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Rechtsprechung zu Art. 20 OR — Nichtigkeit

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I. Sittenwidrigkeit (Abs. 1) — Begriff und Fallgruppen

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 115 II 2321989Begriff der Sittenwidrigkeit (Leitentscheid): Begriff der Sittenwidrigkeit im Sinne von Art. 20 Abs. 1 OR. Die Verabredung einer Vergütung für den Rückzug von nicht aussichtslosen Baurekursen ist nicht sittenwidrig. Eine Wertdisparität von Leistung und Gegenleistung begründet für sich allein keine Sittenwidrigkeit; auch Art. 2 Abs. 2 ZGB (Rechtsmissbrauch) kann ein Ungleichgewicht nicht korrigierenE. 4a–d
BGE 129 III 2092002Höchstpersönlicher Kernbereich: Ein Vertrag, der den höchstpersönlichen Kernbereich einer Person betrifft und bei dem jede vertragliche Bindung gegen die guten Sitten verstösst, ist nichtig; ausserhalb dieses Bereichs erfordert der Schutz von Art. 27 Abs. 2 ZGB eine übermässige Bindung
BGE 129 III 3202003Beamtenbestechung und Vertragsgültigkeit: Verträge, die durch Schmiergelder bewirkt werden, haben nicht ohne weiteres einen rechts- oder sittenwidrigen Inhalt; erst wenn der Vertrag dem verpönten Zweck dient oder durch die Bestechung constitutiv bewirkt wird, greift Art. 20 OR
BGE 93 II 1891967Sittenwidrige Zinsabrede: Verstoss einer Zinsabrede gegen die guten Sitten; Rechtsfolgen der Nichtigkeit der Zinsabrede (Teilnichtigkeit nach Abs. 2 zu prüfen)
BGE 146 III 2252020Kennzeichengebrauch im Internet und Sittenwidrigkeit: Grundsätze der Beurteilung, wann bei der Verwendung einer ausländischen Internetpräsenz ein Kennzeichengebrauch in der Schweiz vorliegt; Sittenwidrigkeitsprüfung bei markenrechtlichen AnsprüchenE. 3
BGE 139 III 3052013Guter Glaube und Sittenwidrigkeit: Klage gegen den Besitzer eines gestohlenen Gemäldes; Beurteilung des guten Glaubens des Erwerbers; Verhältnis von Sittenwidrigkeit und gutgläubigem ErwerbE. 3–5

II. Widerrechtlichkeit (Abs. 1) — Zusammenhang mit anderen Normen

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 134 III 522007Gläubigerschädigung und Widerrechtlichkeit: Konsequenzen eines Verstosses gegen Art. 164 StGB (Gläubigerschädigung durch Vermögensverminderung) für die zivilrechtliche Gültigkeit des verpönten Rechtsgeschäfts; Bedeutung der paulianischen Anfechtung (Art. 285 ff. SchKG); kein Rechtsmissbrauch (Art. 2 Abs. 2 ZGB)E. 1–2
BGE 80 II 3271954Geltungsbereich und Widerrechtlichkeit (Grundentscheid): Begriff der objektiven Widerrechtlichkeit; Abgrenzung der Nichtigkeit von der einseitigen Unverbindlichkeit; Grundsätzliches zur Ausdehnung der Nichtigkeit vom Teil auf das Ganze

III. Unmöglichkeit (Abs. 1) — Vertrag mit unmöglichem Inhalt

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 84 II 131958Aussteuer-Sparvertrag und Unmöglichkeit: Bestimmbarkeit der vom Sparer zu kaufenden Sachen und ihres Preises; Unmöglichkeit und Sittenwidrigkeit bei Aussteuer-SparverträgenE. 1–2

IV. Teilnichtigkeit (Abs. 2) — Erhaltungsklausel

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 114 II 1591988Teilnichtigkeit bei ewigem Vertrag: Kündigung eines zeitlich unbegrenzten Bierlieferungsvertrags; Kündbarkeit «ewiger» Verträge; eigenständige Bedeutung von Art. 2 ZGB; Teilnichtigkeit gemäss Art. 20 Abs. 2 OR als Folge zeitlich übermässiger BindungE. 2a, 2b
BGE 123 III 1011996Sittenwidriger Vertrag und Rückforderung: Sittenwidrigkeit eines Vertrags über den entgeltlichen Rückzug eines Rechtsmittels in einem Bauverfahren; Verneinung eines bereicherungsrechtlichen RückforderungsanspruchsE. 2–3
BGE 123 III 2921997Geltungserhaltende Reduktion bei Wucher: Partielle Unwirksamkeit eines wucherischen Vertrages; Ermittlung des objektiven Missverhältnisses der Austauschleistungen eines Mietvertrages (Art. 21 OR); geltungserhaltende Reduktion im Wucherbereich
BGE 130 III 3452004Vertrag mit Schutzwirkung zugunsten Dritter und Vertrauenshaftung: Haftung eines Liegenschaftenschätzers aus Vertrag mit Schutzwirkung zugunsten Dritter; Vertrauenshaftung (Art. 2 ZGB) im Zusammenhang mit nichtigen oder sittenwidrigen Verträgen
BGE 143 III 12017Konventionalstrafe und Herabsetzung: Herabsetzung einer Konventionalstrafe nach Art. 163 Abs. 3 OR; Behauptungslast (Art. 8 ZGB); Abgrenzung zur Nichtigkeit nach Art. 20 OR — Konventionalstrafen unterliegen nicht ohne weiteres der SittenwidrigkeitsprüfungE. 4

