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Rechtsprechung zu Art. 297 SchKG

Rechtsprechung zu Art. 297 SchKG

Systematische Übersicht der bundesgerichtlichen Leitentscheide sowie der kantonalen Gerichtspraxis zu den Wirkungen der Nachlassstundung nach Art. 297 SchKG.

I. Leitentscheide des Bundesgerichts (BGE)

BGE 151 III 516 (9. Juli 2025)

  • Thema: Ex-lege-Sistierung von Zivilprozessen und Beschwerdelegitimation
  • Kernaussage: Die Sistierung von Zivilprozessen und Verwaltungsverfahren über Nachlassforderungen tritt mit Bewilligung der Nachlassstundung von Gesetzes wegen (ex lege) ein. Die gerichtliche Verfügung ist rein deklaratorisch und begründet keine Rechtsverzögerung nach Art. 29 BV.
  • Konkreter Sachverhalt: Gläubiger rügte Rechtsverzögerung bei Feststellung der Prozesssistierung; Beschwerde mangels rechtlichem Nachteil abgewiesen.
  • Einschlägig für: Art. 297 Abs. 5 SchKG i.V.m. Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG

BGE 143 III 173 (19. April 2017)

  • Thema: Rückgabeanspruch des Vermieters ist keine Nachlassforderung
  • Kernaussage: Der mietrechtliche Ausweisungs- und Rückgabeanspruch nach Art. 267 OR stellt keine Geldforderung und damit keine Nachlassforderung dar; das Ausweisungsverfahren wird durch die Nachlassstundung nicht sistiert.
  • Konkreter Sachverhalt: Mieter in Nachlassstundung verlangte Sistierung der Mietausweisung; Begehren abgewiesen.
  • Einschlägig für: Art. 297 Abs. 5 SchKG i.V.m. Art. 267 OR

BGE 150 III 137 (12. Januar 2024)

  • Thema: Verlängerung der Stundungsdauer und Konkurseröffnung
  • Kernaussage: Ausschliesslich der Sachwalter ist legitimiert, die Verlängerung der definitiven Stundung zu beantragen; unterbleibt der Antrag, endet die Schutzwirkung von Art. 297 SchKG und der Konkurs ist zu eröffnen.
  • Konkreter Sachverhalt: Schuldnerin verpasste Verlängerungsantrag; Konkurseröffnung bestätigt.
  • Einschlägig für: Art. 297 SchKG i.V.m. Art. 295b SchKG

BGE 147 III 226 (18. März 2021)

  • Thema: Verweigerung der definitiven Stundung
  • Kernaussage: Wird die definitive Nachlassstundung verweigert, eröffnet die Rechtsmittelinstanz sogleich den Konkurs; damit enden die Wirkungen von Art. 297 SchKG rückwirkend.
  • Konkreter Sachverhalt: Übergang von provisorischer Nachlassstundung in Konkurs.
  • Einschlägig für: Art. 297 SchKG i.V.m. Art. 294 SchKG

BGE 129 III 395 (2003)

  • Thema: Einreichung des Betreibungsbegehrens während Stundung
  • Kernaussage: Die blosse Einreichung eines Betreibungsbegehrens beim Betreibungsamt stellt noch keine verbotene Betreibungseinleitung i.S.v. Art. 297 Abs. 1 SchKG dar; das Amt muss das Begehren protokollieren.
  • Konkreter Sachverhalt: Gläubiger reichte Betreibungsbegehren zur Fristwahrung ein; Ausfertigung des Zahlungsbefehls erst nach Stundungsende.
  • Einschlägig für: Art. 297 Abs. 1 SchKG

BGE 126 III 294 (2000)

  • Thema: Betreibung für Masseverbindlichkeiten
  • Kernaussage: Das Betreibungsverbot von Art. 297 Abs. 1 SchKG gilt nicht für Masseverbindlichkeiten (Art. 310 Abs. 2 SchKG), wie die Mehrwertsteuer auf während der Stundung ausgeführte Arbeiten.
  • Konkreter Sachverhalt: Betreibung auf Pfändung für Mehrwertsteuerschulden während laufender Stundung geschützt.
  • Einschlägig für: Art. 297 Abs. 1 SchKG i.V.m. Art. 310 Abs. 2 SchKG

BGE 137 II 136 (2011)

  • Thema: Verrechnung öffentlich-rechtlicher Abgaben
  • Kernaussage: Gesetzliche Verrechnungsrechte bei Mehrwertsteuer- und Vorsteuerguthaben gehen den konkurs- und nachlassrechtlichen Verrechnungsschranken (Art. 297 Abs. 8 SchKG) vor.
  • Konkreter Sachverhalt: Verrechnung von Mehrwertsteuerguthaben im Nachlassverfahren.
  • Einschlägig für: Art. 297 Abs. 8 SchKG i.V.m. Art. 213 SchKG

BGE 131 V 454 (2005)

  • Thema: Insolvenzentschädigung ab provisorischer Stundung
  • Kernaussage: Die Frist zur Geltendmachung der Insolvenzentschädigung für Arbeitnehmer beginnt bereits mit der Publikation der provisorischen Nachlassstundung im SHAB.
  • Konkreter Sachverhalt: Anmeldung von Lohnforderungen bei der Arbeitslosenkasse.
  • Einschlägig für: Art. 297 SchKG i.V.m. Art. 293c SchKG

BGE 140 III 320 (2014)

  • Thema: Qualifikation des Nachlassverfahrens im internationalen Kontext
  • Kernaussage: Die Nachlassliquidation nach Schweizer Recht fällt unter den Insolvenzausschluss von Art. 1 Abs. 2 lit. b Lugano-Übereinkommen.
  • Konkreter Sachverhalt: Vollstreckbarerklärung eines ausländischen Schiedsurteils gegen Nachlassgesellschaft.
  • Einschlägig für: Art. 297 SchKG i.V.m. Art. 1 LugÜ

II. Weitere Entscheide des Bundesgerichts

BGer 4A_144/2025 (9. Juli 2025)

  • Thema: Deklaratorische Natur der gerichtlichen Sistierungsverfügung
  • Kernaussage: Bestätigung, dass die Sistierung nach Art. 297 Abs. 5 SchKG kraft Gesetzes eintritt und keine Ermessensentscheidung des Prozessrichters darstellt.
  • Konkreter Sachverhalt: Abweisung einer Beschwerde gegen die Prozesssistierung.
  • Einschlägig für: Art. 297 Abs. 5 SchKG

III. Kantonale Rechtsprechung

Handelsgericht Zürich, HG200115 (2020)

  • Thema: Abgrenzung von dringlichen Verfahren bei Art. 297 Abs. 5 SchKG
  • Kernaussage: Ein Zivilprozess gilt nur dann als dringlich im Sinne der Ausnahme von Abs. 5, wenn ohne sofortiges Sachurteil ein irreversibler Rechtsverlust droht (z.B. drohender Beweisverlust).
  • Konkreter Sachverhalt: Gesuch um Weiterführung eines Prozesses während der Stundung abgewiesen.
  • Kanton: Zürich (ZH)

Letzte Aktualisierung: 2026-08-29