Rechtsprechung zu Art. 1 OR — Vertragsschluss
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I. Konsens und übereinstimmende Willensäusserung
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 130 III 680 | 2004 | Vertrauenstheorie: massgeblich ist der objektive Empfängerhorizont; Annahme mit Änderungen ist ein neuer Antrag (counter-offer); von der erklärten Bedeutung kann nur abgewichen werden, wenn besondere Umstände vorliegen | E. 3, 6 |
| BGE 123 III 35 | 1997 | Konsens im Verweisungsvertrag (Prorogation): der Konsens für die Widerklage muss selbstständig vorliegen; übereinstimmende Willensäusserung gemäss Art. 1 OR | E. 3 |
| BGE 103 II 190 | 1977 | Essentialia vs. non essentialia: Art. 2 Abs. 1 OR auch anwendbar, wenn sich die Parteien über alle objektiv und subjektiv wesentlichen Punkte geeinigt haben; fehlende Nebenpunkte hindern den Vertragsschluss nicht | E. 1 |
II. Vertrag vs. Gefälligkeit — Rechtsfolgewillen
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 137 III 539 | 2011 | Gefälligkeit vs. Vertrag: Abgrenzung zum Vertrag (E. 4.1); Kinderhüten unter Nachbarinnen als Gefälligkeitshandlung ohne Rechtsbindungswillen; Gefälliger haftet nach unerlaubter Handlung (E. 5.1) | E. 4.1, 4.2, 5.1 |
| BGE 116 II 695 | 1990 | Konsens und Rechtsfolgewillen: Eine rechtliche Verpflichtung im Sinne eines obligatorischen Schuldverhältnisses setzt Konsens sowie einen Rechtsfolgewillen voraus (E. 2a); keine Haftung aus culpa in contrahendo ohne Rechtsbindungswillen | E. 2a, 3 |
III. Ausdrückliche und stillschweigende Willensäusserung
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 122 III 118 | 1996 | Konkludenter Vertragsschluss und Schweigen: Auslegung vorformulierter Vertragsbestimmungen; Schweigen als Annahme bei bestehender Geschäftsbeziehung; Verweisungsklauseln in AGB | E. 2–4 |
| BGE 123 III 53 | 1997 | Art. 1 Abs. 2 OR — Stillschweigende Willensäusserung: Bestimmungen der von Miteigentümern vereinbarten Nutzungs- und Verwaltungsordnung können dem Rechtsnachfolger nur insoweit entgegengehalten werden, als er sie bei gutem Glauben kennen musste (konkludenter Erwerb) | E. 2 |
| BGE 130 II 530 | 2004 | Konkludenter Vertragsschluss im Übernahmerecht: Pflicht zur Unterbreitung eines öffentlichen Übernahmeangebots kann sich aus gruppeninternen Aktienübertragungen ergeben | E. 3 |
| BGE 113 II 259 | 1987 | Kündigung als Willenserklärung: Die Kündigung als empfangsbedürftige Willenserklärung entfaltet ihre Wirkungen erst mit dem Eingang beim Adressaten; konkludente Willensäusserung im Vertragsrecht | E. 2a |
IV. Vertrauenstheorie und Auslegung
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 130 III 680 | 2004 | Vertrauenstheorie (Leitentscheid): massgeblich ist der objektive Empfängerhorizont; von der erklärten Bedeutung kann nur abgewichen werden, wenn besondere Umstände vorliegen | E. 3 |
| BGE 133 III 675 | 2007 | Auslegung nach dem Vertrauensprinzip: Grundsätze der Auslegung allgemeiner Versicherungsbedingungen nach dem Vertrauensprinzip; Unterbrechung der Verjährung | E. 2 |
| BGE 132 III 268 | 2006 | Konsumentenvertrag und AGB-Auslegung: Begriff des Konsumentenvertrages im Sinne von Art. 22 Abs. 2 GestG; Auslegung einer Gerichtsstandsklausel in den AGB einer Bank nach dem Vertrauensprinzip | E. 2.2.2, 2.2.3 |
