · Fedlex

Überblick und Bedeutung

Art. 180 StGB steht im Vierten Titel des Besonderen Teils des Schweizerischen Strafgesetzbuches («Strafbare Handlungen gegen die Freiheit») und schützt das Rechtsgut der persönlichen Ruhe, der inneren Handlungs- und Entschliessungsfreiheit sowie des Sicherheitsgefühls des Individuums vor unberechtigter Einschüchterung und Furcht.

Im System der Freiheitsdelikte unterscheidet sich die Drohung durch folgende dogmatische Wesensmerkmale:

  1. Erfolgsdelikt auf emotionaler Ebene: Im Gegensatz zur Nötigung (Art. 181 StGB), die ein bestimmtes Handeln, Dulden oder Unterlassen des Opfers erzwingt (Beeinträchtigung der äusseren Handlungsfreiheit), sanktioniert Art. 180 StGB bereits den Eintritt des seelischen Zustands von Schrecken oder Angst (Erschütterung der inneren Ruhe). Es handelt sich um ein Gefühls- und Erfolgsdelikt.
  2. Ausschluss juristischer Personen: Träger der geschützten Rechtsgüter können ausschliesslich natürliche Personen sein. Eine juristische Person besitzt keine psychische Empfindungswelt, kann weder Furcht noch Angst empfinden und ist daher bei Art. 180 StGB nicht geschädigte Person im Sinne von Art. 115 StPO (BGE 141 IV 1 E. 3.2).
  3. Zweiteilung des Verfolgungsregimes: Während der Grundtatbestand ein relatives Antragsdelikt bildet (Abs. 1), wird die Tat bei häuslicher Gewalt im partnerschaftlichen Nahbereich von Amtes wegen verfolgt (Abs. 2). Damit entlastet das Gesetz geschädigte Partner von der moralischen Bürde des Strafantrags (BGE 143 IV 104 E. 5.2.3), stellt den Behörden jedoch mit Art. 55a StGB ein Instrument zur vorläufigen Sistierung und Einstellung bei Versöhnung zur Seite.

Die Rechtsprechung definiert den Kern des Tatbestands wie folgt:

«Bei der Feststellung, ob eine Drohung objektiv geeignet ist, Furcht hervorzurufen, muss nicht nur auf die angewendeten Mittel, sondern auch auf die gesamten Umstände abgestellt werden.»

(BGE 99 IV 212 E. 1a).

Prüfschema: Die Tatbestandsmerkmale auf einen Blick

Die folgende Übersicht stellt die materiellen und prozessualen Voraussetzungen von Art. 180 StGB in ihrer Prüfungsreihenfolge dar. Jedes Merkmal bildet zugleich das Gliederungsraster der nachfolgenden Kommentierung:

StufeMerkmal / VoraussetzungDogmatischer InhaltBehauptungs- und Beweislast
1. ObjektivPassivlegitimation (Tatobjekt)Ausschliesslich lebende natürliche Personen; Ausschluss juristischer Personen (kein Seelenleben).Anklagebehörde; von Amtes wegen zu prüfen
2. ObjektivInaussichtstellen eines Übels (Tathandlung)Ankündigung eines künftigen Nachteils, dessen Verwirklichung als vom Willen des Täters abhängig dargestellt wird; ausdrücklich, konkludent oder durch Gesten/Waffen.Anklagebehörde; voller Beweis der Tatsachen
3. ObjektivSchwere der DrohungObjektive Eignung, bei einem vernünftigen Menschen mit normaler Belastbarkeit erhebliche Furcht auszulösen; Gesamtwürdigung aller Begleitumstände.Anklagebehörde; Rechtsfrage basierend auf Beweiswürdigung
4. ObjektivTaterfolg: Versetzen in Schrecken oder AngstTatsächlicher Eintritt der Furcht; Verlust des Sicherheitsgefühls genügt («ungutes Gefühl» reicht, keine Panik nötig). Bei Ausbleiben: versuchte Drohung (Art. 22 StGB).Anklagebehörde; voller Beweis des seelischen Zustands
5. ObjektivKausalzusammenhangNatürliche und adäquate Kausalität zwischen der Drohungshandlung und dem Verlust des Sicherheitsgefühls beim Opfer.Anklagebehörde; voller Beweis
6. SubjektivVorsatzMindestens Eventualvorsatz hinsichtlich der objektiven Eignung und des Eintritts von Angst/Schrecken; Verwirklichungswille des Übels ist irrelevant.Anklagebehörde; Indizienbeweis aus äusserem Verhalten
7. VerfolgungStrafantrag (Abs. 1) vs. Offizialdelikt (Abs. 2)Grundsatz: Gültiger Strafantrag innert 3 Monaten (Art. 31 StGB). Ausnahme Abs. 2: Verfolgung von Amtes wegen bei Ehe, Partnerschaft oder Konkubinat auf unbestimmte Zeit (auch bis 1 Jahr nach Trennung).Gericht / Strafverfolgung; Prozessvoraussetzung von Amtes wegen
8. Rechtswidrigkeit & KonkurrenzenRechtfertigungsgründe und KonkurrenzverhältnisseKeine rechtmässige Ausübung eigener Rechte; echte Realkonkurrenz zu Körperverletzung (Art. 122/123 StGB), Tätlichkeiten (Art. 126 StGB) und Nötigung (Art. 181 StGB), sofern Drohung über die Tat hinausgeht.Von Amtes wegen zu beurteilen

Kommentierung

A. Objektiver Tatbestand: Das Tatobjekt und die Tathandlung (Inaussichtstellen eines Übels)

1. Dogmatischer Inhalt

Das Tatobjekt von Art. 180 StGB kann ausschliesslich eine natürliche Person sein. Als Tathandlung verlangt die Bestimmung das Inaussichtstellen eines künftigen Nachteils, dessen Verwirklichung die handelnde Person als zumindest mittelbar von ihrem Willen abhängig hinstellt. Unerheblich ist, ob die Täterschaft vorgibt, das Übel eigenhändig herbeizuführen oder durch Dritte ausführen zu lassen. Die Ankündigung kann in verschiedener Form erfolgen:

  • Ausdrücklich: Durch mündliche, fernmündliche, schriftliche oder digitale Erklärungen (SMS, WhatsApp, Social Media, E-Mail).
  • Konkludent: Durch schlüssiges Verhalten, bedrohliche Gesten, mimische Einschüchterung oder das gezielte Vorzeigen gefährlicher Gegenstände (Messer, Schusswaffen, Schlagwerkzeuge).
  • Gegen Dritte oder die eigene Person: Das angedrohte Übel muss sich nicht gegen die bedrohte Person selbst richten; es genügt die Androhung eines Nachteils gegen nahestehende Personen (Kinder, neue Lebenspartner) oder die Androhung des eigenen Suizids (BGer 6B_192/2012 E. 1.2).

