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Art. 74 — Beschwerde in Zivilsachen / Streitwertgrenze

Gesetzestext

Art. 74 BGG — Streitwertgrenze

¹ In vermögensrechtlichen Angelegenheiten ist die Beschwerde nur zulässig, wenn der Streitwert mindestens beträgt: a. 15 000 Franken in arbeits- und mietrechtlichen Fällen; b. 30 000 Franken in allen übrigen Fällen.

² Erreicht der Streitwert den massgebenden Betrag nach Absatz 1 nicht, so ist die Beschwerde dennoch zulässig: a. wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt; b. wenn ein Bundesgesetz eine einzige kantonale Instanz vorsieht; c. gegen Entscheide der kantonalen Aufsichtsbehörden in Schuldbetreibungs- und Konkurssachen; d. gegen Entscheide des Konkurs- und Nachlassrichters oder der Konkurs- und Nachlassrichterin; e. gegen Entscheide des Bundespatentgerichts.

Kommentierung

I. Zentrale Bedeutung und Einordnung

Art. 74 BGG ist die Einlassschranke für die Beschwerde in Zivilsachen ans Bundesgericht. Die Norm regelt zwei Fragen: (1) erreicht der Streitwert die Mindestgrenze (Abs. 1), und (2) wenn nicht, eröffnet eine der Ausnahmen in Abs. 2 den Zugang. Mit über 25'000 Zitaten gehört Art. 74 BGG zu den meistzitierten Normen im Bundesgerichtsverfahren.

Abgrenzung zu Art. 75 BGG: Art. 74 gilt ausschließlich für Zivilsachen (Art. 72 BGG). In öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (Art. 75 BGG) gibt es keine Streitwertgrenze; stattdessen gelten die Eintretensschranken von Art. 82 ff. BGG.

II. Absatz 1 — Streitwertgrenzen

1. Allgemeine Streitwertgrenze (lit. b)

Die reguläre Streitwertgrenze beträgt CHF 30'000. Massgebend ist der Streitwert zum Zeitpunkt der Beschwerdeeinreichung. Bei teilweisen Beschwerden ist nur der im Beschwerdebegehren umstrittene Teil massgebend (BGE 143 III 646 E. 2.1).

Berechnung bei wiederkehrenden Leistungen: Bei Forderungen auf wiederkehrende Leistungen (Miete, Rente) ist der Kapitalwert nicht massgebend. Der Streitwert bestimmt sich nach der Summe der noch offenen Raten, die im Streit stehen. Bei unbefristeten Dauerschuldverhältnissen können die geschuldeten Raten bis zum frühestmöglichen Beendigungszeitpunkt berücksichtigt werden (BGE 137 III 389 E. 3).

2. Ermässigte Streitwertgrenze (lit. a)

In arbeits- und mietrechtlichen Fällen beträgt die Streitwertgrenze nur CHF 15'000. Die ermässigte Schwelle privilegiert schwächere Vertragsparteien (Arbeitnehmer, Mieter), die typischerweise geringere Streitwerte haben. Der Begriff der arbeitsrechtlichen Streitigkeit wird extensiv ausgelegt und umfasst auch Anspruchsfeststellungsklagen (BGE 134 III 477 E. 2).

III. Absatz 2 lit. a — Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung

1. Voraussetzungen

Die wichtigste ausnahmsweise Zulassung bei Unterschreitung der Streitwertgrenze. Eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung liegt vor, wenn sie zu einer erheblichen Rechtsunsicherheit führt und daher dringend einer Klärung durch das Bundesgericht bedarf (BGE 135 III 397 E. 2).

Die Rechtsfrage muss sich erstinstanzlich stellen — blosse Unterschiede in der kantonalen Praxis genügen nicht zwingend, insbesondere wenn die Frage bereits höchstrichterlich geklärt ist (BGE 143 III 290 E. 1.2).

2. Begründungspflicht (Art. 42 Abs. 2 BGG)

Der Beschwerdeführer muss darlegen, warum die Frage grundsätzliche Bedeutung hat. Es genügt nicht, die Frage einfach zu behaupten (BGE 133 III 439 E. 2). Die Begründungspflicht ist besonders streng, wenn die Frage bereits in der Rechtsprechung behandelt wurde.

