Art. 55 ATSG — Anwendbarkeit des VwVG
Gesetzeswortlaut
1 In den Artikeln 27–54 oder in den Einzelgesetzen nicht abschliessend geregelte Verfahrensbereiche bestimmen sich nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz vom 20. Dezember 196844.
1bis Der Bundesrat kann vorsehen, dass die Bestimmungen des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 über den elektronischen Verkehr mit Behörden auch für Verfahren nach diesem Gesetz gelten.45
2 Das Verfahren vor einer Bundesbehörde richtet sich nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz vom 20. Dezember 1968, ausser wenn sie über sozialversicherungsrechtliche Leistungen, Forderungen und Anordnungen entscheidet.
45 Eingefügt durch Anhang Ziff. 106 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005, in Kraft seit 1. Jan. 2007 (AS 2006 2197; BBl 2001 4202).
Kommentierung
Bedeutung
1 Normzweck und Subsidiaritätsklausel. Art. 55 ATSG regelt das Verhältnis zwischen dem ATSG-Verfahrensrecht und dem Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Die Bestimmung verankert eine Subsidiaritätsklausel: Das ATSG (Art. 27–54) geht als lex specialis vor; das VwVG füllt verfahrensrechtliche Lücken aus, soweit weder das ATSG noch die spezialgesetzlichen Bestimmungen (AHVG, IVG, UVG, KVG etc.) eine abschliessende Ordnung enthalten (BGE 132 V 418 E. 2.3.1; BGer 8C_672/2025 vom 28. Mai 2026 E. 5.2.2).
2 Zentrale Abgrenzung: Verwaltungsverfahren vs. Beschwerdeverfahren. Art. 55 Abs. 1 ATSG erfasst ausschliesslich das Verwaltungsverfahren und das Einspracheverfahren (Art. 27–54 ATSG). Das gerichtliche Beschwerdeverfahren vor den kantonalen Versicherungsgerichten (Art. 56–62 ATSG) richtet sich nach dem ATSG und subsidiär nach kantonalem Prozessrecht. Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht (BVGer) richtet sich nach dem VwVG direkt via Art. 37 VGG — nicht via Art. 55 ATSG (BGE 132 V 418 E. 2.3.1; BGer 8C_672/2025 E. 5.2.2).
Prüfschema
1. Welches Verfahrensstadium?
├─ Verwaltungsverfahren / Einspracheverfahren (Art. 27–54 ATSG)
│ → Art. 55 Abs. 1 ATSG: VwVG subsidiär anwendbar
├─ Beschwerdeverfahren vor kantonalem Versicherungsgericht (Art. 56–62 ATSG)
│ → ATSG + kantonales Prozessrecht; Art. 55 ATSG NICHT anwendbar
├─ Verfahren vor BVGer / TAF
│ → VwVG direkt via Art. 37 VGG; Art. 55 ATSG NICHT anwendbar
└─ Verfahren vor Bundesgericht
→ BGG; Art. 55 ATSG NICHT anwendbar
2. Ist der Bereich durch ATSG (Art. 27–54) oder Einzelgesetz abschliessend geregelt?
├─ Ja → VwVG verdrängt (lex specialis)
└─ Nein → VwVG-Institute subsidiär anwendbar
3. Welches VwVG-Institut?
├─ Ausstandsregeln (Art. 10 VwVG i.V.m. Art. 36 ATSG)
├─ Parteivertreter/Vollmachten (Art. 11 VwVG)
├─ Rechtliches Gehör / Akteneinsicht (Art. 26–33 VwVG)
├─ Fristenwiederherstellung (Art. 24 VwVG i.V.m. Art. 40 Abs. 3 ATSG)
├─ Mitwirkungsrechte bei Gutachtenanordnung (Art. 19 VwVG)
└─ Elektronischer Rechtsverkehr (Art. 21a VwVG via Abs. 1bis)I. Subsidiäre Heranziehung des VwVG im Verwaltungsverfahren (Abs. 1)
3 Lückenfüllung in Kernbereichen. Über Art. 55 Abs. 1 ATSG finden zentrale VwVG-Institute im Sozialversicherungsverfahren Anwendung, darunter:
- Ausstandsregeln (Art. 10 VwVG i.V.m. Art. 36 ATSG; BGE 137 V 210 E. 3.4),
- Parteivertreter und Vollmachten (Art. 11 VwVG),
- Rechtliches Gehör und Akteneinsicht (Art. 26–33 VwVG ergänzend zu Art. 42 und 47 ATSG; BGE 130 V 388 E. 2.2),
- Fristenwiederherstellung (Art. 24 VwVG i.V.m. Art. 40 Abs. 3 ATSG; BGE 131 V 314 E. 4.3),
- Mitwirkungsrechte bei Gutachtenanordnung (Art. 19 VwVG; BGer 8C_445/2025 vom 10. Juli 2026 E. 9.3).
4 Grenzen der Subsidiarität. Enthält das ATSG eine bewusste Sonderregelung (z.B. Schriftlichkeitsgebot für Verfügungen nach Art. 49 Abs. 1 ATSG, spezifisches Einspracheverfahren nach Art. 52 ATSG), verdrängt diese abweichende VwVG-Bestimmungen vollständig.