Keine Tathandlung liegt vor, wenn das Eintreffen des Nachteils als Schicksal, göttliche Fügung oder unabwendbare Naturfolge dargestellt wird, auf welche die Täterschaft keinen Einfluss hat (blosse Warnung), oder wenn die Vornahme einer rechtlich zulässigen Handlung (z.B. Betreibung, Strafanzeige) ohne sittenwidrige Verknüpfung angekündigt wird.

2. Kasuistik: Bejahte Tathandlungen (Messer, Schlagwerkzeuge und konkludente Bedrohung)

a) Brotmesser an den Hals gehalten: Konkludente Todesdrohung

Ein Beschuldigter geriet mit seiner Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung in einen heftigen verbalen Streit. Er packte sie an den Haaren, warf sie auf das Sofa und hielt ihr ein Brotmesser an den Hals. Im weiteren Verlauf verletzte er sie mit der Klinge an den Unterarmen und vollzog den Beischlaf gegen ihren Willen.

Das Bundesgericht bestätigte die Verurteilung wegen Drohung nach Art. 180 StGB und hielt fest:

«Im vorliegend zu beurteilenden Fall hat der Beschwerdeführer der Privatklägerin ein Brotmesser an den Hals gehalten. Dass diese Handlung bei isolierter Betrachtung als konkludente Todesdrohung zu werten ist, wird in der Beschwerde zu Recht nicht in Abrede gestellt. […] Die von der Vorinstanz als konkludente Drohung qualifizierte Handlung steht zwar in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der vom Beschwerdeführer verübten Körperverletzung. Das von ihm angedrohte Übel (Tod) entspricht indessen nicht der von ihm ausgeführten Tat […], sondern geht über das vom Beschwerdeführer letztendlich begangene Delikt hinaus.»

(BGer 6B_1193/2021 vom 7. März 2023, E. 3.2 und 3.4.1).

b) Küchenmesser an den Hals gehalten mit Metzgermetapher

In einer Wohnung packte ein stark alkoholisierter Mann seine Lebenspartnerin während eines Streits in der Küche an den Haaren. Mit der anderen Hand hielt er ihr ein Küchenmesser mit 15 cm langer Klinge schräg an den Hals, sodass die Klinge die Haut berührte. Dabei bemerkte er, mit einem solchen Messer könne er als gelernter Metzger einen Rinderhals durchschneiden. Das Bundesgericht bejahte darin eine unmissverständliche konkludente und verbale Drohung mit dem Tod (BGer 6B_621/2024 vom 27. November 2024, E. 2.3.1).

c) Bedrängendes Zufahren mit aufheulendem Motor

Auf einem Hofplatz liess ein Beschuldigter im Rahmen eines fortdauernden Paarkonflikts den Motor seines Personenwagens laut aufheulen und fuhr mit hoher Beschleunigung direkt auf seine Ehefrau zu, sodass diese fluchtartig zur Seite springen musste. Das Bundesgericht wertete dieses Manöver als taugliche Tathandlung der Drohung, da das gezielte Ausnutzen der Gefährlichkeit eines Fahrzeugs die Ankündigung schwerer Verletzungen transportiert (BGer 6B_1121/2013 vom 6. Mai 2014, E. 8.1).

3. Kasuistik: Verneinte Tathandlung (Verwerfungsfall)

Schiebemesser im Pulloverärmel vorzeigen aus dem Fahrzeuginnenraum

Ein Gast, dem der Zutritt zu einem Nachtlokal verwehrt worden war, begab sich auf die gegenüberliegende Strassenseite und setzte sich in seinen Personenwagen. Einer der Türsteher lief zum Wagen und stellte den Lenker durch das geöffnete Fahrerfenster zur Rede. Der Gast startete den Motor und schob ein in seinem Pulloverärmel verborgenes Schiebemesser hervor, sodass der Türsteher die Klinge sehen konnte. Verbale Drohungen stiess er nicht aus; der Türsteher trat weder zurück noch zeigte er Anzeichen von Verunsicherung.

Das Bundesgericht bestätigte den Freispruch von Art. 180 StGB: Das blosse Vorzeigen eines Messers aus dem Inneren eines Fahrzeugs heraus begründet keine strafbare Drohung, wenn die räumlichen Verhältnisse (Fahrzeugbarriere) einen Überraschungsangriff ausschliessen, der Betroffene sich als geübter Türsteher in Begleitung weiterer Sicherheitskräfte in der Überzahl befindet und der Gesamteindruck keinen unmittelbar bevorstehenden Angriff signalisiert (BGer 6B_1017/2019 vom 20. November 2019, E. 5.3–5.4).

Leitsatz. Das Inaussichtstellen eines Nachteils im Sinne von Art. 180 StGB erfordert keine ausdrückliche verbale Erklärung; das Vorhalten gefährlicher Gegenstände (wie Messer oder Schusswaffen) oder bedrohliche Fahrmanöver genügen als konkludente Drohung, sofern sie nach den Gesamtumständen als Manifestation eines gegen Leib oder Leben gerichteten Angriffswillens erscheinen.


