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Rechtsprechung zu Art. 6 ATSG — Arbeitsunfähigkeit

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I. Leitentscheide

BGE 130 V 343 — Definition und Drei-Stufen-Modell

  • Kernaussage: Definition der Begriffe Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit und Invalidität. Die Arbeitsunfähigkeit ist die gesundheitlich bedingte Unfähigkeit, im bisherigen Beruf zumutbare Arbeit zu leisten. Nach längerer Dauer ist auf eine zumutbare Ersatztätigkeit abzustellen (E. 2.1 & 3.1–3.6).

BGE 141 V 281 — Einführung des strukturierten Beweisverfahrens

  • Kernaussage: Bei psychosomatischen Leiden (somatoforme Schmerzstörung) gilt keine Vermutung der Überwindbarkeit mehr; die Arbeitsunfähigkeit ist im Rahmen eines strukturierten Beweisverfahrens anhand von Standardindikatoren (funktioneller Schweregrad und Konsistenz) nachzuweisen (E. 5–7).

BGE 143 V 418 — Ausdehnung auf alle psychischen Erkrankungen

  • Kernaussage: Das strukturierte Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 findet ausnahmslos auf sämtliche psychischen Störungen Anwendung. Die Prüfung der funktionellen Einschränkung im Alltag steht im Zentrum (E. 4).

BGE 143 V 409 — Arbeitsunfähigkeit bei depressiven Störungen

  • Kernaussage: Leicht- bis mittelgradige depressive Episoden begründen nur dann eine rentenrelevante Arbeitsunfähigkeit, wenn sie nach den Regeln des strukturierten Beweisverfahrens zu einer dauerhaften funktionellen Einschränkung führen und therapieresistent sind (E. 3–5).

BGE 145 V 215 — Abhängigkeitssyndrome und Suchterkrankungen

  • Kernaussage: Primäre Suchterkrankungen (Abhängigkeitssyndrome) sind als eigenständige psychische Krankheiten anzuerkennen; ihre Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ist im strukturierten Beweisverfahren zu prüfen (E. 3).

BGE 140 V 193 — Aufgabenteilung bei Verweisungstätigkeiten

  • Kernaussage: Klare Trennung zwischen ärztlicher Feststellung des medizinischen Leistungsprofils und rechtsanwendender Bestimmung der konkreten zumutbaren Ersatztätigkeiten durch die Verwaltung bzw. Gerichte (E. 4).

II. Weitere Entscheide

BGE 137 V 210 — Verfahrensgarantien bei MEDAS-Begutachtungen

  • Kernaussage: Anforderungen an ein faires Begutachtungsverfahren; Parteirechte bei der Gutachterauswahl und Einholung von MEDAS-Expertisen (E. 4.2).

BGE 135 V 465 — Beweiswürdigung von Arztberichten

  • Kernaussage: Freie richterliche Beweiswürdigung; Differenzierung zwischen Berichten der behandelnden Ärzte (Erfahrungstatsache der Patientennähe) und versicherungsinternen bzw. gerichtlichen Gutachten (E. 4.5).

BGE 143 V 124 — Beweiswert polydisziplinärer Gutachten

  • Kernaussage: Ein interdisziplinäres Gutachten verlangt eine substantielle Konsensbesprechung der beteiligten Fachdisziplinen; fehlt ein echter Konsens, ist der Beweiswert gemindert (E. 4).

BGE 142 V 504 — Arbeitsunfähigkeit im Aufgabenbereich (Haushalt)

  • Kernaussage: Bei Nichterwerbstätigen ist die Arbeitsunfähigkeit anhand einer konkreten Haushaltsabklärung an Ort und Stelle unter Berücksichtigung der zumutbaren Mithilfe von Familienangehörigen zu quantifizieren (E. 4.1).

BGE 146 V 252 — Somme-Prinzip bei Mehrfachleiden

  • Kernaussage: Bei Zusammentreffen mehrerer physischer und psychischer Leiden ist die Gesamtwirkung auf die Leistungsfähigkeit massgebend; eine blosse Addition der medizinischen Teilprozente genügt nicht (E. 4.1).

BGer 8C_3/2026 vom 15.01.2026 — Stellenangebote bei Revisionsprüfung

  • Kernaussage: Konkrete Stellenangebote im angestammten Tätigkeitsbereich sind bei der Beurteilung der Invaliditätskarriere und der Selbsteingliederungsmöglichkeit zu berücksichtigen.