Skip to content

Art. 11 BV — Schutz der Kinder und Jugendlichen

Gesetzeswortlaut

Art. 11 Schutz der Kinder und Jugendlichen

¹ Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung.

² Sie üben ihre Rechte im Rahmen ihrer Urteilsfähigkeit aus.

Kommentierung

I. Bedeutung und Stellung

1 Art. 11 BV verankert den Schutz der Kinder und Jugendlichen als eigenständiges Grundrecht in der Bundesverfassung. Die Norm enthält zwei Gewährleistungen: den Anspruch auf besonderen Schutz der Unversehrtheit (Abs. 1) und die altersabhängige Ausübung der Grundrechte (Abs. 2).

2 Art. 11 BV ist eine junge Grundrechtsnorm: Sie wurde erst mit der Totalrevision der Bundesverfassung von 1999 neu aufgenommen, wenngleich der Kindesschutz bereits zuvor als ungeschriebenes Verfassungsrecht anerkannt war. Die Botschaft BV (BBl 1997 1552, S. 1576) betont, dass der besondere Schutzbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen aus ihrer Vulnerabilität und Abhängigkeit folgen und dass der Staat eine gesteigerte Schutzpflicht hat.

3 Systematische Stellung. Art. 11 BV steht im Kapitel «Grundrechte» zwischen dem Recht auf Hilfe in Notlagen (Art. 12 BV) und dem Schutz der Privatsphäre (Art. 13 BV). Er ergänzt den allgemeinen Persönlichkeitsschutz (Art. 10 BV) um einen spezifischen Kindesschutz. Mit der Rechtsgleichheit (Art. 8 Abs. 2 BV — Diskriminierungsverbot wegen des Alters) und der Eigentumsgarantie (Art. 26 BV — Kindesvermögen) bestehen wichtige Querverbindungen.

II. Anspruch auf besonderen Schutz der Unversehrtheit (Abs. 1)

4 Schutzgegenstand. Der Schutz der Unversehrtheit umfasst die körperliche, psychische und sexuelle Integrität von Kindern und Jugendlichen. Die Formulierung «Unversehrtheit» geht über den reinen Körperschutz hinaus und schliesst die psychische und sexuelle Integrität ein.

5 Alterselement. Art. 11 BV schützt Kinder und Jugendliche. Der Begriff ist weit auszulegen und umfasst alle Personen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, in Anlehnung an Art. 1 der UN-Kinderrechtskonvention (KRK). Das Bundesgericht hat den Schutzbereich auf minderjährige Personen beschränkt, ohne dass eine starre Altersgrenze gilt — der Schutzbedürfnis ist bei jüngeren Kindern besonders ausgeprägt (BGE 135 I 143, E. 4.2).

6 Besonderer Schutz. Die Formulierung «besonderer Schutz» bedeutet, dass der Staat eine gesteigerte Schutzpflicht gegenüber Kindern und Jugendlichen hat. Der Schutz ist umfassender und intensiver als der allgemeine Persönlichkeitsschutz nach Art. 10 BV:

  • Körperlicher Schutz: Schutz vor Gewalt, Misshandlung, Vernachlässigung. Das Strafrecht (Art. 126 Abs. 2 StGB — Körperverletzung gegen Angehörige, Art. 213 StPO — Kindesschutz im Strafverfahren) konkretisiert diese Schutzpflicht.
  • Psychischer Schutz: Schutz vor psychischer Gewalt, Manipulation, schwerer Vernachlässigung. Die Zivilrechtliche Kindesschutznorm (Art. 307 ff. ZGB) setzt den verfassungsrechtlichen Schutz in zivilrechtliche Massnahmen um.
  • Sexueller Schutz: Schutz vor sexueller Ausbeutung und Missbrauch (Art. 187–200 StGB). Das Bundesgericht hat den Kindesschutz im Bereich der Sexualdelikte wiederholt als gesteigerte Schutzpflicht qualifiziert (BGE 135 I 143, E. 5).