B. Objektiver Tatbestand: Die Schwere der Drohung (Objektive Eignung & Gesamtwürdigung)

1. Dogmatischer Inhalt

Nicht jede Furcht einflössende oder unanständige Äusserung erfüllt Art. 180 StGB. Das Gesetz verlangt ausdrücklich eine schwere Drohung. Bei der Auslegung dieses Begriffs gilt nach gefestigter bundesgerichtlicher Praxis ein objektiver Massstab:

  • Massstabsfigur: Abzustellen ist auf das Empfinden eines verständigen, vernünftigen Menschen mit durchschnittlicher psychischer Belastbarkeit (BGE 99 IV 212 E. 1a; BGer 6B_1121/2013 E. 6.3). Reagiert ein übermässig furchtsames Opfer auf eine Bagatelle mit Panik, scheidet der Tatbestand aus. Umgekehrt schliesst die besondere Furchtlosigkeit oder Kaltblütigkeit eines Opfers die objektive Eignung der Drohung nicht aus (führt aber zum Versuchsstadium, siehe Abschnitt C).
  • Gesamtwürdigung der Umstände: Die Schwere bemisst sich nicht nach dem isolierten Wortlaut aus dem Wörterbuch, sondern nach den situativen Begleitumständen: Tageszeit (z.B. frühmorgens in die Privatsphäre), Ort (abgelegene Strassen, blockierte Fluchtwege), körperliche Überlegenheit, Vorstrafen oder frühere Gewalttätigkeiten des Täters verstärken die Drohwirkung erheblich.
  • Keine Pflicht zur Präzisierung des Übels: Die Täterschaft muss das angedrohte Übel nicht detailliert beschreiben. Allgemeine Formulierungen wie «ich mache dich fertig» oder «du wirst büssen» können je nach Kontext die Schwelle zur schweren Drohung nehmen oder im Bereich strafloser Unmutsäusserungen verbleiben.

2. Zweiseitige Grenzkasuistik: Schwere Drohung bejaht vs. verneint

Die Praxis zieht die Grenzlinie entlang der Intensität des angekündigten Angriffs auf vitale Rechtsgüter (Leib, Leben, persönliche Freiheit) und dem Kontext der Eskalation.

a) Anwendungsfälle (Schwere Drohung bejaht)
  • Gezielter Terror im Strassenverkehr: Ein Autofahrer fuhr auf der Autobahn über mehrere Kilometer extrem dicht auf einen anderen Wagen auf, überholte ihn, schnitt ihm den Weg ab, zwang ihn auf einer Überlandstrasse zum Stillstand, stieg wutentbrannt aus, schlug an die Fensterscheibe und rief: «Ich schlag dir deine Fresse ein!». Das Bundesgericht hielt fest: Auch wenn die Ankündigung von Faustschlägen isoliert betrachtet die Schwelle nicht stets erreicht, begründet die Kombination aus Verfolgung, Ausbremsen und wütendem Ansturm einen «gezielten Terror», welcher der Drohung das notwendige schwere Gewicht verleiht (BGer 6P.86/2005 vom 1. Oktober 2005, E. 8.2–8.3).
  • Baseballschläger nach Verfolgungsfahrt: Das Verfolgen einer Automobilistin über zwei Kilometer mit geringstem Abstand und das anschliessende Schlagen mit einem Baseballschläger gegen die Fensterscheibe des blockierten Fahrzeugs erfüllt die schwere Drohung konkludent (BGer 6B_1219/2018 vom 27. September 2019, E. 2.3).
  • «Ohrring aus dem Grind reissen» gegenüber Behördenmitglied: Frühmorgendlicher Telefonanruf um 06.45 Uhr bei einem ehemaligen Gemeinderat, verbunden mit wüsten Beschimpfungen, der Ankündigung, ihm den Ohrring aus dem Kopf zu reissen und ihn fertigzumachen, sowie der Verbreitung von Diffamierungsflugblättern (BGer 6B_351/2007 vom 9. November 2007, E. 5.3–5.5).
  • WhatsApp-Drohung des Ex-Ehemanns: Die Nachricht «I wird ihm d schwärzischti zyt i sim läba zeige. Är wird ds nid chönne ushaute u überläbe. I ha di scho viu vorgwahrnt. U dir, warte nume. Äs wird höllisch für di si» kündigt objektiv ein existentielles Übel an; die behördliche Nichtanhandnahme wurde aufgehoben (BE OG BK 2021 255 vom 18. Mai 2021, E. 4.4).
b) Verwerfungsfälle (Schwere Drohung verneint)
  • Psychisch fertig machen / Rufschädigung: Ein Erpresser drohte der Mutter seiner Bekannten am Telefon, er werde sie «fertig machen», falls sie nicht bezahle. Die Mutter ging davon aus, er wolle sie im Dorf verleumden und beschimpfen. Das Bundesgericht verneinte Art. 180 StGB: Eine Ankündigung, die nach ihrem objektiven Sinngehalt auf eine rein psychische Beeinträchtigung durch üble Nachrede oder Ehrverletzung abzielt, erreicht den Schweregrad der Norm nicht (BGer 6S.53/2001 vom 21. Februar 2001, E. 2b–2c).
  • Polizeiliche Ermahnung bei der Anzeigeaufnahme: Die Äusserung eines Polizeibeamten, der Anzeigeerstatter solle «das Schnäbeli nicht einziehen» und habe noch zwei Minuten Zeit, sonst werde er «richtig ungemütlich und das sei dann wirklich nicht mehr lustig», stellt nach objektiver Auslegung keine Ankündigung eines schweren Nachteils dar, sondern eine unbedeutende Unmutsbekundung (BE OG BK 2020 485 vom 23. Oktober 2020, E. 4.2–4.4).
  • Vage Einschüchterung im Scheidungskrieg: Die Aussage eines geschiedenen Ehemanns im VBZ-Bus, der seiner Ex-Frau nach einem Anwaltsbesuch mit geballter Faust zurief: «Warte nur, ich werde es dir schon zeigen!», ist viel zu unbestimmt und kann vor dem Hintergrund hängiger Alimentenstreite auch die entschlossene Ergreifung aller Rechtsmittel bedeuten (ZH OG SB160469 vom 29. Juni 2017, E. 4.4).

