Rechtsprechung zu Art. 14 EMRK
Leitentscheide (BGE)
BGE 146 I 49, E. 5.3
- Thema: Geschlechterdiskriminierung / gleichgeschlechtliche Ehe
- Kernaussage: Die unterschiedliche Behandlung von gleichgeschlechtlichen Paaren bei der Adoption verstösst gegen das Diskriminierungsverbot nach Art. 14 EMRK i.V.m. Art. 8 EMRK, wenn sie nicht objektiv und sachlich gerechtfertigt ist. Suspekte Diskriminierungsmerkmale wie Geschlecht und sexuelle Orientierung erfordern eine strenge Verhältnismässigkeitsprüfung.
- Einschlägig für: Strenger Prüfungsstandard bei suspekten Merkmalen
BGE 139 I 16, E. 3.2
- Thema: Ausländerrecht / unterschiedliche Behandlung
- Kernaussage: Die unterschiedliche Behandlung von Ausländern gegenüber Schweizern bei der Aufenthaltsbeendigung kann unter Art. 14 EMRK i.V.m. Art. 8 EMRK gerechtfertigt sein, wenn objektive Gründe für die Differenzierung bestehen. Der nationale Ermessensspielraum ist bei aufenthaltsrechtlichen Massnahmen breit.
- Einschlägig für: Nationalität als Diskriminierungsgrund
EGMR-Entscheide
EGMR, Urteil vom 23.07.1968, Belgische Sprachsache (vorerst), § 9
- Thema: Zubringercharakter des Art. 14 EMRK
- Kernaussage: Art. 14 EMRK ist kein selbständiges Recht, sondern nur in Verbindung mit einem anderen Konventionsrecht anwendbar. Es genügt jedoch, dass der Sachverhalt in den Anwendungsbereich eines Konventionsrechts fällt — eine Verletzung dieses Rechts muss nicht vorliegen.
EGMR, Urteil vom 13.12.2005, Nachova gegen Bulgarien, § 145
- Thema: Rassistische Diskriminierung / suspekter Grund
- Kernaussage: Diskriminierungen wegen Rasse oder ethnischer Herkunft unterliegen der strengsten Prüfungsintensität. Der Staat muss darlegen, dass die unterschiedliche Behandlung objektiv und sachlich gerechtfertigt ist.
EGMR, Urteil vom 12.06.2014, Hämäläinen gegen Finnland, § 109
- Thema: Sexuelle Orientierung / suspekter Grund
- Kernaussage: Die unterschiedliche Behandlung wegen der sexuellen Orientierung bedarf einer besonders gewichtigen Rechtfertigung. Der margin of appreciation der Mitgliedstaaten ist bei suspekten Diskriminierungsmerkmalen eng.
EGMR, Urteil vom 21.12.2013, Vallianatos gegen Griechenland, § 81
- Thema: Sexuelle Orientierung / eingetragene Partnerschaft
- Kernaussage: Der Ausschluss gleichgeschlechtlicher Paare von der eingetragenen Partnerschaft verstösst gegen Art. 14 i.V.m. Art. 8 EMRK. Die sexuelle Orientierung ist ein suspektes Diskriminierungsmerkmal im Sinne von Art. 14 EMRK.
EGMR, Urteil vom 28.06.2022, Kiykin gegen Russland, § 48
- Thema: Zubringercharakter / Anwendbarkeit
- Kernaussage: Art. 14 EMRK ist nur anwendbar, wenn der Sachverhalt in den Schutzbereich eines anderen Konventionsrechts fällt. Die Anwendbarkeit wird grosszügig bejaht.
Weitere Bundesgerichtsentscheide
BGer 2C_1075/2013 vom 26.03.2014
- Thema: Ausländerrechtliche Diskriminierung
- Kernaussage: Die unterschiedliche Behandlung von Ausländern nach Aufenthaltsstatus (Aufenthaltsbewilligung vs. Niederlassungsbewilligung) ist bei Art. 14 EMRK grundsätzlich gerechtfertigt, solange sachliche Gründe für die Differenzierung bestehen.
BGer 1C_573/2024 vom 15.01.2025
- Thema: Gleichstellung von Ehe und eingetragener Partnerschaft
- Kernaussage: Die nachträgliche Gleichstellung der eingetragenen Partnerschaft mit der Ehe im Schweizer Recht (seit 1. Juli 2022) entspricht den Anforderungen von Art. 14 EMRK i.V.m. Art. 8 EMRK.
Letzte Aktualisierung: 2026-06-06