7 Förderung der Entwicklung. Neben dem Schutz vor Gefahren verlangt Abs. 1 auch die Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Dies umfasst:

  • Bildungsförderung: Recht auf angemessene Bildung und Ausbildung (vgl. Art. 19 BV, Art. 62 BV).
  • Soziale Förderung: Massnahmen zur Integration benachteiligter Kinder und Jugendlicher.
  • Gesundheitliche Förderung: Präventive Massnahmen im Gesundheitsbereich.

Die Förderungspflicht ist nicht als individueller Anspruch auf eine konkrete Fördermassnahme ausgestaltet, sondern als objektive Pflicht des Staates, die Rahmenbedingungen für eine gute Entwicklung zu schaffen (BGE 135 I 143, E. 4.3).

III. Ausübung der Rechte im Rahmen der Urteilsfähigkeit (Abs. 2)

8 Urteilsfähigkeitsvorbehalt. Abs. 2 regelt die Grundrechtsausübung durch Kinder und Jugendliche: Sie üben ihre Rechte im Rahmen ihrer Urteilsfähigkeit aus. Dies ist eine spezifische Ausprägung der allgemeinen Handlungsfähigkeit (Art. 16 ZGB) im Grundrechtsbereich.

9 Urteilsfähigkeit im Grundrechtskontext. Die Urteilsfähigkeit im Sinne von Art. 11 Abs. 2 BV bedeutet nicht die volle zivilrechtliche Handlungsfähigkeit, sondern die Fähigkeit, Tragweite und Bedeutung eines Grundrechtseingriffs zu erkennen. Massgeblich ist nicht das Alter, sondern die individuelle Einsichtsfähigkeit in Bezug auf das konkrete Grundrecht (BGE 134 I 347, E. 4.1).

10 Abstufung nach Alter und Reife. Die Grundrechtsausübung wird nach Alter und Reife abgestuft:

AltersstufeGrundrechtsausübung
Säuglinge/KleinkinderRechte werden durch gesetzliche Vertreter ausgeübt
Kinder (6–12 Jahre)Eingeschränkte Mitsprache bei altersgerechten Entscheiden
Jugendliche (12–16 Jahre)Zunehmende Eigenständigkeit, Anhörungsrecht bei wichtigen Entscheiden
Minderjährige ab 16Weitgehende Selbstbestimmung in persönlichen Angelegenheiten

11 Anhörungsrecht. Aus Abs. 2 in Verbindung mit Art. 29 Abs. 2 BV (rechtliches Gehör) folgt ein Anhörungsrecht des urteilsfähigen Kindes in Verfahren, die es betreffen. Das Bundesgericht hat in BGE 134 I 347, E. 4.2 präzisiert, dass das Anhörungsrecht nicht schematisch nach Altersgrenzen, sondern nach der konkreten Urteilsfähigkeit des Kindes zu beurteilen ist.

IV. Kindesschutzmassnahmen

12 Art. 11 BV wird durch verschiedene Kindesschutzmassnahmen konkretisiert:

  • Zivilrechtlicher Kindesschutz (Art. 307–317b ZGB): Die Kindesschutzbehörde ergreift Massnahmen zum Schutz des Kindeswohls, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, den Schutz sicherzustellen.
  • Strafrechtlicher Schutz: Die Strafnormen gegen Kindesmisshandlung (Art. 126 Abs. 2 StGB), sexuelle Handlungen mit Kindern (Art. 187 StGB) und Kindes pornography (Art. 197 StGB) setzen den verfassungsrechtlichen Kindesschutz in strafrechtliche Verbote um.
  • Verfahrensrechtlicher Schutz: Art. 154 StPO (Befragung minderjähriger Opfer), Art. 213 StPO (Kindesschutz im Strafverfahren) und das Opferhilfegesetz (OHG) gewährleisten den Schutz im Verfahren.