3. Grenzziehungs-Tabelle: Schwere Drohung vs. straflose Unmutsbekundung

Die nachfolgende Gegenüberstellung fasst die höchstrichterliche und kantonale Kasuistik zur Schwelle der schweren Drohung zusammen:

Äusserung / KonstellationBegleitumstände & KontextBeurteilungEntscheid
«Ich schlag dir deine Fresse ein»Verfolgung über km, Ausbremsen auf Landstrasse, Schlagen an AutoscheibeSchwere Drohung bejaht: Gezielter Terror im StrassenverkehrBGer 6P.86/2005 E. 8.3
Vorzeigen eines SchiebemessersAus Auto heraus gegenüber kampfsporterprobtem Türsteher in ÜberzahlSchwere Drohung verneint: Keine objektive GefährdungslageBGer 6B_1017/2019 E. 5.4
«Den Ohrring aus dem Grind reissen»Anruf um 06.45 Uhr bei Amtsträger, Beschimpfungen, FlugblätterSchwere Drohung bejaht: Androhung von KörpereingriffenBGer 6B_351/2007 E. 5.3
«Ich mache dich fertig»Drohung am Telefon mit Verleumdung und Beschimpfung im DorfSchwere Drohung verneint: Blosse psychische BeeinträchtigungBGer 6S.53/2001 E. 2c
«Ich mache dich fertig»Lautstarker Streit im Ehekonflikt, begleitet von HandgreiflichkeitenSchwere Drohung bejaht: Physische Eskalation gibt InhaltBGer 6B_1121/2013 E. 6.3
«Warte nur, ich zeig es dir schon»Mit Faust im Linienbus nach Anwaltsbesuch im ScheidungskriegSchwere Drohung verneint: Zu unbestimmt, rechtliche Schritte möglichZH OG SB160469 E. 4.4
«Är wird ds nid chönne überläbe»WhatsApp-Nachricht des Ex-Ehemanns an Ex-Frau über neuen PartnerSchwere Drohung bejaht: Existentielles Übel angedrohtBE OG BK 2021 255 E. 4.4
«Schnäbeli nicht einziehen; ungemütlich werden»Polizeiliche Ermahnung bei Anzeigeaufnahme auf PolizeipostenSchwere Drohung verneint: Blosse Unmutsäusserung unter BehördenBE OG BK 2020 485 E. 4.4

Leitsatz. Ob die Äusserung, jemanden «fertigzumachen», eine schwere Drohung darstellt, entscheidet sich ausschliesslich nach den situativen Begleitumständen: Im Kontext tätlicher Angriffe und manifester Gewaltbereitschaft ist die Schwere zu bejahen; zielt die Äusserung dagegen nach dem Verständnis der Beteiligten auf blosse Rufschädigung oder die Ausschöpfung juristischer Mittel im Scheidungskrieg, fehlt es an der tatbestandsmässigen Schwere.


C. Objektiver Tatbestand: Der Taterfolg (Schrecken oder Angst) und die versuchte Drohung

1. Dogmatischer Inhalt

Art. 180 StGB ist als Erfolgsdelikt ausgestaltet. Neben der Tathandlung und der objektiven Schwere verlangt der Tatbestand zwingend den Eintritt des tatsächlichen Taterfolgs beim Opfer:

  • Begriff des Schreckens und der Angst: Schrecken bezeichnet die plötzliche, heftige Erschütterung des Gemüts infolge einer unvorhergesehenen Bedrohung; Angst umschreibt den beklemmenden, quälenden Zustand der Furcht vor einem drohenden Übel.
  • Schwelle des Erfolgs (Verlust des Sicherheitsgefühls): Für die Vollendung ist nicht erforderlich, dass das Opfer vor Entsetzen gelähmt ist, in Tränen ausbricht oder professionelle Krisenintervention benötigt. Das Bundesgericht lässt vielmehr den Verlust des normalen Sicherheitsgefühls genügen (BGer 6B_1121/2013 E. 10.3). Ein anhaltendes «ungutes Gefühl» oder die Notwendigkeit, Schutzmassnahmen zu ergreifen (z.B. Notruf wählen, Türen verriegeln), erfüllt den Taterfolg.
  • Versuchte Drohung (Art. 22 Abs. 1 StGB): Bleibt der Taterfolg aus — weil das Opfer die Drohung schlicht nicht ernst nimmt, den Täter für einen harmlosen Prahler hält oder aus persönlicher Kaltblütigkeit unbeeindruckt bleibt —, ist der objektive Tatbestand nicht vollendet. Handelte der Täter mit entsprechendem Vorsatz, liegt eine vollendete versuchte Drohung vor (BGer 6B_1282/2016 E. 2.2).

2. Kasuistik: Vollendung vs. Versuch

a) Vollendung durch Verlust des Sicherheitsgefühls («Ungutes Gefühl» im Stall)

Ein Ehemann sagte seiner Frau im Stall nach vorausgegangenen Misshandlungen: «Ich hätte dich schon das letzte Mal zu Tode schlagen sollen». Die Frau arbeitete zunächst weiter, gab aber bei der Einvernahme an, sie habe danach ein beklemmendes, ungutes Gefühl gehabt und sich nicht mehr sicher gefühlt.

Das Bundesgericht bestätigte die vollendete Drohung:

«Zur Erfüllung des Tatbestands von Art. 180 Abs. 1 StGB ist nicht erforderlich, dass das Opfer vor Schrecken oder Angst gelähmt, fassungslos oder verzweifelt ist. Der Verlust des Sicherheitsgefühls genügt. Ein ‘ungutes Gefühl’ ist dem Verlust des Sicherheitsgefühls gleichzustellen.»