3. Erstmalige Vorlage

Allein die erstmalige Vorlage einer Frage an das Bundesgericht begründet noch keine grundsätzliche Bedeutung. Massgebend ist, ob die Frage eine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung hat und ob eine erhebliche Rechtsunsicherheit besteht (BGE 146 III 427 E. 2.2).

4. Beispiele

Rechtsfrage von grundsätzlicher BedeutungNicht grundsätzlich
Kann das kantonale Recht die Parteientschädigung nach ZPO ausschliessen? (BGE 139 III 182)Bestattungskosten als Streitwert (BGE 135 III 397)
Indexierte Mietzinse und Mietzinserhöhungen (BGE 137 III 580)Blosse Anwendung bereits geklärter Rechtsfragen

IV. Absatz 2 lit. b — Einzige kantonale Instanz

Wenn ein Bundesgesetz nur eine einzige kantonale Instanz vorsieht, entfällt die Streitwertgrenze. Der Grund liegt darin, dass der Beschwerdeführer ohnehin kein kantonales Rechtsmittel hat und der Zugang zum Bundesgericht nicht zusätzlich beschränkt werden soll (BGE 135 III 471 E. 2). Das Bundesgericht prüft die Voraussetzung von Amtes wegen.

Anwendungsbeispiele: Mietrechtliches Schlichtungsverfahren (in Kantonen ohne Obergerichtsinstanz), Entscheidungen der eidgenössischen Schiedskommissionen.

V. Absatz 2 lit. c–e — Spezialfälle

  • lit. c: Schuldbetreibungs- und Konkurssachen (Aufsichtsbeschwerde) — tiefere Streitwerte sind typisch, daher Ausnahme von der Streitwertgrenze.
  • lit. d: Konkurs- und Nachlassrichter — diese Entscheidungen sind generell der Beschwerde zugänglich, unabhängig vom Streitwert.
  • lit. e: Bundespatentgericht — einzige kantonale Instanz i.S.v. lit. b, explizit aufgenommen.

VI. Verhältnis zu anderen Beschwerdevorschriften

Art. 74 vs. Art. 75 BGG: Art. 75 BGG (öffentlich-rechtliche Angelegenheiten) kennt keine Streitwertgrenze, dafür gelten Art. 82 ff. BGG (Eintretensschranken nach Sachgebiet).

Art. 74 vs. Art. 83 BGG: Art. 83 BGG enthält Ausnahmen von der Beschwerdezulässigkeit in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten. Die Abgrenzung zwischen Zivilsachen (Art. 72 BGG) und öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (Art. 73 BGG) bestimmt, ob Art. 74 oder Art. 83 BGG anwendbar ist (BGE 133 II 396 E. 2).

Art. 74 vs. Art. 76 BGG: Die Beschwerdelegitimation (Art. 76 BGG) ist eine eigenständige Voraussetzung, die neben die Streitwertgrenze tritt. Auch bei Erreichen der Streitwertgrenze muss der Beschwerdeführer ein rechtliches Interesse nachweisen.

VII. Praxisentwicklung

JahrBGERegel
2007BGE 133 III 439Grundsätzliche Zulässigkeit der Beschwerde in Zivilsachen; Begründungsanforderungen
2008BGE 134 III 477Begriff der arbeitsrechtlichen Streitigkeit i.S.v. Art. 74 Abs. 1 lit. a
2009BGE 135 III 397Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung: erhebliche Rechtsunsicherheit
2009BGE 135 III 471Einzige kantonale Instanz: Streitwertgrenze entfällt
2011BGE 137 III 389Streitwertberechnung bei Mietkündigung
2011BGE 137 III 580Rechtsfrage bei Mietzinserhöhungen, indexierte Mietzinse
2013BGE 139 III 182Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung: Parteientschädigung nach ZPO
2017BGE 143 III 290Divergenz in kantonaler Praxis genügt nicht
2017BGE 143 III 646Streitwert bei Teilklagen
2020BGE 146 III 427Erstmalige Vorlage allein genügt nicht

Querverweise

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