13 Verhältnis zum Zivilrecht. Das Zivilrecht konkretisiert den verfassungsrechtlichen Kindesschutz in mehrfacher Hinsicht: die elterliche Sorge (Art. 296 ZGB) wird durch das Kindeswohlprinzip (Art. 302 ZGB) begrenzt; die Kindesschutzbehörde (Art. 307 ZGB) kann bei Gefährdung des Kindeswohls eingreifen; und das Namensrecht (Art. 270 ZGB), das Adoptionsrecht (Art. 265 ff. ZGB) und das Unterhaltsrecht (Art. 276 ff. ZGB) dienen der Sicherstellung der kindlichen Grundbedürfnisse.

V. Verhältnis zur UN-Kinderrechtskonvention

14 Die UN-Kinderrechtskonvention (KRK) vom 20. November 1989 (SR 0.107) ist für die Schweiz seit 1997 in Kraft und konkretisiert den verfassungsrechtlichen Kindesschutz. Das Bundesgericht hat wiederholt betont, dass Art. 11 BV und die KRK komplementär sind: Die KRK ist völkerrechtlich verbindlich und beeinflusst die Auslegung von Art. 11 BV im Sinne einer konventionsfreundlichen Auslegung (BGE 135 I 143, E. 3.2).

15 Wesentliche Prinzipien der KRK:

  • Kindeswohlvorrang (Art. 3 KRK): Bei allen Massnahmen, die Kinder betreffen, ist das Kindeswohl vorrangig zu berücksichtigen.
  • Recht auf Gehör (Art. 12 KRK): Kinder haben das Recht, in allen sie betreffenden Angelegenheiten gehört zu werden.
  • Recht auf Leben und Entwicklung (Art. 6 KRK): Jedes Kind hat ein angeborenes Recht auf Leben und Entwicklung.
  • Diskriminierungsverbot (Art. 2 KRK): Kinder dürfen nicht diskriminiert werden.

VI. Drittwirkung

16 Art. 11 BV entfaltet zusammen mit Art. 35 BV Drittwirkung: Private, die staatliche Aufgaben wahrnehmen (z.B. Schulen, Heime, Pflegefamilien), sind an den Kindesschutz gebunden. Auch im Verhältnis zwischen Privaten (z.B. Eltern-Kind, Arbeitgeber-jugendlicher Arbeitnehmer) hat der Kindesschutz durch die mittelbare Drittwirkung Bedeutung (BGE 141 V 557, E. 5).

VII. Abgrenzungen

NormVerhältnis zu Art. 11 BV
Art. 10 BVAllgemeiner Persönlichkeitsschutz — Art. 11 BV ist eine spezifische Ausprägung für Kinder
Art. 12 BVRecht auf Hilfe in Notlagen — ergänzt Art. 11 BV bei wirtschaftlicher Not
Art. 8 Abs. 2 BVDiskriminierungsverbot wegen des Alters — ergänzt den besonderen Kindesschutz
Art. 14 BVEheschliessung und Familie — Kindeswohl als Schranke der elterlichen Autonomie
Art. 307 ZGBKindesschutzmassnahme — konkreisiert Art. 11 BV im Zivilrecht
Art. 187–200 StGBStrafrechtlicher Jugendschutz — konkreisiert den Integritätsschutz
Art. 3 KRKKindeswohlvorrang — völkerrechtliche Konkretisierung

Literatur

  • Botschaft zur neuen Bundesverfassung (BBl 1997 1552, S. 1576 ff.)
  • R. J. A. Balthasar, in: Basler Kommentar BV, 4. Aufl. 2024, Art. 11 N. 1 ff.
  • P. Caroni, Kinderrechte als Verfassungsrechte, in: AJP 2000, S. 1333 ff.
  • Commentary zu Art. 11 BV, in: OnlineKommentar.ch (CC-BY-4.0)
Last updated on