(BGer 6B_1121/2013 vom 6. Mai 2014, E. 10.3).

b) Versuch bei Nicht-Ernstnehmen der Mord- und Suiziddrohung

In der Nacht stiess ein Ehemann wüste Drohungen gegen seine Frau aus: Er mache eher mit sich Schluss, als sie nochmals anzufassen, und er könne ihr das Herz herausreissen oder sie totschlagen. Die Ehefrau erklärte der Polizei, sie habe gewusst, dass ihr Mann aus reiner Verzweiflung und Hilflosigkeit so rede. Sie habe die Drohung nicht ernst genommen und keine Angst verspürt. Da die Drohung objektiv schwer war und der Täter die Einschüchterung beabsichtigte, der Erfolg aber ausblieb, verurteilte das Gericht ihn wegen versuchter Drohung nach Art. 180 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB (BGer 6B_1282/2016 vom 14. September 2017, E. 2.2–2.5).

c) Suiziddrohung («Durchladen») als versuchte Drohung im Scheidungsverfahren

Ein getrennt lebender Ehemann erklärte seiner Ex-Frau im August 2008, er gehe nach Hause, lade durch und komme nicht wieder. Die Ehefrau erstattete erst fast zwei Jahre später Strafanzeige, nachdem andere Streitigkeiten eskaliert waren; im Tatzeitpunkt war sie weder erschrocken noch verängstigt worden. Das Bundesgericht bejahte die versuchte Drohung von Amtes wegen (Art. 180 Abs. 2 lit. a StGB): Die Suizidankündigung war objektiv schwer, da sie das Sicherheitsgefühl einer Mutter gemeinsamer kleiner Kinder massiv zu belasten pflegt; mangels Furchterfolgs blieb es beim strafbaren Versuch (BGer 6B_192/2012 vom 10. September 2012, E. 1.2–1.4).

3. Fallvergleichs-Tabelle: Vollendung vs. Versuch

KriteriumBGer 6B_1121/2013 (Vollendung)BGer 6B_1282/2016 (Versuch)
Wortlaut der Drohung«Hätte dich das letzte Mal zu Tode schlagen sollen»«Mache mit mir Schluss; reisse dir das Herz heraus»
Reaktion des OpfersArbeitet weiter, verspürt aber anhaltend «ungutes Gefühl»Nimmt Drohung nicht ernst; sieht blosse Hilflosigkeit des Täters
TaterfolgEingetreten: Verlust des Sicherheitsgefühls bejahtAusgeblieben: Keine Angst und kein Schrecken hervorgerufen
SchuldspruchVollendete Drohung (Art. 180 Abs. 1 StGB)Versuchte Drohung (Art. 180 Abs. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB)

Leitsatz. Zur Vollendung von Art. 180 StGB ist keine akute Panik oder Handlungsunfähigkeit des Opfers erforderlich; der Verlust des normalen Sicherheitsgefühls («ungutes Gefühl») genügt. Schätzt das Opfer die Drohung jedoch als blosses Imponiergehabe ein und bleibt unberührt, scheidet die Vollendung aus und es kommt nur eine Verurteilung wegen versuchter Drohung in Betracht.


D. Subjektiver Tatbestand: Der Vorsatz bezüglich Drohung und Furchterfolg

1. Dogmatischer Inhalt

Der subjektive Tatbestand erfordert Vorsatz hinsichtlich aller objektiven Merkmale, wobei Eventualvorsatz (Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB) genügt:

  • Gegenstand des Vorsatzes: Die handelnde Person muss wissen und wollen (oder zumindest billigend in Kauf nehmen), dass ihr Verhalten objektiv geeignet ist, Furcht hervorzurufen, und dass das Opfer dadurch tatsächlich in Schrecken oder Angst versetzt wird.
  • Irrelevanz des Verwirklichungswillens: Es ist vollkommen unerheblich, ob der Täter die Absicht oder auch nur die Absicht hatte, das angedrohte Übel tatsächlich in die Realität umzusetzen (BGer 6B_351/2007 E. 5.4; BGer 6B_192/2012 E. 1.4.2). Entscheidend ist allein der Wille bzw. die Inkaufnahme, dass das Gegenüber die Drohung ernst nimmt und dadurch eingeschüchtert wird.
  • Beweis innerer Tatsachen: Da der Vorsatz eine innere Tatsache bildet, schliessen die Gerichte vom äusseren Verhalten, den verwendeten Tatmitteln (z.B. Zücken einer Waffe) und der Eskalationsstufe auf den Vorsatz. Schutzbehauptungen, man habe «bloss provozieren» wollen oder im Affekt gehandelt, schliessen den Eventualvorsatz regelmässig nicht aus (BE OG BK 2021 255 E. 4.4).

Leitsatz. Der Vorsatz bei Art. 180 StGB setzt keinen Verwirklichungswillen bezüglich des angedrohten Übels voraus; es genügt der Eventualvorsatz, dass das Opfer die Drohung ernst nimmt und dadurch in seinem Sicherheitsgefühl erschüttert wird.


E. Verfolgungsvoraussetzungen: Strafantrag (Abs. 1) und Offizialdelikt im sozialen Nahraum (Abs. 2)

1. Dogmatischer Inhalt

Art. 180 StGB spaltet das Verfolgungsregime strikt auf:

  • Grundtatbestand (Abs. 1): Antragsdelikt. Strafantragsberechtigt ist ausschliesslich die unmittelbar bedrohte Person (Art. 30 Abs. 1 StGB). Die Antragsfrist beträgt drei Monate ab sicherer Kenntnis von Tat und Täterschaft (Art. 31 StGB). Der Strafantrag ist bedingungsfeindlich und unteilbar (Art. 32 StGB).
  • Offizialdelikt im Nahbereich (Abs. 2): Verfolgung von Amtes wegen, wenn die Tat begangen wird:
    • lit. a: gegen den Ehegatten während der Ehe oder bis zu einem Jahr nach der Scheidung;
    • lit. abis: gegen die eingetragene Partnerin oder den eingetragenen Partner während der Partnerschaft oder bis zu einem Jahr nach deren Auflösung;
    • lit. b: gegen den hetero- oder homosexuellen Lebenspartner, sofern sie auf unbestimmte Zeit einen gemeinsamen Haushalt führen und die Drohung während dieser Zeit oder bis zu einem Jahr nach der Trennung begangen wurde.