| BGE 107 II 417 | 1981 | Vertragsauslegung nach den Umständen: Ob ein vertraglicher oder ausservertraglicher Anspruch geltend gemacht wird, ist von Amtes wegen zu beurteilen; nach Vertragsschluss eintretende Umstände für die Auslegung | E. 4 |
| BGE 116 II 431 | 1990 | Vertrauensgrundsatz bei Täuschung: Auslegung nach dem Vertrauensgrundsatz; Verschweigen von Tatsachen ist nur dann täuschend, wenn eine Aufklärungspflicht besteht | E. 3a |
V. AGB-Inhaltskontrolle und Ungewöhnlichkeitsregel
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 135 III 1 | 2009 | Leitentscheid AGB-Inhaltskontrolle: Ungewöhnlichkeitsregel als Ausfluss von Treu und Glauben (Art. 2 ZGB) i.V.m. Art. 1 OR; AGB-Klauseln, die den Vertragsinhalt in ungewöhnlicher Weise zum Nachteil der Gegenpartei abändern, werden nicht Vertragsbestandteil; ergänzende Vertragsauslegung | E. 4–6 |
| BGE 109 II 452 | 1983 | Ungewöhnlichkeitsregel — Voraussetzungen: Schutz der schwachen oder unerfahrenen Vertragspartei; Beurteilung der Ungewöhnlichkeit nach subjektivem und objektivem Massstab; Vertretungsbefugnis des bauleitenden Architekten | E. 5a, 5b |
| BGE 122 III 118 | 1996 | Verweisungsklauseln in AGB: Versicherungsvertragsbestimmungen im Antragsformular sind Vertragsbestandteil, wenn der Antragsteller sie kannte oder hätte kennen müssen | E. 2b, 3 |
| BGE 125 III 263 | 1999 | Software-Lizenzvertrag und AGB: Abänderungsrecht in allgemeinen Vertragsbedingungen; Aufklärungspflicht der Lizenzgeberin; Inhaltskontrolle bei Standardverträgen | E. 3–4 |
| BGE 140 III 404 | 2014 | UWG-Inhaltskontrolle — Übergangsrecht: Verträge vor Inkrafttreten des revidierten Art. 8 UWG werden nach altem Recht beurteilt; missbräuchliche AGB-Klauseln | E. 2 |
VI. Willensmängel und Anfechtung
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 128 III 70 | 2002 | Willensmängel (Art. 23 ff. OR): Wirksamkeit der Anfechtungserklärung setzt Bestehen des Willensmangels voraus; Ausnahmen vom Grundsatz der Unwiderruflichkeit | E. 1–2 |
| BGE 143 III 634 | 2017 | Irrtumsanfechtung bei Grundstückkauf: Wesentlicher Irrtum über den Verkehrswert; Anfechtungsfrist und Beweislast | E. 3 |
VII. Culpa in contrahendo und Vertrauenshaftung
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 105 II 75 | 1979 | Culpa in contrahendo bei vorbehaltener Schriftlichkeit: Kein Verzicht auf Schriftform durch vertragsähnliches Verhalten, wenn die endgültige Einigung noch aussteht; Haftung aus cic bei fahrlässiger Verletzung der Aufklärungspflicht | E. 1–2 |
| BGE 120 II 197 | 1994 | Vertrauenshaftung (Art. 33 Abs. 3 OR): Kriterien der normativ zurechenbaren, auf Rechtsschein beruhenden Vollmacht; faktischer oder objektiver Vertretungswille | E. 2a, 2b |
VIII. Sonderfälle des Vertragsschlusses
| Bezug | Jahr | Kurzbeschreibung | Erwägung |
|---|---|---|---|
| BGE 123 III 165 | 1997 | Versteigerung als Vertragsschluss: Auslegung von Auktionsbedingungen und Freizeichnungsklausel; Wegbedingung der Sachgewährleistung bei freiwilliger öffentlicher Versteigerung | E. 3–4 |
| BGE 129 III 320 | 2003 | Vertragsschluss und Bestechung: Verträge, die durch Schmiergelder bewirkt werden, haben nicht ohne weiteres einen rechts- oder sittenwidrigen Inhalt; strafbare Bestechung allein führt nicht zur Nichtigkeit | E. 2 |
| BGE 131 III 257 | 2005 | Nachvertragliches Konkurrenzverbot: Beendigung der Unternehmenspacht; Verletzung der Rückgabepflicht; nachvertragliche Wettbewerbsabrede als Vertrag i.S.v. Art. 1 OR | E. 1–4 |
Letzte Aktualisierung: 2026-06-27