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Rechtsprechung zu Art. 190 IPRG

Leitentscheide (BGE)

BGE 138 III 322, E. 4.1 und E. 4.3.5

  • Thema: Materieller Ordre public und Persönlichkeitsschutz (Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG i.V.m. Art. 27 Abs. 2 ZGB; Fall Matuzalém).
  • Kernaussage: Der materielle Ordre public erfasst fundamentale Rechtsgrundsätze einschliesslich des Schutzes vor übermässiger Bindung nach Art. 27 Abs. 2 ZGB. Die auf das FIFA-Disziplinarreglement gestützte Androhung eines unbegrenzten Berufsverbots gegen einen Fussballprofi bei Ausbleiben einer Schadenersatzzahlung greift schwerwiegend in die wirtschaftliche Existenz ein und verletzt den materiellen Ordre public.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG (materieller Ordre public).

BGE 147 III 49, E. 9.8

  • Thema: Materieller Ordre public im internationalen Sportrecht (Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG; Fall Caster Semenya).
  • Kernaussage: Der Schiedsspruch des CAS/TAS, mit dem das DSD-Reglement der World Athletics für Athletinnen mit 46 XY DSD bestätigt wurde, verstösst nicht gegen den materiellen Ordre public. Die Beschränkung des Zugangs zur weiblichen Kategorie bezweckt die Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs für Athletinnen ohne DSD und beruht auf einer vertretbaren Interessenabwägung.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG (materieller Ordre public, Schranken).

BGE 136 III 345, E. 2.1 und E. 2.2

  • Thema: Verfahrensrechtlicher Ordre public und materielle Rechtskraft (Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG; Fall Claudia Pechstein).
  • Kernaussage: Das Schiedsgericht verletzt den verfahrensrechtlichen Ordre public, wenn es bei seinem Entscheid die materielle Rechtskraft (res iudicata) eines früheren Urteils missachtet. Das CAS hatte die Rechtskraftwirkung eines vorangegangenen Disziplinarentscheids zu Unrecht verneint.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG (verfahrensrechtlicher Ordre public, res iudicata).

BGE 134 III 565, E. 3.1

  • Thema: Zuständigkeitsprüfung und Erstreckung der Schiedsklausel auf Dritte (Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG).
  • Kernaussage: Das Bundesgericht prüft die Zuständigkeitsrüge nach Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG frei in rechtlicher Hinsicht, einschliesslich materieller Vorfragen. Eine Schiedsklausel geht bei einer externen Schuldübernahme grundsätzlich auf den Übernehmer über.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG (Zuständigkeit).

BGE 140 III 477, E. 3.1

  • Thema: Anfechtung von Vor- und Zwischenentscheiden und Rügenkonnex (Art. 190 Abs. 3 IPRG).
  • Kernaussage: Vor- und Zwischenentscheide können nach Art. 190 Abs. 3 IPRG nur wegen fehlerhafter Besetzung (lit. a) oder Unzuständigkeit (lit. b) angefochten werden. Im Rahmen dieser Anfechtung können jedoch Gehörsrügen (lit. d) erhoben werden, soweit sie die Sachverhaltsermittlung zur Zuständigkeit oder Besetzung direkt betreffen.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 3 IPRG (Vorentscheide) i.V.m. Art. 190 Abs. 2 lit. a, b und d IPRG.

BGE 136 III 605, E. 3.2 und E. 3.3

  • Thema: Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Schiedsgerichts (Art. 190 Abs. 2 lit. a IPRG).
  • Kernaussage: Die Anforderungen an die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit gelten gleichermassen für von den Parteien ernannte Einzelschiedsrichter wie für das Kollegialschiedsgericht. Das Bundesgericht prüft die Einhaltung selbst dann, wenn der Entscheid einstimmig gefällt wurde. Ablehnungsgründe müssen unverzüglich nach Kenntnisnahme gerügt werden, ansonsten sie verwirken.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. a IPRG (Zusammensetzung).

Weitere Bundesgerichtsentscheide

BGE 147 III 379, E. 2.3, E. 3 und E. 4

  • Thema: Ausscheiden eines befangenen Schiedsrichters und Wiederholung von Prozesshandlungen (Art. 190 Abs. 2 lit. a, d und e IPRG; Fall Sun Yang).
  • Kernaussage: Scheidet ein befangener Schiedsrichter aus, kann gegen den Schiedsspruch des neu besetzten Gerichts nicht gerügt werden, dieses sei vorschriftswidrig besetzt (lit. a). Ob frühere Verfahrensschritte wiederholt werden müssen, beurteilt sich ausschliesslich nach dem Gehörsanspruch (lit. d) und dem verfahrensrechtlichen Ordre public (lit. e).
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. a, d und e IPRG.

BGE 150 III 238, E. 2 und E. 3

  • Thema: Erläuterung und Berichtigung nach Revision 2021 und Fristen (Art. 189a und Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG).
  • Kernaussage: Die Nichteinhaltung der 30-tägigen Frist zur Einreichung eines Erläuterungs- oder Berichtigungsgesuchs gemäss Art. 189a Abs. 1 IPRG stellt keine Verletzung des formellen Ordre public im Sinne von Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG dar. Zu einem zulässigen Erläuterungsgesuch muss der Gegenpartei das rechtliche Gehör gewährt werden.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. e IPRG und Art. 190 Abs. 4 IPRG.