2. Das Konkubinat auf unbestimmte Zeit (Leitentscheid BGer 6B_621/2024)

Die Auslegung von Abs. 2 lit. b StGB führt in der forensischen Praxis häufig zu Streit, wenn das Zusammenleben krisenhaft oder unstet verlief. Das Bundesgericht hat die Kriterien im Leitentscheid BGer 6B_621/2024 vom 27. November 2024 präzisiert:

  1. Umfassende Lebensgemeinschaft: Erforderlich ist eine eheähnliche Zweierbeziehung mit Ausschliesslichkeitscharakter, die sich aus einer geistig-seelischen, einer körperlich-sexuellen und einer wirtschaftlichen Komponente zusammensetzt. Nicht allen drei Elementen kommt dasselbe Gewicht zu: Fehlt die wirtschaftliche Komponente (z.B. weil ein Partner von Fürsorgegeldern lebt oder durchgebracht wird), genügt die feste Bindung mit Treue und gegenseitigem Beistand (E. 2.1.3).
  2. Gemeinsamer Haushalt auf unbestimmte Zeit: Auszugrenzen sind flüchtige Affären, Wohngemeinschaften (WG) oder rein vorübergehende Zweckbündnisse. Das Zusammenleben muss auf Dauer ausgerichtet sein.
  3. Unstete Verhältnisse und Rauswürfe schaden nicht: Das Bundesgericht stellte klar, dass eine krisengeschüttelte Beziehung die Anwendung von Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB nicht hindert. Dass der Täter wiederholt aus der Wohnung geworfen wurde, keinen Schlüssel besass, polizeilich nicht angemeldet war und tageweise auswärts schlief, schliesst das Konkubinat nicht aus, wenn die Partnerin ihn stets wieder aufnahm, er im Haushalt mitwirkte und die Bindung über Jahre fortdauerte (E. 2.2.1–2.2.6).

3. Das Korrektiv: Verfahrenssistierung und Einstellung nach Art. 55a StGB

Um die Kehrseiten der Offizialisierung (Eingriff des Staates gegen den erklärten Willen beider Partner, Zerstörung von Reorganisationschancen) abzufedern, räumt Art. 55a StGB dem Opfer ein Vetorecht ein:

  • Die Staatsanwaltschaft oder das Gericht kann das Verfahren auf Ersuchen oder mit Zustimmung des Opfers für die Dauer von sechs Monaten sistieren, wenn dies der Stabilisierung dient (Art. 55a Abs. 1 StGB).
  • Widerruft das Opfer die Erklärung innert sechs Monaten nicht, wird das Verfahren definitiv eingestellt (Art. 55a Abs. 2 StGB).
  • Das Bundesgericht stellt das unbenutzte Verstreichenlassen der Widerrufsfrist dem Rückzug eines Strafantrags gleich (BGE 143 IV 104 E. 5.2.3).

4. Präventive Zwangsmassnahmen: Ausführungsgefahr (Art. 221 Abs. 2 StPO)

Wiederholte schwere Drohungen im häuslichen Nahbereich begründen regelmässig den Haftgrund der Ausführungsgefahr gemäss Art. 221 Abs. 2 StPO. Anstelle der Untersuchungshaft können zur Gefahrenminderung strenge Ersatzmassnahmen nach Art. 237 Abs. 2 lit. c und g StPO (Kontakt- und Rayonverbote, nötigenfalls flankiert von Electronic Monitoring nach Art. 237 Abs. 3 StPO) angeordnet werden (BGE 140 IV 19 E. 2.6).

Leitsatz. Für die Verfolgung von Amtes wegen nach Art. 180 Abs. 2 lit. b StGB setzt das Führen eines gemeinsamen Haushalts «auf unbestimmte Zeit» eine auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft mit Ausschliesslichkeitscharakter voraus; temporäre Rauswürfe, fehlende Wohnsitzanmeldungen oder wiederholte Beziehungskrisen stehen der Annahme eines Konkubinats nicht entgegen.


F. Konkurrenzen und Abgrenzungen

1. Dogmatischer Inhalt

Die Beurteilung der Konkurrenzverhältnisse zwischen Drohung und anderen Delikten folgt differenzierten Grundsätzen:

  • Verhältnis zur Nötigung (Art. 181 StGB): Art. 180 StGB schützt das Sicherheitsgefühl, Art. 181 StGB die Handlungsfreiheit. Setzt der Täter die Drohung als Zwangsmittel ein, um das Opfer zu einem bestimmten Verhalten zu nötigen, liegt Gesetzeskonkurrenz vor (BGE 99 IV 212 E. 1b). Gelingt die Nötigung, konsumiert Art. 181 StGB die Drohung regelmässig als tatbestandsimmanentes Mittel, es sei denn, die Drohung erzeugt eine darüber hinausgehende, eigenständige Schockwirkung.
  • Verhältnis zu Körperverletzungsdelikten (Art. 122, 123 StGB):
    • Handlungseinheit / Konsumtion: Geht die Drohung der Körperverletzung in engem zeitlichem Konnex unmittelbar voraus und entspricht das angedrohte Übel der nachfolgenden Körperverletzung (z.B. Ankündigung von Faustschlägen unmittelbar vor dem Zuschlagen), tritt Art. 180 StGB als mitbestrafte Vortat zurück (TG OG RBOG 2025 Nr. 25 E. 6.3.3).
    • Echte Realkonkurrenz: Geht das angedrohte Übel qualitativ über die ausgeführte Tat hinaus (z.B. Todesdrohung durch Vorhalten eines Brotmessers an den Hals, worauf lediglich Schnittwunden an Armen zugefügt werden), scheidet eine Konsumtion aus. Die Todesdrohung stellt keine blosse Begleiterscheinung dar, sondern beruht auf einem selbstständigen Willensentschluss und steht in echter Realkonkurrenz zur qualifizierten einfachen Körperverletzung (BGer 6B_1193/2021 E. 3.4.1).
  • Verhältnis zu Tätlichkeiten (Art. 126 StGB): Drohung steht stets in echter Konkurrenz zu Tätlichkeiten (z.B. Würgen im Ehestreit ohne erhebliche Verletzung), da der Unrechtsgehalt von Art. 180 StGB denjenigen einer blossen Übertretung bei weitem übersteigt (ZH OG SB160346 E. 3.3; bestätigt in BGer 6B_393/2017 E. 2.3).
  • Verhältnis zur Friedensbürgschaft (Art. 66 StGB): Art. 66 StGB ist eine präventive Massnahme des Allgemeinen Teils und setzt keine vollendete strafbare Drohung nach Art. 180 StGB voraus (BGE 137 IV 258 E. 2).