5 Geltung auch für kantonale Durchführungsorgane. Art. 55 Abs. 1 ATSG bindet auch kantonale Durchführungsorgane (IV-Stellen, Ausgleichskassen), wenn sie Bundes-Sozialversicherungsrecht vollziehen. Das VwVG dient als bundesrechtliche Auffangordnung; kantonales Verfahrensrecht darf nur herangezogen werden, wo das Bundesrecht den Kantonen ausdrücklich Organisations- oder Verfahrensautonomie einräumt (z.B. Art. 61 ATSG für das kantonale Gerichtsverfahren; BGE 140 V 58 E. 4.2).
II. Mitwirkungsrechte bei Gutachtenanordnung — VwVG als Korrektiv
6 Anfechtbarkeit der Gutachtenanordnung. Art. 44 ATSG (Gutachten) regelt die Begutachtung als Teil des Abklärungsverfahrens, ist aber nicht abschliessend. Bei Uneinigkeit zwischen Versicherungsträger und versicherter Person über die Anordnung eines Gutachtens finden über Art. 55 ATSG i.V.m. Art. 19 VwVG die Mitwirkungsrechte Anwendung. Der Versicherungsträger muss weiterhin eine anfechtbare Zwischenverfügung erlassen (BGer 8C_445/2025 vom 10. Juli 2026 E. 9.3).
7 Hintergrund: WEIV-Revision 2022. Mit der Weiterentwicklung der IV (per 1. Januar 2022) wurden Art. 43 Abs. 1bis und Art. 44 ATSG neu gefasst. Der Gesetzgeber räumte dem Versicherungsträger die alleinige Entscheidkompetenz im Abklärungsverfahren ein. Das Bundesgericht legte Art. 44 ATSG in verfassungs- und konventionskonformer Auslegung als nicht abschliessend aus: Die Mitwirkungsrechte der versicherten Person bei der Gutachtenanordnung bleiben über Art. 55 ATSG i.V.m. VwVG gewahrt (BGer 8C_445/2025 E. 9.1–9.3). KSVI Rz. 3067.1, die den Erlass einer Zwischenverfügung ablehnt, verstösst gegen Bundesrecht.
III. Elektronischer Rechtsverkehr (Abs. 1bis)
8 Geltung von Art. 21a VwVG. Mit Abs. 1bis wurde die Grundlage geschaffen, den elektronischen Verkehr mit Behörden (Art. 21a VwVG) im Sozialversicherungsrecht anzuwenden. Eingaben mit anerkannter qualifizierter elektronischer Signatur sind der eigenhändigen Unterschrift gleichgestellt.
9 Wichtige Abgrenzung: Verwaltungsverfahren vs. Beschwerdeverfahren vor dem TAF. Art. 55 Abs. 1bis ATSG betrifft nur das Verwaltungsverfahren (Art. 27–54 ATSG). Für das Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht (TAF) gilt Art. 21a VwVG direkt via Art. 37 VGG — nicht via Art. 55 Abs. 1bis ATSG. Das TAF darf eine qualifiziert elektronisch signierte Beschwerde in einer IV-Angelegenheit nicht mit der Begründung als unzulässig abweisen, Art. 55 Abs. 1bis ATSG gelte nicht für das Beschwerdeverfahren (BGer 8C_672/2025 vom 28. Mai 2026 E. 5.2.2). Die Verweisung in Art. 3 lit. dbis VwVG betrifft ausschliesslich das Verwaltungsverfahren nach Art. 27–54 ATSG.
IV. Verfahren vor Bundesbehörden (Abs. 2)
10 Differenzierung nach Sachmaterie. Entscheidet eine Bundesbehörde (z.B. das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV) nicht über konkrete Leistungsansprüche, sondern über administrative Aufsichtsfragen oder Genehmigungen, gelangt das VwVG direkt zur Anwendung. Geht es um Einzelfallleistungen, greift das ATSG-Regime.