BGE 142 III 360, E. 4.1

  • Thema: Gehörsanspruch und kontradiktorisches Verfahren (Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG).
  • Kernaussage: Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG garantiert das Recht der Parteien, sich zu allen wesentlichen Vorbringen der Gegenseite zu äussern. Es besteht jedoch kein absoluter Anspruch auf einen zweiten Schriftenwechsel, sofern den Parteien Gelegenheit gegeben wurde, ihre Argumente vollumfänglich einzubringen.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG (rechtliches Gehör).

BGE 116 II 639, E. 3a

  • Thema: Ultra / extra petita und unbeurteilte Rechtsbegehren (Art. 190 Abs. 2 lit. c IPRG).
  • Kernaussage: Nach der massgebenden französischen Fassung («au-delà des demandes») erfasst Art. 190 Abs. 2 lit. c IPRG das Verbot des Zusprechens von mehr oder anderem als verlangt (ultra petita) sowie das Übergehen von Rechtsbegehren (infra petita). Entscheidet das Schiedsgericht ausserhalb der Schiedsklausel, ist dies demgegenüber eine Frage der Zuständigkeit nach lit. b.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. c IPRG.

BGE 134 III 186, E. 5 und E. 6.1

  • Thema: Strenge Rügepflicht nach Art. 77 Abs. 3 BGG und fehlender Begründungsanspruch (Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG).
  • Kernaussage: Für die Beschwerde in Zivilsachen gegen Schiedsentscheide gilt nach Art. 77 Abs. 3 BGG das strenge Rügeprinzip analog zu Art. 106 Abs. 2 BGG. Aus Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG fliesst kein verfassungsrechtlicher Anspruch auf Begründung des Schiedsentscheids, da Parteien im Schiedsverfahren auf eine Begründung verzichten können.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG i.V.m. Art. 77 BGG.

BGE 130 III 35, E. 5

  • Thema: Überraschende Rechtsanwendung als Verletzung des rechtlichen Gehörs (Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG).
  • Kernaussage: Stützt das Schiedsgericht seinen Entscheid auf eine Rechtsgrundlage oder Vertragsbestimmung, mit deren Heranziehung die Parteien nach dem bisherigen Verfahrensverlauf vernünftigerweise nicht rechnen konnten, liegt eine unzulässige Überrumpelung und damit eine Gehörsverletzung vor.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG.

BGE 144 III 120, E. 1.2

  • Thema: Unabhängigkeit des TAS/CAS von Sportverbänden (Art. 190 Abs. 2 lit. a IPRG; Fall FC Seraing / FIFA).
  • Kernaussage: Das Internationale Sportschiedsgericht (TAS/CAS) verfügt über hinreichende institutionelle Unabhängigkeit gegenüber der FIFA, sodass seine Entscheide echte Schiedssprüche darstellen und beim Bundesgericht nach Art. 190 Abs. 2 IPRG angefochten werden können.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. a IPRG.

Kantonale Entscheide

BGE 138 III 270, E. 2 (auf Beschwerde gegen Entscheid des Tribunal cantonal VD)

  • Kanton: Waadt
  • Thema: Kantonales Richteramt als Juge d’appui und Ausschluss indirekter Rügen (Art. 180 Abs. 3 IPRG).
  • Kernaussage: Hat der staatliche Richter am Sitz des Schiedsgerichts (Tribunal cantonal VD) nach Art. 180 Abs. 3 IPRG über ein Ablehnungsgesuch gegen einen Schiedsrichter entschieden, ist dieser Entscheid endgültig. Eine indirekte erneute Rüge der Befangenheit im Rahmen der Beschwerde gegen den späteren Endschiedsspruch gestützt auf Art. 190 Abs. 2 lit. a IPRG ist unzulässig.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 2 lit. a IPRG i.V.m. Art. 180 Abs. 3 IPRG.

OGer ZH PG120008 vom 24.10.2012

  • Kanton: Zürich
  • Thema: Vollstreckbarkeitsbescheinigung nach Art. 193 IPRG und Endgültigkeit nach Art. 190 Abs. 1 IPRG.
  • Kernaussage: Ein Final Award eines ZCC-Einzelschiedsgerichts mit Sitz in Zürich ist mit seiner Eröffnung endgültig im Sinne von Art. 190 Abs. 1 IPRG. Das Obergericht erteilt die Vollstreckbarkeitsbescheinigung nach Art. 193 Abs. 2 IPRG, sobald die Eröffnung nachgewiesen ist und keine Anfechtung mit aufschiebender Wirkung vorliegt.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 1 IPRG i.V.m. Art. 193 IPRG.

OGer ZH PN040217 vom 11.02.2005

  • Kanton: Zürich
  • Thema: Abgrenzung zwischen internationaler Schiedsgerichtsbarkeit (IPRG) und Konkordat/ZPO bei der Anfechtung von Teilschiedssprüchen.
  • Kernaussage: Die kantonale Beschwerdeinstanz prüft von Amtes wegen, ob ein Schiedsentscheid der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit (Art. 176 ff. IPRG) oder der Binnenschiedsgerichtsbarkeit untersteht. Fällt das Verfahren unter das 12. Kapitel des IPRG, ist das Bundesgericht einzige Rechtsmittelinstanz (Art. 191 IPRG); auf eine kantonale Nichtigkeitsbeschwerde ist mangels sachlicher Zuständigkeit nicht einzutreten.
  • Einschlägig für: Art. 190 Abs. 1 und Art. 191 IPRG.

Letzte Aktualisierung: 2026-09-20