V. Rechtsfolgen — Rückabwicklung nichtiger Verträge

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 134 III 4382008Rückabwicklung und subjektive Bewertung (Leitentscheid): Art. 20 OR; Rückabwicklung nichtiger Verträge. Betrifft der Mangel nicht das Synallagma, sind Dienstleistungen oder Unterlassungen nach der subjektiven Bewertung der Parteien bereicherungsrechtlich zurückzuerstatten. Einschränkende Auslegung von Art. 66 OR auf die Fälle des eigentlichen Gaunerlohns (Änderung der Rechtsprechung)E. 2.4, 3.2

VI. AGB und Vertragsfreiheit im Verhältnis zu Art. 20 OR

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 148 III 572022AGB-Geltung und -Auslegung: Geltung und Auslegung Allgemeiner Geschäftsbedingungen; AGB-Klauseln unterliegen der Sittenwidrigkeitsprüfung nach Art. 20 OR, wenn sie den Vertragspartner unangemessen benachteiligenE. 2
BGE 148 III 1152022Gemeinschaftskonto und Solidargläubigerschaft: Weigerung einer Bank, zwei miteinander unvereinbare Überweisungsaufträge auszuführen; Grenzen der Vertragshaftung bei unvereinbaren Anweisungen
BGE 132 III 4602006Retrozessionen im Vermögensverwaltungsvertrag: Voraussetzungen eines rechtsgültigen Verzichts des Auftraggebers auf die Herausgabe von Retrozessionen; Abgrenzung zwischen zulässigem Verzicht und sittenwidriger KnebelungE. 4
BGE 128 III 4162002Ersatzvornahme (Art. 368 OR): Bevorschussung der Kosten für eine Ersatzvornahme; Verhältnis zur Nichtigkeit des Werkvertrags bei unmöglichem InhaltE. 4.2.2

VII. Prozessrechtliche Aspekte im Zusammenhang mit Art. 20 OR

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 144 III 3942018Berufungsbegründung und Nichtigkeitseinwand: Folgen des Nichteinreichens einer Berufungsantwort; keine Verpflichtung des Berufungsgerichts zur Abnahme vorinstanzlicher Beweise; Erfordernis der Spruchreife für einen reformatorischen BerufungsentscheidE. 4.1–4.3
BGE 142 III 3642016Alternativbegründungen und Teilnichtigkeit: Bei Nichtigkeit eines Vertragsteils sind alle selbständigen Begründungen anzufechten, auch Alternativbegründungen; Bedeutung für die Teilnichtigkeit nach Abs. 2E. 2.4
BGE 135 III 492009Zuständigkeit und Nichtigkeit: Zuständigkeit der Vormundschaftsbehörde zum Vollzug gerichtlich angeordneter Kindesschutzmassnahmen; Nichtigkeit rechtswidriger Verfügungen im FamilienrechtE. 4
BGE 150 III 12024Formmangel und Nichtigkeit (Art. 505 ZGB): Zwecke der erbrechtlichen Formvorschriften; Abgrenzung der Nichtigkeit wegen Formmangels (Art. 19 OR) zur inhaltlichen Nichtigkeit (Art. 20 OR)E. 3–4
BGE 151 III 4972025Prozessstandschaft und Prozessvoraussetzungen: Die Prozessstandschaft stellt eine Prozessvoraussetzung der Klage dar; Nichtigkeit von Prozesshandlungen im Verhältnis zur materiellen Nichtigkeit nach Art. 20 OR

VIII. Dogmatische Entwicklung — Zeitstrahl

JahrLeitentscheidHinzugefügte Dogmatik
1954BGE 80 II 327Begriff der Widerrechtlichkeit; Abgrenzung Nichtigkeit vs. einseitige Unverbindlichkeit
1958BGE 84 II 13Bestimmbarkeit und Unmöglichkeit beim Aussteuer-Sparvertrag
1967BGE 93 II 189Sittenwidrige Zinsabrede
1988BGE 114 II 159Teilnichtigkeit bei zeitlich übermässiger Bindung («ewige Verträge»)
1989BGE 115 II 232Begriff der Sittenwidrigkeit; Wertdisparität allein begründet keine Sittenwidrigkeit
1996BGE 123 III 101Sittenwidrigkeit des entgeltlichen Rückzugs eines Rechtsmittels
1997BGE 123 III 292Geltungserhaltende Reduktion im Wucherbereich
2002BGE 129 III 209Höchstpersönlicher Kernbereich
2003BGE 129 III 320Beamtenbestechung begründet nicht ohne weiteres Sittenwidrigkeit
2006BGE 132 III 460Retrozessionen und Sittenwidrigkeit
2007BGE 134 III 52Widerrechtlichkeit bei Gläubigerschädigung
2008BGE 134 III 438Subjektive Bewertung bei Rückabwicklung; einschränkende Auslegung von Art. 66 OR
2020BGE 146 III 225Sittenwidrigkeit bei markenrechtlichen Ansprüchen im Internet
2022BGE 148 III 57AGB-Geltung und -Auslegung
2024BGE 150 III 1Formmangel vs. inhaltliche Nichtigkeit

Letzte Aktualisierung: 9.8.2026 · Diese Seite bearbeiten · Anregung einreichen