Kasuistik: Fallgruppen der Anwendbarkeit
Tabelle 1: Verfahrensstadien und massgebliches Verfahrensrecht
| Stadium | Massgebliches Recht | Art. 55 ATSG anwendbar? | Leitentscheid |
|---|---|---|---|
| Verwaltungsverfahren (IV-Stelle, Ausgleichskasse) | ATSG (Art. 27–54) + VwVG subsidiär | Ja (Abs. 1) | BGE 130 V 388 E. 2.2 |
| Einspracheverfahren | ATSG (Art. 52) + VwVG subsidiär | Ja (Abs. 1) | BGE 140 V 58 E. 4.2 |
| Beschwerde vor kant. Versicherungsgericht | ATSG (Art. 56–62) + kantonales Prozessrecht | Nein | BGE 132 V 418 E. 2.3.1 |
| Beschwerde vor BVGer / TAF | VwVG direkt via Art. 37 VGG | Nein | BGer 8C_672/2025 E. 5.2.2 |
| Beschwerde vor Bundesgericht | BGG | Nein | — |
Tabelle 2: VwVG-Institute im Sozialversicherungsverfahren
| VwVG-Institut | ATSG-Bezug | Praxisrelevanz | Leitentscheid |
|---|---|---|---|
| Art. 10 VwVG (Ausstand) | Art. 36 ATSG | Sachverständige, Durchführungsorgane | BGE 137 V 210 E. 3.4 |
| Art. 19 VwVG (Mitwirkung) | Art. 44 ATSG | Gutachtenanordnung bei Uneinigkeit | BGer 8C_445/2025 E. 9.3 |
| Art. 21a VwVG (elektronisch) | Art. 55 Abs. 1bis ATSG | Eingaben mit QES | BGer 8C_672/2025 E. 5.2.2 |
| Art. 24 VwVG (Fristen) | Art. 40 Abs. 3 ATSG | Fristenwiederherstellung | BGE 131 V 314 E. 4.3 |
| Art. 26–33 VwVG (Gehör) | Art. 42, 47 ATSG | Akteneinsicht, Beweisabnahme | BGE 138 V 218 E. 3.2 |
Praxishinweise
Für Versicherungsträger und Durchführungsorgane:
Gutachtenanordnung bei Uneinigkeit: Zwischenverfügung zwingend. Will der Versicherungsträger ein Gutachten anordnen, mit dem die versicherte Person nicht einverstanden ist, muss er eine anfechtbare Zwischenverfügung erlassen. Art. 44 ATSG ist nicht abschliessend; die Mitwirkungsrechte aus Art. 55 ATSG i.V.m. Art. 19 VwVG bleiben gewahrt. KSVI Rz. 3067.1 ist bundesrechtswidrig (BGer 8C_445/2025 E. 9.3).
Elektronische Eingaben akzeptieren. Im Verwaltungsverfahren sind Eingaben mit qualifizierter elektronischer Signatur (QES) der eigenhändigen Unterschrift gleichgestellt (Art. 55 Abs. 1bis ATSG i.V.m. Art. 21a VwVG). Eine gewöhnliche E-Mail ohne QES genügt nicht; die Partei ist aber unter dem Gesichtspunkt des überspitzten Formalismus (Art. 29 Abs. 1 BV) mit einer kurzen Nachfrist zur Nachreichung aufzufordern.
VwVG-Institute im Verwaltungsverfahren kennen. Ausstand (Art. 10 VwVG), Parteivertretung (Art. 11 VwVG), Akteneinsicht (Art. 26–33 VwVG) und Fristenwiederherstellung (Art. 24 VwVG) gelten im Verwaltungsverfahren subsidiär. Bei einer Lücke im ATSG immer prüfen, ob das VwVG die Lücke füllt.
Für anwaltliche Vertretung:
Beschwerde vor TAF: elektronisch einreichen. Das TAF muss eine qualifiziert elektronisch signierte Beschwerde in Sozialversicherungssachen akzeptieren. Art. 55 Abs. 1bis ATSG ist zwar nicht direkt anwendbar, aber Art. 21a VwVG gilt via Art. 37 VGG direkt. Eine Ablehnung mit dem Argument, Art. 55 Abs. 1bis ATSG gelte nur für das Verwaltungsverfahren, ist bundesrechtswidrig (BGer 8C_672/2025 E. 5.2.2).
Mitwirkungsrechte bei Gutachtenanordnung geltend machen. Wird ein Gutachten angeordnet, ohne dass die versicherte Person gehört wurde, kann sie verlangen, dass eine anfechtbare Zwischenverfügung erlassen wird. Die Anfechtbarkeit der Gutachtenanordnung ergibt sich aus Art. 55 ATSG i.V.m. VwVG — auch nach der WEIV-Revision 2022 (BGer 8C_445/2025 E. 9.3).
Verfahrensstadium korrekt bestimmen. Ob das VwVG subsidiär anwendbar ist, hängt vom Verfahrensstadium ab: Im Verwaltungsverfahren ja, im Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Gericht nein (Art. 56–62 ATSG + kantonales Recht), vor dem TAF nein (Art. 37 VGG). Die falsche Einordnung führt zu verfehlten Rügen.
Querverweise
- Art. 44 ATSG — Gutachten (Mitwirkungsrechte, WEIV-Revision 2022)
- Art. 52 ATSG — Einspracheverfahren
- Art. 56 ATSG — Beschwerde gegen Einspracheentscheide
- Art. 37 VGG — Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht
- Art. 21a VwVG — Elektronischer Verkehr mit Behörden
Literatur
- Kieser Ueli, ATSG-Kommentar, 5. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2024, Art. 55 N 1–38.
- Pärli Kurt / Kunz Stefan, Basler Kommentar ATSG, 2. Aufl., Basel 2025, Art. 55.
- Skoulikas / Défago Gaudin, in: Commentaire romand, Loi sur la partie générale des assurances sociales, 2e éd. 2025, N. 11 ad Art. 55 LPGA.
- Oswald Diana, in: Kommentar zum Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG], 5. Aufl. 2024, N. 23 ad Art. 55 LPGA.