2. Konkurrenztabelle

Zusammentreffende DelikteKonkurrenzverhältnisBegründung / SchwellenkriteriumMassgebender Entscheid
Art. 180 StGB & Art. 181 StGB (Nötigung)Unechte Konkurrenz (Konsumtion durch Art. 181 StGB)Drohung ist Zwangsmittel der Nötigung; konsumiert, sofern kein überschiessender Terrorschock vorliegtBGE 99 IV 212 E. 1b
Art. 180 StGB & Art. 123 Ziff. 2 StGB (KV)Echte RealkonkurrenzAngedrohtes Übel (Tod durch Messer am Hals) geht über verwirklichte Schnittverletzung hinausBGer 6B_1193/2021 E. 3.4.1
Art. 180 StGB & Art. 123 StGB (KV)Unechte Konkurrenz (Konsumtion)Drohung kündigt unmittelbar vorangehend genau die verübten Schläge an (natürliche Handlungseinheit)TG OG RBOG 2025 Nr. 25 E. 6.3.3
Art. 180 StGB & Art. 126 StGB (Tätlichkeiten)Echte RealkonkurrenzUnrechtsgehalt der Drohung erschöpft sich nicht in blosser Übertretung (z.B. Würgen)ZH OG SB160346 E. 3.3
Art. 180 StGB & Art. 66 StGB (Friedensbürgschaft)Kein KonkurrenzverhältnisArt. 66 StGB ist präventive Massnahme; setzt kein Delikt nach Art. 180 StGB vorausBGE 137 IV 258 E. 2

Leitsatz. Setzt die Täterschaft eine Drohung in die Tat um, tritt Art. 180 StGB als mitbestrafte Vortat hinter das Körperverletzungsdelikt zurück, wenn ein enger zeitlicher Konnex besteht und das angedrohte Übel nicht über die vollzogene Verletzung hinausgeht; reicht die Drohung weiter (insbesondere bei Todesdrohungen), liegt echte Realkonkurrenz vor.


Kantonale Praxisfragen

1. Praxisfrage: Die Schwelle vager Drohungen im Scheidungskonflikt (Zürich vs. Bern)

In Scheidungsauseinandersetzungen eskalieren Konflikte regelmässig auf verbaler Ebene. Die kantonale Gerichtspraxis steht vor der Herausforderung, straflose Unmutsbekundungen von strafbaren schweren Drohungen abzugrenzen:

  • Zürcher Praxis (Hohe Schwelle bei offenen Äusserungen): Das Obergericht des Kantons Zürich legt einen strengen Massstab an die Bestimmtheit des Übels an. Vage Äusserungen wie «es wird beim nächsten Zusammentreffen etwas passieren» (ZH OG SB110424 vom 15.11.2011), die Ankündigung, die Ex-Frau habe «nichts mehr zu lachen» (ZH OG UR100160 vom 14.10.2011) oder der Ausruf mit geballter Faust im Bus «warte nur, ich zeige es dir schon» (ZH OG SB160469 vom 29.06.2017) erfüllen den Tatbestand nicht. Das Gericht betont, dass verletzter Stolz im Scheidungskrieg erfahrungsgemäss zu wüsten Worten führt, ohne dass ein Wille zur Gewalttat besteht; zudem können unbestimmte Drohungen auch das Ausschöpfen legaler Prozessmittel bedeuten.
  • Berner Praxis (Kontextbezogene Auslegung digitaler Nachrichten): Die Berner Beschwerdekammer in Strafsachen betont demgegenüber, dass auch ohne ausdrückliche Nennung von Waffen oder Schlägen eine schwere Drohung vorliegen kann, wenn der Text existentiell bedrohlich formuliert ist. Bei einer WhatsApp-Nachricht («I wird ihm d schwärzischti zyt zeige, är wird ds nid chönne überläbe») hob das Obergericht eine staatsanwaltschaftliche Nichtanhandnahme auf, da der Adressat objektiv in Furcht versetzt wurde und kein Anlass bestand, die Äusserung als blosse Metapher abzutun (BE OG BK 2021 255 vom 18.05.2021).

2. Praxisfrage: Handhabung von Art. 55a StGB und Abgrenzung des Konkubinats nach Trennung

In der kantonalen Strafverfolgungspraxis (insbesondere bei den Staatsanwaltschaften Zürich, Bern, Basel-Landschaft und Aargau) stellen sich bei häuslicher Gewalt nach Art. 180 Abs. 2 StGB zwei wiederkehrende Hürden:

  1. Prüfung des Konkubinats bei unstetem Wohnsitz: Beruft sich die Verteidigung auf das Fehlen eines Strafantrags, weil der Beschuldigte nie offiziell an der Adresse gemeldet war oder oft wochenlang abwesend war, verlangen die kantonalen Gerichte in Anwendung von BGer 6B_621/2024 eine Gesamtwürdigung. Behördliche Abmeldungen (z.B. zur Erschleichung ausländischer Sozialleistungen) entkräften das tatsächliche Zusammenleben auf unbestimmte Zeit nicht.
  2. Fristen und Belehrung bei Art. 55a StGB: Die Zustimmung zur Verfahrenssistierung muss unmissverständlich protokolliert werden. Versäumt das Opfer die sechsmonatige Frist zum Widerruf, führt dies zur zwingenden definitiven Einstellung mit Sperrwirkung (ne bis in idem, BGE 143 IV 104 E. 5.2.3). Die kantonalen Behörden sind gehalten, Opfer über die Tragweite der Zustimmung und die Unumkehrbarkeit des Fristablaufs fundiert zu belehren.

