Rechtsprechung zu Art. 20 OR — Nichtigkeit
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I. Sittenwidrigkeit (Abs. 1) — Begriff und Fallgruppen
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 115 II 232 | 1989 | Begriff der Sittenwidrigkeit (Leitentscheid): Begriff der Sittenwidrigkeit im Sinne von Art. 20 Abs. 1 OR. Die Verabredung einer Vergütung für den Rückzug von nicht aussichtslosen Baurekursen ist nicht sittenwidrig. Eine Wertdisparität von Leistung und Gegenleistung begründet für sich allein keine Sittenwidrigkeit; auch Art. 2 Abs. 2 ZGB (Rechtsmissbrauch) kann ein Ungleichgewicht nicht korrigieren | E. 4a–d |
| BGE 123 III 101 | 1996 | Sittenwidriger Vertrag und Rückforderung: Sittenwidrigkeit eines Vertrags über den entgeltlichen Rückzug eines Rechtsmittels in einem Bauverfahren; Verneinung eines bereicherungsrechtlichen Rückforderungsanspruchs | E. 2–3 |
| BGE 129 III 209 | 2002 | Höchstpersönlicher Kernbereich: Ein Vertrag, der den höchstpersönlichen Kernbereich einer Person betrifft und bei dem jede vertragliche Bindung gegen die guten Sitten verstösst, ist nichtig; ausserhalb dieses Bereichs erfordert der Schutz von Art. 27 Abs. 2 ZGB eine übermässige Bindung | — |
| BGE 129 III 320 | 2003 | Beamtenbestechung und Vertragsgültigkeit: Verträge, die durch Schmiergelder bewirkt werden, haben nicht ohne weiteres einen rechts- oder sittenwidrigen Inhalt; erst wenn der Vertrag dem verpönten Zweck dient oder durch die Bestechung constitutiv bewirkt wird, greift Art. 20 OR | — |
| BGE 93 II 189 | 1967 | Sittenwidrige Zinsabrede: Verstoss einer Zinsabrede gegen die guten Sitten; Rechtsfolgen der Nichtigkeit der Zinsabrede (Teilnichtigkeit nach Abs. 2 zu prüfen) | — |
| BGE 84 II 13 | 1958 | Aussteuer-Sparvertrag: Bestimmbarkeit der vom Sparer zu kaufenden Sachen und ihres Preises; Unmöglichkeit und Sittenwidrigkeit | E. 1–2 |
II. Widerrechtlichkeit (Abs. 1) — Zusammenhang mit anderen Normen
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 134 III 52 | 2007 | Gläubigerschädigung und Widerrechtlichkeit: Konsequenzen eines Verstosses gegen Art. 164 StGB (Gläubigerschädigung durch Vermögensverminderung) für die zivilrechtliche Gültigkeit des verpönten Rechtsgeschäfts; Bedeutung der paulianischen Anfechtung (Art. 285 ff. SchKG); kein Rechtsmissbrauch (Art. 2 Abs. 2 ZGB) | E. 1–2 |
| BGE 80 II 327 | 1954 | Geltungsbereich und Widerrechtlichkeit (Grundentscheid): Begriff der objektiven Widerrechtlichkeit; Abgrenzung der Nichtigkeit von der einseitigen Unverbindlichkeit; Grundsätzliches zur Ausdehnung der Nichtigkeit vom Teil auf das Ganze | — |
III. Teilnichtigkeit (Abs. 2) — Erhaltungsklausel
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 114 II 159 | 1988 | Teilnichtigkeit bei ewigem Vertrag: Kündigung eines zeitlich unbegrenzten Bierlieferungsvertrags; Kündbarkeit «ewiger» Verträge; eigenständige Bedeutung von Art. 2 ZGB; Teilnichtigkeit gemäss Art. 20 Abs. 2 OR als Folge zeitlich übermässiger Bindung | E. 2a, 2b |
| BGE 123 III 292 | 1997 | geltungserhaltende Reduktion bei Wucher: Partielle Unwirksamkeit eines wucherischen Vertrages; Ermittlung des objektiven Missverhältnisses der Austauschleistungen eines Mietvertrages (Art. 21 OR); auch im Bereich wucherischer Verträge kann die verpönte Äquivalenzstörung geltungserhaltend behoben werden | — |
IV. Rechtsfolgen — Rückabwicklung nichtiger Verträge
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 134 III 438 | 2008 | Rückabwicklung und subjektive Bewertung (Leitentscheid): Art. 20 OR; Rückabwicklung nichtiger Verträge. Betrifft der Mangel nicht das Synallagma, sind Dienstleistungen oder Unterlassungen, die in Erfüllung des nichtigen Vertrages erbracht worden sind, nach der subjektiven Bewertung der Parteien bereicherungsrechtlich zurückzuerstatten. Einschränkende Auslegung von Art. 66 OR auf die Fälle des eigentlichen Gaunerlohns (Änderung der Rechtsprechung) | E. 2.4, 3.2 |
V. Dogmatische Entwicklung — Zeitstrahl
| Jahr | Leitentscheid | Hinzugefügte Dogmatik |
|---|---|---|
| 1958 | BGE 84 II 13 | Bestimmbarkeit und Unmöglichkeit beim Aussteuer-Sparvertrag |
| 1988 | BGE 114 II 159 | Teilnichtigkeit bei zeitlich übermässiger Bindung («ewige Verträge») |
| 1989 | BGE 115 II 232 | Begriff der Sittenwidrigkeit; Wertdisparität allein begründet keine Sittenwidrigkeit |
| 1996 | BGE 123 III 101 | Sittenwidrigkeit des entgeltlichen Rückzugs eines Rechtsmittels; Ausschluss der bereicherungsrechtlichen Rückforderung |
| 1997 | BGE 123 III 292 | geltungserhaltende Reduktion im Wucherbereich |
| 2003 | BGE 129 III 320 | Beamtenbestechung begründet nicht ohne weiteres Sittenwidrigkeit des Vertrags |
| 2007 | BGE 134 III 52 | Widerrechtlichkeit bei Gläubigerschädigung; Verhältnis zu Art. 285 ff. SchKG |
| 2008 | BGE 134 III 438 | Subjektive Bewertung bei Rückabwicklung; einschränkende Auslegung von Art. 66 OR (Gaunerlohn) |
Letzte Aktualisierung: 2026-07-17