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Rechtsprechung zu Art. 32 BV — Strafverfahrensgarantien

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I. Unschuldsvermutung und in dubio pro reo

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 144 IV 3452018Leitentscheid: Freie Beweiswürdigung lässt keinen Raum für in dubio pro reo bei Beweissammlung; Klärung des Verhältnisses; nur das Übergehen offensichtlich erheblicher Zweifel begründet eine VerletzungE. 2.2.3
BGE 127 I 382000Leitentscheid: Kognitionsbeschränkung auf Willkür durch das Kassationsgericht verletzt die Unschuldsvermutung nicht; keine freie SachverhaltsüberprüfungE. 2a, 4
BGE 129 I 492003Methodische Anforderungen an die psychologische Glaubhaftigkeitsbegutachtung von Zeugenaussagen; in dubio pro reo und WillkürverbotE. 5, 6
BGE 138 V 742011Verfassungsrechtliche Anforderungen der Beweiswürdigung im Strafprozess gelten auch im sozialversicherungsgerichtlichen Rückerstattungsverfahren bei vorfrageweiser Prüfung einer StraftatE. 7
BGE 137 IV 2192011In dubio pro reo gilt nicht im Einstellungsverfahren; dort gilt in dubio pro duriore — im Zweifel ist die Anklage zu erhebenE. 7.3
6B 369/20112011In dubio pro reo als Beweiswürdigungsregel verbietet es dem Richter, einen Angeklagten zu verurteilen, wenn nach objektiver Sicht relevante, nicht eliminierbare Zweifel an dessen Schuld bestehenE. 1.1
6B 332/20092009In einem reinen Indizienprozess verletzt das Sachgericht den Grundsatz in dubio pro reo, wenn es erhebliche Zweifel übergehtE. 2.1

II. Selbstbelastungsprivileg (nemo tenetur)

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 149 IV 92023Leitentscheid: Selbstbelastungsprivileg hat allgemeinen Geltungsbereich; kann nicht als Grundlage für ein Recht auf Anonymität dienen; Personalienangabe ist zumutbarE. 5.1, 5.2
BGE 148 IV 2052022Verdeckte Ermittler mit übermässiger Druckausübung: selbstbelastende Aussagen absolut unverwertbar nach Art. 141 Abs. 1 StPOE. 2.8

III. Rechtliches Gehör und Verteidigungsrechte

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 131 I 4762005Leitentscheid: Anspruch, dem Belastungszeugen Fragen stellen zu können, ist absolut, wenn das Zeugnis für den Schuldspruch ausschlaggebend istE. 2.2, 2.3.4
BGE 141 I 1242015Amtliche Verteidigung erfüllt staatliche Aufgabe; Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand nur bei Notwendigkeit; Pauschalhonorare grundsätzlich zulässigE. 3.1, 4.2
BGE 129 I 1292003Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege im Wiederaufnahmeverfahren; Prüfung der Erfolgsaussichten zulässigE. 2.2.2
BGE 143 IV 632017Anforderungen an die Anklageschrift (örtliche Konkretisierung, Gesetzesbestimmungen) als Ausfluss des AnklageprinzipsE. 2.2, 2.3
6P.96/20052006Anspruch auf ein faires Verfahren umfasst das Recht, mit rechtzeitig und formgültig angebotenen Beweisanträgen gehört zu werdenE. 2
6P.191/20062007Fragerecht gegenüber Belastungszeugen als besonderer Aspekt des Rechts auf ein faires Verfahren gemäss Art. 6 EMRKE. 2.3
6P.98/20052006Verbot der reformatio in peius ergänzt das rechtliche Gehör und die Verteidigungsrechte im StrafverfahrenE. 4.1

IV. Unmittelbarkeitsgrundsatz und Beweiswürdigung

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 128 I 812001Fachliche Standards für die aussagepsychologische Begutachtung bei Verdacht auf sexuellen Kindsmissbrauch; methodische GrundlagenE. 2, 3
6B 430/20152015Beschränkte Unmittelbarkeit nach Art. 308 und 343 StPO; Protokolllesung nur unter gesetzlich genannten VoraussetzungenE. 2.3.1
6P.112/20052005Willkürliche Beweiswürdigung: offensichtliches Verkennen eines Beweismittels oder unhaltbare Schlüsse; in dubio pro reo bei verbleibenden ZweifelnE. 4
6P.149/20052006Unmittelbarkeit nach Art. 6 EMRK verlangt persönliche Zeugenbefragung, soweit möglich und zumutbarE. 2.1

V. Ne bis in idem (Doppelbestrafungsverbot)

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
6B 1056/20152015Rechtskräftige Einstellungsverfügung kommt einem freisprechenden Endentscheid gleich; ne bis in idem und materielle Rechtskraft stehen erneuter Verfolgung entgegenE. 1.2
6B 527/20162016Ne bis in idem nach Art. 4 ZP Nr. 7 EMRK und Art. 14 Abs. 7 UNO-Pakt II; Einstellungsverfügung als freisprechender EndentscheidE. 1.2
6B 716/20202021Verletzung des ne bis in idem bei mehrfacher Ahndung derselben Tat im Strassenverkehrsrecht

VI. Faires Verfahren / EMRK Art. 6 i.V.m. Art. 32 BV

BezugJahrKurzbeschreibungErwägung
BGE 139 I 722013Kartellsanktionen haben strafrechtlichen Charakter; Art. 6 und 7 EMRK sowie Art. 30 und 32 BV anwendbar; Anforderungen können erst im Verwaltungsgerichtsverfahren erfüllt werdenE. 2, 4
BGE 134 I 1402008Gewaltschutzmassnahmen fallen nicht unter den Begriff der strafrechtlichen Anklage i.S.v. Art. 6 EMRK; guter Ruf als civil rightE. 4, 5.2
BGE 133 I 2702007Fristenstillstand bei strafprozessualer Haft; VerteidigungsrechteE. 4