Praxishinweise

Für die beschuldigte Person und ihre Verteidigung:

  1. Prüfung der Antragsberechtigung und Fristen: Bei Drohungen ausserhalb von Ehe und Partnerschaft sofort prüfen, ob ein formgültiger Strafantrag vorliegt und die Dreimonatsfrist nach Art. 31 StGB gewahrt wurde. Ist der Strafantrag verspätet, ist das Verfahren zwingend einzustellen (BGer 6B_126/2013 vom 28. Mai 2013).
  2. Bestreiten des Konkubinats bei Abs. 2 lit. b StGB: Wurde kein Strafantrag gestellt und stützt sich die Anklage auf Offizialverfolgung wegen Lebenspartnerschaft, ist detailliert darzulegen, dass kein gemeinsamer Haushalt «auf unbestimmte Zeit» geführt wurde (z.B. blosse Zweck-WG, kurze Affäre, fehlende Ausschließlichkeit gemäss BGer 6B_621/2024 E. 2.1).
  3. Anfechtung der Schwere bei vagen Wortlauten: Handelt es sich um Äusserungen im Rahmen emotionaler Trennungskonflikte («ich zeig es dir», «du wirst büssen»), ist unter Hinweis auf die Zürcher Rechtsprechung geltend zu machen, dass mangels Konkretisierung eines schweren physischen Eingriffs keine schwere Drohung vorliegt (ZH OG SB160469 E. 4.4).
  4. Fehlen des Taterfolgs rügen: Gab das Opfer zu Protokoll, es habe den Täter nicht ernst genommen oder sich nicht gefürchtet, entfällt der Vollendungstatbestand; zu beantragen ist die Verurteilung lediglich wegen Versuchs mit entsprechender Strafmilderung (BGer 6B_1282/2016 E. 2.2).
  5. Konsumtion durch Körperverletzung einfordern: Wurde die Drohung unmittelbar vor Schlägen geäussert und ging das angedrohte Übel nicht darüber hinaus, ist auf Konsumtion (Handlungseinheit) als mitbestrafte Vortat zu plädieren (TG OG RBOG 2025 Nr. 25 E. 6.3.3).

Für die Privatklägerschaft und Opferberatung:

  1. Dokumentation von Angst und Furchterfolg: Zur Abwehr von Versuchseinwänden muss die emotionale Erschütterung und der Verlust des Sicherheitsgefühls unverzüglich dokumentiert werden (Notrufanrufe, Konsultation von Ärzten/Psychologen, Installation von Schlössern, Schilderung des «unguten Gefühls» gemäss BGer 6B_1121/2013 E. 10.3).
  2. Beweissicherung bei digitalen Drohungen: Screenshots von Chatnachrichten (WhatsApp, SMS, Instagram) sofort mit vollständigem Chatverlauf, Datum, Uhrzeit und Telefonnummer exportieren und sichern (BE OG BK 2021 255 E. 4.1).
  3. Beantragung von Ersatzmassnahmen bei Ausführungsgefahr: Droht der Beschuldigte mit weiteren Gewalttaten, ist über die Staatsanwaltschaft ein Rayon- und Kontaktverbot nach Art. 237 Abs. 2 lit. c/g StPO (allenfalls mit Electronic Monitoring) zu erwirken (BGE 140 IV 19 E. 2.6).
  4. Vorsicht bei Zustimmung zu Art. 55a StGB: Das Ersuchen um Sistierung führt nach Ablauf von sechs Monaten zur definitiven Einstellung ohne Wiederaufnahmemöglichkeit; eine Zustimmung darf nicht unter partnervorübergehendem Druck erteilt werden (BGE 143 IV 104 E. 5.2.3).

Für die Strafverfolgungsbehörden und Gerichte:

  1. Substanziierung in der Anklageschrift: Die Tathandlung, die genauen Wortlaute bzw. Gesten und der konkrete Furchterfolg beim Opfer sind in der Anklageschrift präzise zu umschreiben, um dem Anklagegrundsatz (Art. 9 StPO) zu genügen (BGer 6B_1079/2015 vom 29. Februar 2016).
  2. Abweisung von Anträgen juristischer Personen: Konstituiert sich eine Unternehmung, Institution oder Genossenschaft als Privatklägerin wegen Art. 180 StGB, ist ihre Geschädigteneigenschaft mangels Seelenlebens von Amtes wegen abzuerkennen (BGE 141 IV 1 E. 3.2).
  3. Differenzierte Konkurrenzprüfung bei Gewalteskalationen: Bei Messereinsatz oder Bedrohungen im Vorfeld von Körperverletzungen ist stets zu prüfen, ob die Drohung über die Verletzungstat hinausreichte (Todesdrohung vs. blosse Schnittwunde); bejahendenfalls ist echte Konkurrenz anzuklagen und abzuurteilen (BGer 6B_1193/2021 E. 3.4.1).

Literatur

  • DELNON VERA / RÜDY BERNHARD, in: Niggli/Wiprächtiger (Hrsg.), Basler Kommentar, Strafrecht II (Art. 111–392 StGB), 4. Aufl., Basel 2019, Art. 180.
  • TRECHSEL STEFAN / CONINX CHRISTOPH, in: Trechsel/Pieth (Hrsg.), Schweizerisches Strafgesetzbuch: Praxiskommentar, 4. Aufl., Zürich/St. Gallen 2021, Art. 180.
  • STRATENWERTH GÜNTER / JENNY GUIDO / BOMMER FELIX, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I: Straftaten gegen Individualinteressen, 7. Aufl., Bern 2010, § 5 N 1 ff.
  • COLOMBI ROBERTO, Gewalt in der Ehe und in der Partnerschaft — zur Auslegung der neuen Art. 123, 126 und 180 StGB, in: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht (ZStrR) 123/2005, S. 297–318.
  • ACKERMANN JÜRG-BEAT / VOGLER CLAUDIA / BAUMANN DANIELA / EGLI PHILIPP, Strafrecht Individualinteressen: Gesetz, System und Lehre im Lichte der Rechtsprechung, Bern 2019, S. 301 ff.
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