Rechtsprechung zu Art. 13 StGB
I. Leitentscheide des Bundesgerichts
BGE 129 IV 238 E. 3 — Irrtum bei normativen Merkmalen
- Thema: Sachverhaltsirrtum infolge unzutreffender rechtlicher Wertungen.
- Kernaussage: Wer infolge fehlerhafter Rechtsvorstellungen die tatsächlichen Merkmale eines Tatbestands verkennt, handelt im Sachverhaltsirrtum gemäss Art. 13 StGB.
- Einschlägig für: Art. 13 Abs. 1 StGB.
BGE 147 IV 193 E. 1.4 — Abgrenzung von Irrtum und Wahn
- Thema: Ausschluss von Art. 13 StGB bei psychotischen Wahnvorstellungen.
- Kernaussage: Krankheitsbedingte Fehlwahrnehmungen führen nicht zu einem Sachverhaltsirrtum zu Gunsten des Täters, sondern sind nach Art. 19 StGB zu beurteilen.
- Einschlägig für: Art. 13 StGB, Art. 19 StGB.
BGE 135 IV 12 E. 2.3.1 — Bewusstes Nichtwissen
- Thema: Ausschluss des Irrtums bei bewusster Unkenntnis.
- Kernaussage: Wer weiss, dass er über entscheidende Tatsachen keine Kenntnis hat und dennoch handelt, unterliegt keinem rechtlich geschützten Irrtum.
- Einschlägig für: Art. 13 Abs. 1 StGB.
BGE 115 IV 221 E. 1 — Deliktischer Wille bei Zurechnungsunfähigkeit
- Thema: Handlungsfähigkeit und Vorsatz bei psychischen Störungen.
- Kernaussage: Auch im Zustand der Schuldunfähigkeit kann vorsätzliches Handeln vorliegen, das vom Sachverhaltsirrtum abzugrenzen ist.
- Einschlägig für: Art. 13 StGB, Art. 12 StGB.
BGer 6B_804/2018 vom 21. November 2018 E. 3.1.1 — Abgrenzung zum Verbotsirrtum
- Thema: Dogmatische Unterscheidung zwischen Tatumstandsirrtum und Unrechtsbewusstsein.
- Kernaussage: Fehlvorstellungen über die Tatsachenbasis schliessen den Vorsatz aus, während die Verkennung der Rechtswidrigkeit dem Verbotsirrtum unterliegt.
- Einschlägig für: Art. 13 StGB, Art. 21 StGB.
II. Weitere Entscheide
BGE 140 IV 150 E. 3.5 — Verschulden bei Fahrlässigkeit
- Thema: Bemessung des Verschuldens bei vermeidbarem Irrtum.
- Kernaussage: Der Grad der Pflichtwidrigkeit bei Erkennbarkeit des Irrtums bestimmt die Strafe nach Art. 13 Abs. 2 StGB.
- Einschlägig für: Art. 13 Abs. 2 StGB, Art. 47 StGB.
BGer 6B_776/2016 vom 8. November 2016 E. 2 — Begründung der Vorwerfbarkeit
- Thema: richterliche Pflicht zur Feststellung der Tätervorstellung.
- Kernaussage: Das Gericht muss feststellen, von welchem Sachverhalt der Handelnde zur Tatzeit ausging.
- Einschlägig für: Art. 13 Abs. 1 StGB.
BGer 6B_1056/2016 vom 6. Juni 2017 E. 1.3 — Sorgfaltsmassstab
- Thema: Massstäbe der pflichtgemässen Vorsicht.
- Kernaussage: Die Vermeidbarkeit beurteilt sich nach den individuellen Fähigkeiten und Erkenntnismöglichkeiten des Täters.
- Einschlägig für: Art. 13 Abs. 2 StGB.
Obergericht ZH SB180414 vom 24. Mai 2019 — Irrtumsbehauptungen bei Gewaltdelikten
- Thema: Beweiswürdigung von Schutzbehauptungen.
- Kernaussage: Ein behaupteter Irrtum über das Vorliegen einer Notwehrlage (Putativnotwehr) muss durch objektive Indizien gestützt werden.
- Einschlägig für: Art. 13 StGB, Art. 15 StGB.
Obergericht ZH SB190089 vom 9. März 2020 — Fahrlässige Nebendelikte
- Thema: Verurteilung wegen fahrlässiger Begehung bei vermeidbarem Irrtum.
- Kernaussage: Führt ein Sachverhaltsirrtum zum Wegfall des Vorsatzes, ist die Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung zu prüfen.
- Einschlägig für: Art. 13 Abs. 2 StGB, Art. 125 StGB.