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Rechtsprechung zu Art. 344 StPO

Leitentscheide

  • BGE 143 IV 63 — Anklagegrundsatz und rechtliche Würdigung; das Gericht ist an den Anklagesachverhalt gebunden, nicht aber an die rechtliche Würdigung (Immutabilitätsprinzip vs. iura novit curia)
  • BGE 140 IV 188 — Würdigungsvorbehalt ersetzt nicht mangelhafte Anklage; Art. 344 StPO bezieht sich nur auf abweichende rechtliche Beurteilung
  • BGE 149 IV 42 — Abgrenzung Anklageänderung vs. abweichende rechtliche Würdigung; Art. 333 Abs. 1 StPO nur anwendbar, wenn Anklagesachverhalt anderen Straftatbestand erfüllen könnte
  • BGE 126 I 19 — Rechtliches Gehör bei abweichender rechtlicher Würdigung (altrechtliche massgebende Entscheidung); Anspruch auf Stellungnahme bei schärferer Strafe oder anderem Straftatbestand

Sinn und Zweck / Voraussetzungen

  • BGer, 6B_941/2018 v. 6.3.2019 — Verstoss gegen Art. 344 StPO bei Umqualifikation Verleumdung → üble Nachrede; Verstoss geringfügig, da Verteidigung nicht beeinträchtigt
  • BGer, 6B_1025/2014 v. 9.2.2015 — Würdigungsvorbehalt im schriftlichen Berufungsverfahren; schriftliche Eröffnung genügt
  • BGer, 6B_749/2017 v. 12.2.2018 — Form des Würdigungsvorbehalts; kann auch im Zeitpunkt der Urteilsberatung ergehen; unzutreffende Formulierung schadet nicht
  • BGer, 6B_531/2018 v. 2.11.2018 — Zeitpunkt der Ankündigung; rechtzeitig, spätestens vor Abschluss des Beweisverfahrens

Grenzen der abweichenden rechtlichen Würdigung

  • BGer, 6B_638/2019 v. 17.10.2019 — Art. 344 StPO nicht anwendbar, wenn neue Qualifikation nicht unter Anklagesachverhalt subsumierbar; dann Art. 333 Abs. 1 StPO
  • BGer, 1B_96/2018 v. 24.5.2018 — Voraussetzung: Anklagesachverhalt muss alle Tatbestandselemente des neuen Delikts genügend umschreiben
  • BGer, 6B_1055/2022 v. 21.12.2023 — Neue Tatbestandselemente erfordern Anklageergänzung; Wechsel der gesetzlichen Grundlage geht über blosse Umqualifikation hinaus
  • BGer, 6B_873/2015 v. 20.4.2016 — Umqualifikation Täterschaft → Gehilfenschaft zulässig (a maiore ad minus)
  • BGer, 7B_11/2021 v. 15.8.2023 — Kein Ankündigungserfordernis bei in maiore minus, wenn Beschuldigter sich selbst zur milderen Qualifikation geäussert
  • AppGer BS, SB.2018.60 v. 9.12.2018 — Umqualifikation Vorsatz → Fahrlässigkeit unzulässig ohne Anklageänderung; pflichtwidrige Unvorsichtigkeit nicht umschrieben
  • AppGer BS, SB.2018.111 v. 13.4.2019 — Bestätigung von SB.2018.60

Sanktion bei Verletzung

  • BGer, 6B_941/2018 v. 6.3.2019 — Verletzung von Art. 344 StPO, aber geringfügig; Aufhebung nicht zwingend, wenn Verteidigung nicht beeinträchtigt
  • BGer, 6B_284/2024 v. 4.9.2024 — Verletzung des Anklagegrundsatzes bei Umqualifikation versuchte Tötung → Gefährdung des Lebens; Art. 344 StPO offen gelassen

Selbstvortrag der Verteidigung

  • OGer LU, 4M 21 93 v. 28.3.2022 — Kein Würdigungsvorbehalt nötig, wenn Verteidigung selbst die Rechtsnorm vorbringt

Beurteilungspflicht

  • OGer BE, BK 24 454 v. 14.4.2022 — Art. 344 StPO entbindet nicht von Beurteilungspflicht; Freispruch statt Einstellung

Würdigungsvorbehalt im Berufungsverfahren

  • BStGer CA.2023.7 v. 18.12.2023 — Würdigungsvorbehalt gilt sinngemäss im Berufungsverfahren (Art. 344 i.V.m. Art. 379, Art. 405 Abs. 1)
  • BStGer SK.2019.53 v. 27.2.2020 — Hinweis kann schon vor der Hauptverhandlung ergehen (Prozessökonomie)
  • BStGer TPF 2010 39 v. 3.11.2009 — Zweck des Würdigungsvorbehalts: Verwirklichung des Anklagegrundsatzes

Reformatio in peius

  • BGE 139 IV 282 — Verschlechterungsverbot auch bei härterer rechtlicher Qualifikation; massgeblich ist das Dispositiv

Verwaltungsstrafrecht

  • BGer, 6B_928/2020 v. 6.9.2021 — Art. 344 StPO gilt sinngemäss im Verwaltungsstrafrecht

EGMR

  • EGMR, Pélissier et Sassi c. France [GC], 25444/94 v. 25.3.1999 — Recht auf Unterrichtung über rechtliche Qualifikation (Art. 6 Ziff. 3 lit. a EMRK)
  • EGMR, Diallo c. Suisse, 16847/07 v. 19.3.2013 — Umqualifikation nicht per se konventionswidrig, wenn Gelegenheit zur Stellungnahme bestand
  • EGMR, Drassich c. Italie, 25575/04 v. 11.12.2007 — Verletzung von Art. 6 Ziff. 3 lit. a und b EMRK bei Umqualifikation ohne ausreichende Verteidigungsmöglichkeit