Art. 74 — Beschwerde in Zivilsachen / Streitwertgrenze
Gesetzestext
1 In vermögensrechtlichen Angelegenheiten ist die Beschwerde nur zulässig, wenn der Streitwert mindestens beträgt:
- a.
- 15 000 Franken in arbeits- und mietrechtlichen Fällen;
- b.
- 30 000 Franken in allen übrigen Fällen.
2 Erreicht der Streitwert den massgebenden Betrag nach Absatz 1 nicht, so ist die Beschwerde dennoch zulässig:
- a.
- wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt;
- b.35
- wenn ein Bundesgesetz eine einzige kantonale Instanz vorsieht;
- c.
- gegen Entscheide der kantonalen Aufsichtsbehörden in Schuldbetreibungs- und Konkurssachen;
- d.
- gegen Entscheide des Konkurs- und Nachlassrichters oder der Konkurs- und Nachlassrichterin;
- e.36
- gegen Entscheide des Bundespatentgerichts.
35 Fassung gemäss Anhang 1 Ziff. II 2 der Zivilprozessordnung vom 19. Dez. 2008, in Kraft seit 1. Jan. 2011 (AS 2010 1739; BBl 2006 7221).
36 Eingefügt durch Anhang Ziff. 2 des BG vom 20. März 2009 über das Bundespatentgericht, in Kraft seit 1. Jan. 2012 (AS 2010 513, 2011 2241; BBl 2008 455).
Kommentierung
I. Zentrale Bedeutung und Einordnung
Art. 74 BGG ist die Einlassschranke für die Beschwerde in Zivilsachen ans Bundesgericht. Die Norm regelt zwei Fragen: (1) erreicht der Streitwert die Mindestgrenze (Abs. 1), und (2) wenn nicht, eröffnet eine der Ausnahmen in Abs. 2 den Zugang. Mit über 25'000 Zitaten gehört Art. 74 BGG zu den meistzitierten Normen im Bundesgerichtsverfahren.
Abgrenzung zu Art. 75 BGG: Art. 74 gilt ausschließlich für Zivilsachen (Art. 72 BGG). In öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (Art. 75 BGG) gibt es keine Streitwertgrenze; stattdessen gelten die Eintretensschranken von Art. 82 ff. BGG.
II. Absatz 1 — Streitwertgrenzen
1. Allgemeine Streitwertgrenze (lit. b)
Die reguläre Streitwertgrenze beträgt CHF 30'000. Massgebend ist der Streitwert zum Zeitpunkt der Beschwerdeeinreichung. Bei teilweisen Beschwerden ist nur der im Beschwerdebegehren umstrittene Teil massgebend (BGE 143 III 646 E. 2.1).
Berechnung bei wiederkehrenden Leistungen: Bei Forderungen auf wiederkehrende Leistungen (Miete, Rente) ist der Kapitalwert nicht massgebend. Der Streitwert bestimmt sich nach der Summe der noch offenen Raten, die im Streit stehen. Bei unbefristeten Dauerschuldverhältnissen können die geschuldeten Raten bis zum frühestmöglichen Beendigungszeitpunkt berücksichtigt werden (BGE 137 III 389 E. 3).
2. Ermässigte Streitwertgrenze (lit. a)
In arbeits- und mietrechtlichen Fällen beträgt die Streitwertgrenze nur CHF 15'000. Die ermässigte Schwelle privilegiert schwächere Vertragsparteien (Arbeitnehmer, Mieter), die typischerweise geringere Streitwerte haben.
III. Absatz 2 lit. a — Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung
1. Voraussetzungen
Die wichtigste ausnahmsweise Zulassung bei Unterschreitung der Streitwertgrenze. Eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung liegt vor, wenn sie zu einer erheblichen Rechtsunsicherheit führt und daher dringend einer Klärung durch das Bundesgericht bedarf (BGE 135 III 397 E. 2).
Die Rechtsfrage muss sich erstinstanzlich stellen — blosse Unterschiede in der kantonalen Praxis genügen nicht zwingend, insbesondere wenn die Frage bereits höchstrichterlich geklärt ist (BGE 143 III 290 E. 1.2).
2. Begründungspflicht (Art. 42 Abs. 2 BGG)
Der Beschwerdeführer muss darlegen, warum die Frage grundsätzliche Bedeutung hat. Es genügt nicht, die Frage einfach zu behaupten (BGE 133 III 439 E. 2). Die Begründungspflicht ist besonders streng, wenn die Frage bereits in der Rechtsprechung behandelt wurde.
3. Erstmalige Vorlage
Allein die erstmalige Vorlage einer Frage an das Bundesgericht begründet noch keine grundsätzliche Bedeutung. Massgebend ist, ob die Frage eine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung hat und ob eine erhebliche Rechtsunsicherheit besteht.
4. Beispiele
| Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung | Nicht grundsätzlich |
|---|---|
| Kann das kantonale Recht die Parteientschädigung nach ZPO ausschliessen? (BGE 139 III 182 E. 1.1–1.3) | Bestattungskosten als Streitwert (BGE 135 III 397 E. 2) |
| Indexierte Mietzinse und Mietzinserhöhungen (BGE 137 III 580 E. 1) | Blosse Anwendung bereits geklärter Rechtsfragen |
IV. Absatz 2 lit. b — Einzige kantonale Instanz
Wenn ein Bundesgesetz nur eine einzige kantonale Instanz vorsieht, entfällt die Streitwertgrenze. Der Grund liegt darin, dass der Beschwerdeführer ohnehin kein kantonales Rechtsmittel hat und der Zugang zum Bundesgericht nicht zusätzlich beschränkt werden soll (BGE 138 III 2 E. 1). Das Bundesgericht prüft die Voraussetzung von Amtes wegen.
Anwendungsbeispiele: Mietrechtliches Schlichtungsverfahren (in Kantonen ohne Obergerichtsinstanz), Entscheidungen der eidgenössischen Schiedskommissionen.
V. Absatz 2 lit. c–e — Spezialfälle
- lit. c: Schuldbetreibungs- und Konkurssachen (Aufsichtsbeschwerde) — tiefere Streitwerte sind typisch, daher Ausnahme von der Streitwertgrenze.
- lit. d: Konkurs- und Nachlassrichter — diese Entscheidungen sind generell der Beschwerde zugänglich, unabhängig vom Streitwert.
- lit. e: Bundespatentgericht — einzige kantonale Instanz i.S.v. lit. b, explizit aufgenommen.
VI. Verhältnis zu anderen Beschwerdevorschriften
Art. 74 vs. Art. 75 BGG: Art. 75 BGG (öffentlich-rechtliche Angelegenheiten) kennt keine Streitwertgrenze, dafür gelten Art. 82 ff. BGG (Eintretensschranken nach Sachgebiet).
Art. 74 vs. Art. 83 BGG: Art. 83 BGG enthält Ausnahmen von der Beschwerdezulässigkeit in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten. Die Abgrenzung zwischen Zivilsachen (Art. 72 BGG) und öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (Art. 73 BGG) bestimmt, ob Art. 74 oder Art. 83 BGG anwendbar ist (BGE 133 II 396 E. 2).
Art. 74 vs. Art. 76 BGG: Die Beschwerdelegitimation (Art. 76 BGG) ist eine eigenständige Voraussetzung, die neben die Streitwertgrenze tritt. Auch bei Erreichen der Streitwertgrenze muss der Beschwerdeführer ein rechtliches Interesse nachweisen.
VII. Praxisentwicklung
| Jahr | BGE | Regel |
|---|---|---|
| 2007 | BGE 133 III 439 | Grundsätzliche Zulässigkeit der Beschwerde in Zivilsachen; Begründungsanforderungen |
| 2008 | BGE 134 III 477 | Begriff der arbeitsrechtlichen Streitigkeit i.S.v. Art. 74 Abs. 1 lit. a |
| 2009 | BGE 135 III 397 | Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung: erhebliche Rechtsunsicherheit |
| 2012 | BGE 138 III 2 | Einzige kantonale Instanz: Streitwertgrenze entfällt (Zusatzversicherung) |
| 2011 | BGE 137 III 389 | Streitwertberechnung bei Mietkündigung |
| 2011 | BGE 137 III 580 | Rechtsfrage bei Mietzinserhöhungen, indexierte Mietzinse |
| 2013 | BGE 139 III 182 | Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung: Parteientschädigung nach ZPO |
| 2017 | BGE 143 III 290 | Divergenz in kantonaler Praxis genügt nicht |
| 2017 | BGE 143 III 646 | Streitwert bei Teilklagen |
| 2020 | BGE 146 III 427 | Erstmalige Vorlage allein genügt nicht |
Querverweise
- Art. 72 BGG — Zivilrechtssachen (noch nicht kommentiert)
- Art. 75 BGG — Öffentlich-rechtliche Angelegenheiten (noch nicht kommentiert)
- Art. 83 BGG — Ausnahmen von der Beschwerde
- Art. 76 BGG — Beschwerdelegitimation